„Wir schlachten keine Tiere, wir bringen sie gewaltsam um“

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Seit Jahren kämpft die studierte und Philosophin Hilal Sezgin für die Rechte der Tiere. Ein Gespräch über Kaninchen, Charles Darwin und Zuversicht.


Während Landwirte davon sprechen, dass Kühe Milch „geben“, werden Tiere in den Augen von Veganern „ausgebeutet“ und „versklavt“. Wenn du über Massentierhaltung referierst, verwendest du das Verb „einsperren“, Bauern würden von „nutzen“ reden. Ist das ein Problem?

Ja, denn die Begriffe ebnen bereits den Weg zu Wahrnehmung, Ethik und Politik. Schlachten zum Beispiel ist ein Euphemismus. Ich schreibe allerdings bewusst nicht „morden“, weil sich die Menschen dann so angegriffen fühlen, dass sie über die Argumente nicht mehr nachdenken können.

Tiere selbst können sich ja nicht wehren. Wie können Menschen ihr Leiden sichtbar(er) machen?
Man muss immer wieder an die Bedürfnisse der Tiere erinnern. Neulich z.B. habe ich Kaninchen übernommen, die sonst geschlachtet werden würden. Meine Cousine Birgit meinte: „Du, mir fällt erst jetzt auf: Früher haben wir die Tiere immer in den Käfigen angefasst und dachten ,wie süß‘. Wir haben gar nicht gesehen, dass sie eingesperrt sind.“ Das ist irre. Menschen können, wenn sie ein mentales Konzept haben, an dem Leid vorbeisehen, das direkt vor ihnen ist. Das müssen wir aufbrechen. Menschen sehen nicht, dass Wurst Tiere sind. Sie sehen nicht, dass Bärchenwurst mit Grinsegesicht zynisch ist. Sie sehen nicht, dass ein eingesperrtes Kaninchen ein eingesperrtes Kaninchen ist: Sie gehen dahin und denken: „Wie süß, ich habe es lieb“.

Eine vieldiskutierte Ursache dafür ist die vorherrschende anthropozentrische Weltsicht. Wie können wir dieses Denken verändern?
Indem wir zum einen auf diese Wahrnehmungsstörung aufmerksam machen und zum anderen, indem wir neue Geschichten über andere Tiere erzählen, um unsere Verwandtschaft viel deutlicher machen. Die Philosophie und dramatischerweise auch die Biologie – sogar noch lange nach Charles Darwin – hat eine Geschichte der Nicht-Verwandtschaft erzählt. Neue Geschichten gibt es in der Verhaltensbiologie seit 20, 30 Jahren: Tiere lieben, sie haben Spaß, sie möchten ihr Leben genießen. Es geht nicht nur um fressen und gefressen werden.

Welche Rechte brauchen Tiere, wenn es nicht nur ums Überleben geht?
Es geht um die zentralen Rechte – Freiheit, das eigene Leben, das eigene Wohlergehen, die Bewegungsfreiheit. Tiere sind eigene Wesen, mit ihren eigenen Empfindungen. Sie sollen versuchen können, ihr eigenes Leben zu leben. Ich betone „versuchen“. Natürlich ist nicht jedes Leben glücklich. Das Glück aller Tiere können wir nicht garantieren, aber wir dürfen nicht massiv dazwischenfunken.

Du kämpfst täglich dafür, dass Tieren keine Gewalt mehr angetan wird. Wie gehst du damit um, dass, während wir hier miteinander reden, Tausende Schweine, Kühe und Hühner bewusst getötet werden?
Das ist sozusagen die kniffligste Frage überhaupt und die, die ich nach meinen Vorträgen am häufigsten zu hören bekomme: Wie soll man das als Veganer aushalten, so viel über das Leid der Tiere zu wissen? Wie geht man als Veganer damit um, dass Menschen, die man liebt, anders denken und Tiere aufessen? Zu all den Familienfesten nicht hinzugehen ist auch blöd, man kann ja nicht sein ganzes bisheriges Leben wegwerfen.

Was kann man tun, wenn man sich mit seinen Gedanken alleine fühlt?
Ich glaube, Veganer überstehen das nur, wenn sie viel mit Gleichgesinnten zusammen sind und Kraft schöpfen, dadurch, dass sie unter sich sind. Außerdem gab mir mal einer eine sehr gute Antwort nach einem Vortrag: „Ich bin jetzt noch nicht ganz überzeugt, aber Sie haben einen weiteren Stein in die Waagschale gelegt.“ Da ist also diese Waagschale, auf der einen Seite etwa Tradition, Fleisch essen – sie wiegt schwer. Jetzt kommen Tierrechtler und sagen: „Ändert eure Weltsicht.“ Wir legen Steine auf die andere Seite der Waagschale. Oft sieht man den Effekt nicht direkt, aber wir arbeiten mit vielen zusammen – sogar weltweit.

Das ist ein schönes, Mut machendes Bild …
Weißt du, ich ganz persönlich werde auch immer religiöser. Ich verweise jetzt mal bewusst nicht auf den Islam, dem ich angehöre, sondern auf den Buddhismus. In ihm gibt es folgende
Idee: „Wir haben ein Anrecht auf Taten, aber nicht auf die Erfolge unseres Tuns.“ An diesen Spruch denke ich ganz oft.

Wie interpretierst du ihn für dich?
Wir sind verantwortliche Wesen, wir müssen das tun, was wir für richtig halten, was daraus wird, wissen wir nicht, trotzdem ist es in gewisser Weise richtig. Ich finde das irgendwie tröstlich. Es ist so: Wer sich in Ärger und Wut hineinsteigert – und dazu gibt es viele Anlässe – und sich darin verliert, wird auf Dauer handlungsunfähig. Zweifelsohne, die Wut am Anfang ist gerechtfertigt. Jeder von uns kennt das: Man hat diese Wut und möchte sich darin verbeißen. „Warum kapieren sie das nicht?“ Man sollte sich aber klar machen: Es hilft nichts – weder mir selbst noch den Tieren.

Du engagierst dich ja nicht nur im Tierschutz, sondern auch in der Flüchtlingshilfe. Wie werden die Menschen, die dieser Tage hier ankommen, verpflegt? Ist vegan angesichts der Umstände noch relevant?
Ich kaufe nur vegan ein. Wenn wir Reste von Lagern bekommen, dann teilen wir auch Wurstbrötchen aus. Sonst werden sie weggeschmissen. Ich finde, da muss man sinnvolle Kompromisse machen. Ich will auch nicht unsere Fleisch essenden Helfer und Helferinnen abschrecken. Aber immer wenn jemand sagt, „Ich mache heute Abend Suppe“, dann schreibe ich: „Bitte vegan“. Wenn jemand schreibt: „Ich kaufe nachher Eier und Obst“, dann antworte ich „Alles Tierfreie wird finanziell ersetzt“. Dadurch sage ich nicht direkt „Eier sind scheiße“, aber es ist klar, dass ich das nicht gutheiße. Und das ist okay, denke ich. Weißt du, was auffällig ist?

Hmm?
In der Flüchtlingshilfe sind ganz viele Veganer und Vegetarier unterwegs, überproportional viele …

 

Info: Hilal Sezgin
In der Nähe der Lüneburger Heide wohnt die Veganerin zusammen mit Schafen, Ziegen, Gänsen, Hühnern und Katzen. Hilal Sezgin ist studierte Philosophin, Autorin und Tierrechtlerin. Sie schrieb unter anderem für die Frankfurter Rundschau, die Zeit und die Süddeutsche Zeitung, Vorwiegend über Tierethik, Feminismus und den Islam. 2014
veröffentlichte sie eines der wichtigsten Bücher der neueren Tierrechtsbewegung: „Artgerecht ist nur die Freiheit: Eine Ethik für Tiere oder warum wir umdenken müssen“. 2015 erschien im Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag das Buch „Wieso? Weshalb? Vegan! Warum Tiere Rechte haben und Schnitzel schlecht für das Klima sind“. Für Jugendliche ab 12 und Erwachsene.