Who Wants To Live Forever?

Tja, gute Frage – die natürlich den Haken hat, dass auch lautes „Hier“-Schreien niemanden unsterblich macht. Allerdings vermuten einige, dass schon heute Menschen leben, die unfassbare 150 Jahre alt werden könnten! Stimmt das, und wenn ja, unter welchen Bedingungen kann das gelingen?

Autorin: Carmen Schnitzer

Sie kam 1903 als Frühchen zur Welt und musste mit der Milch verschiedener Ammen aufgepäppelt werden. Glücklicherweise entwickelte sich die Kleine prächtig, wurde erwachsen, heiratete und wurde Mutter. Doch dann zerstörte der Zweite Weltkrieg die Familie, ihr Ehemann und einer ihrer beiden Söhne starben. Sie selbst aber war zäh, führte das gemeinsame Reiskuchen-Geschäft bis zu ihrem 63. Lebensjahr weiter und genoss danach das Rentnerinnenleben, indem sie reiste, Gedichte schrieb, Mathematikunterricht nahm und leidenschaftlich gern das japanische Brettspiel Othello spielte – was sie alles bis heute tut! Am 2. Januar dieses Jahres feierte Kane Tanaka ihren 116. Geburtstag. Sie gilt offiziell als ältester lebender Mensch der Erde – und ist damit die dritte Japanerin in Folge, die diesen Titel trägt. Zuvor führte ihn Chiyo Miyako, die am 22. Juli 2018 117-jährig starb. Am erwiesenermaßen ältesten wurde die 1997 verstorbene Französin Jeanne Calment, die am 21. Februar 1875 das Licht der Welt erblickt hatte. Zur  Verdeutlichung des Zeitraumes: Als Jugendliche war sie dem Maler Vincent van Gogh (1853-1890) begegnet, der im Laden ihrer Verwandten Leinwände kaufte – als Seniorin wiederum erlebte sie unter anderem die deutsche Wiedervereinigung.

Was fast unmöglich klingt und uns heute staunen lässt, soll, glaubt man verschiedenen Schlagzeilen der letzten Jahre, in wenigen Jahrzehnten bereits die Regel sein. Teilweise prognostizieren optimistische Altersforscher*innen sogar eine künftige Lebenserwartung von 150 Jahren – die übrigens der Indonesier Mbah Gotho (1870-2017) bereits beinahe erreicht haben soll, wenngleich unabhängige Gutachter das nicht offiziell betätigen konnten. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt derzeit in Deutschland bei 78,3 (Männer) bzw. 83,2 Jahren (Frauen), wie das Statistische Bundesamt im Oktober vergangenen Jahres mitteilte. (Die Tabelle auf Seite XX bezieht sich auf das Jahr 2016 und weicht darum von diesen Angaben leicht ab.) Weltweit werden Frauen durchschnittlich 75,6 Jahre, Männer 70,5 Jahre. Noch 1950 lag diese bei 52,9 bzw. 48,1 Jahren (Quelle: WHO) – was für ein enormer Anstieg! Guckt man genauer hin, lässt sich die weit verbreitete Annahme, dass Menschen seit Jahrzehnten immer älter werden, allerdings nur bedingt halten. Denn eine gestiegene durchschnittliche Lebenserwartung bedeutet nicht zwingend, dass wir auch ein höheres Alter erreichen als unsere Vorfahren. Klingt paradox? Möglich, ist aber schlicht Statistik: Noch um 1900 herum war z.B. die Säuglingssterblichkeit unter anderem aufgrund mangelnder Hygiene deutlich höher als sie es heute ist, außerdem sorgten in den letzten Jahrhunderten Kriege, Hungersnöte oder Epidemien dafür, dass viele Menschen sehr jung ihr Leben ließen. Diese früh Verstorbenen drücken die durchschnittliche Lebenserwartung nach unten und erwecken so den Eindruck, das seinerzeit kaum jemand wirklich alt werden konnte. Eine Ansicht, die selbst in der Fachliteratur noch häufig vertreten wird. Tatsächlich gab es aber auch vor Hunderten oder Tausenden von Jahren bereits Menschen, die ähnlich lange lebten wie wir heute. Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1849-1823) etwa wurde 82, der Philosoph Platon (428/27-348/47 v. Chr.) 80 Jahre alt. Extrem rare Ausnahmen? Durchaus nicht: Schon 2010 veröffentlichte der Schmalkaldener Sozialhistoriker Dr. Kai Lehmann ein Studie, für die er Kirchenbücher aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert gewälzt hatte und die Lebensdaten von 3613 Personen analysiert hatte. Das Ergebnis: Auch damals schon wurde jede*r Zweite mindestens 60, jede*r Dritte mindestens 70 Jahre alt. Selbst einzelne 100-Jährige gab es damals schon.