Who Wants To Live Forever?

Leben Veganer*innen länger?

Doch noch einmal kurz zurück zum Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit bzw. frühem Tod. Um daran etwas zu ändern, ist die Gesellschaft gefragt – und die Gesetzgebung, die die Industrie etwa zu einer transparenteren Kennzeichnung von gesundheitsgefährdenden Inhaltsstoffen in Lebensmitteln verpflichten oder Kindern ärmerer Familien einen besseren Zugang zur Bildung ermöglichen könnte. Auch hier: ein schier uferloses Thema, über das man noch viele Zeilen schreiben könnte! Dies ist an dieser Stelle nicht möglich, darum widmen wir uns zum Schluss noch etwas Positivem, nämlich den lebensverlängernden Faktoren, auf die wir selbst einen gewissen Einfluss haben (siehe auch den Infokasten auf Seite XX) – und hier insbesondere der Ernährung, schließlich erscheint dieser Artikel in einem veganen Magazin. Selbstverständlich wird unsere Redaktion regelmäßig mit der Behauptung konfrontiert, vegan zu essen, sei besonders gesund, und tatsächlich existieren Studien, die Veganer*innen eine höhere Lebenserwartung bescheinigen als Omnivoren, etwa die des Massachusetts General Hospital, die die Essgewohnheiten von 130.000 Proband*innen über einen Zeitraum von 30 Jahren analysiert hat. Allerdings gibt es Kritik an den Ergebnissen, da andere wichtige Einflüsse ausgeblendet worden seien, etwa die Tatsache dass Veganer*innen meist grundsätzlich mehr auf ihre Ernährung achten, seltener rauchen, weniger Alkohol trinken und sich mehr bewegen als Allesesser*innen.

Zudem sagt uns schlicht ein ganz unwissenschaftlicher Blick in den Bioladen, dass die Rechnung „vegan = gesund“ nicht grundsätzlich aufgeht, so gerne wir  das auch unterschreiben würden, allein schon zum Wohl der Tiere. Falls du ein Süßigkeiten- oder Fastfood-Fan bist, weißt du ja wahrscheinlich, wie viele gar nicht mal so gesunde Leckereien das vegane Schlaraffenland bereit hält. Außerdem müssen Veganer*innen Vitamin B12 supplementieren, das sich nur unzureichend aus pflanzlicher Nahrung beziehen lässt. Oh, und dann – Pardon, nun wird es etwas flapsig – ist da ja noch die böse Sojamilch, die offiziell gar nicht Milch heißen darf, weshalb wir sie auch hier im Heft Sojadrink nennen. Wie schlimm diese verarbeitet ist, hat bereits vor knapp vier Jahren Starköchin Sarah Wiener im Wirtschaftsmagazin enorm geschrieben und dabei einfach mal unterschlagen, dass auch Kuhmilch nicht frisch vom Euter in den TetraPak wandert. Zitiert wird ihr „Sojamilch ist so künstlich wie Cola“ trotzdem bis heute. Um es mal klarzustellen: Stark verarbeitete Lebensmittel sind höchst selten supergesund, ganz gleich, ob sie nun pflanzlich sind oder nicht. Mit frischen, saisonalen und regionalen Zutaten selbst zu kochen ist für alle empfehlenswert, und wer sich hauptsächlich von Fertigprodukten ernährt, sollte seinen Ernährungsstil so oder so überdenken.

Unsere Meinung also: Weder ein pauschales „Gesund“-Urteil noch sein Gegenteil sind langfristig wissenschaftlich haltbar, zumal Ernährungsstudien immer reine Beobachtungsstudien sind, die keine eindeutigen Ursache-Wirkung-Ergebnisse liefern können, sondern lediglich Korrelationen, also statistische Zusammenhänge, auf deren Basis sich Vermutungen äußern lassen. Als weitgehend gesichert gilt allerdings dennoch – übrigens auch für Sarah Wiener –, dass der Fleischkonsum hierzulande viel zu hoch ist, und das nicht nur aus ökologischen und tierethischen, sondern eben auch aus gesundheitlichen Gründen.

Bleibt die Titelfrage, inwieweit ein ewiges oder zumindest sehr langes Leben überhaupt wünschenswert ist. Das darf sich jede*r selbst beantworten, allerdings scheint es Faktoren zu geben, die unsere Zufriedenheit mit dem Leben maßgeblich beeinflussen, und zumindest eine Auswahl davon wollen wir dir nicht vorenthalten: Glücklich macht es (und gesund hält es) Studien zufolge, Freundschaften zu pflegen, anderen zu helfen, Sport zu treiben, Neues zu lernen, zu singen und sich hin und wieder (nicht ständig) hemmungslos kulinarischen und sonstigen Genüssen hinzugeben. Letzteres kann, und dann gilt es abzuwägen, durchaus mit Empfehlungen für ein langes Leben kollidieren: Die eingangs erwähnte Jeanne Calment etwa, die 122 Jahre alt wurde, war 96 Jahre ihres Lebens Raucherin, liebte Portwein und Schokolade – angeblich verputzte sie ein Kilo pro Woche! In diesem Sinne: Halt dich fit, aber mach dich nicht verrückt: auf ein langes, vor allem aber glückliches Leben!