Vom Unglück der Glucken …

… oder warum es besser wäre, wenn Eier wirklich vom Osterhasen kämen.

Autor: Alexander Nym

Wie jedes Jahr vor Ostern erstrahlen die Regale der Supermärkte in den bunten Farben der vorgekochten und gefärbten Ostereier. Beim zentralen Fest der Christenheit ist es üblich, sich auf die Suche nach versteckten bunten Hühnereiern zu machen, die ein mythisches Pelztier zuvor versteckt haben soll – ein unschuldiger Spaß für Groß und Klein, so scheint’s.
Doch hinter der vergnüglichen Fassade verbirgt sich ein ethischer Skandal unfassbaren Ausmaßes. Wagen wir also einen Blick hinter die Kulissen von Eierbetrieben und Masthuhnfarmen, und sehen uns den Weg etwas genauer an, den das Ei auf seiner Reise ins Osternest zurücklegt.* Die Geschichte des Eis beginnt, wie sollte es anders sein, mit der Henne: In der Geflügelwirtschaft wird zwischen Mast- und Legelinien unterschieden. Die Hennen der ersteren sind zuchttechnisch auf schnelles Wachstum und überproportionalen Muskelfleischaufbau ausgelegt, während die sogenannten Legehybriden darauf „optimiert“ wurden, bis zu 300 Eier pro Jahr zu legen. Damit wurde die Legeleistung von Zuchthennen seit 1950 mehr als verdoppelt, während sich der Preis eines Eis seit 1975 fast halbiert hat. Zum Vergleich: Wild lebende Hennen wie die Bankivahühner legen und brüten höchstens 40 Eier im Jahr aus. Die unnatürlich hohe Legeleistung zehrt die Körper der „Legehybriden“ aus und macht sie zusammen mit dem Stress der engen Haltung anfällig für Unfälle und Krankheiten wie Knochenbrüche und Eileiterentzündungen. In Großbetrieben mit Beständen zwischen 12.000 und 200.000 Hühnern ist eine veterinärmedizinsche Versorgung in solchen Größenordnungen schwer zu gewährleisten, weswegen Tierschützer*innen immer wieder von verendeten Tieren in verschiedenen Stadien der Verwesung inmitten ihrer eng gedrängten Artgenossen berichten müssen. Für die Großbetriebe, die ohnehin einen Verlust von zehn Prozent Hennen noch während der Legephase einkalkulieren, ist dies kein Anlass, ihre Haltungsweisen zu überdenken. Statt für genügend Auslauf zu sorgen, wird gerne die mit der Haltung einhergehende Schwächung der Tiere mit der Gabe von Antibiotika und anderen Medikamenten bekämpft, die auch dann im Fleisch verbleibt, wenn die Legequote mit voranschreitendem Alter nachzulassen droht, weshalb die Legehennen aller Haltungsformen bereits im Alter von eineinhalb Jahren in Suppenhühner, Tierfutter oder Exportfleisch verwandelt werden (wieder zum Vergleich: Die natürliche Lebenserwartung eines Huhns beträgt bis zu 20 Jahre). In Deutschland werden daher jedes Jahr zwischen 31 und 40 Millionen Legehennen getötet.

Legelinien vs. Mastlinien
Noch erschütternder ist das Schicksal der Masthennen: Zwar müssen sie ihre grotesk überzüchtete Frankenstein-Existenz laut Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) nur 30 bis 35 Tage ertragen, aber in diesem Zeitraum erreichen sie ein Schlachtgewicht zwischen 1,8 und 2,1 Kilo, während das Legehuhn dann erst ein Gewicht von etwa 500 Gramm besitzt. Derweil erleiden sie Kreislaufprobleme, weil ihr Stoffwechsel das übertriebene Wachstum nicht verkraften kann, brechen unter ihrem eigenen Brustgewicht zusammen, weil das Tier statt auf Knochenaufbau auf Fleischbildung programmiert wurde. Das funktioniert, weil ihnen das Sättigungsgefühl abgezüchtet wurde, sodass die Tiere sich ununterbrochen mästen bis sie die „Schlachtreife“ haben. Dann vereint sich ihr Weg wieder mit dem der unrentabel gewordenen Legehybriden in den Schlachtöfen Deutschlands, deren modernste Methoden 18.000 Hühnern annähernd vollautomatisch den Garaus machen können – pro Stunde; das sind fast eine Viertelmillion täglich. Das ist deutsche Effizienz in der Praxis, wenn rund 82 Millionen Menschen (minus ein paar Veggies) in diesem Land jeden Tag günstiges Hähnchenfleisch kaufen können (sollen). Oder Schweinefleisch. Oder Rindfleisch …