Krank gekocht

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Fraß und Pampe sind Alltag auf Tellern in vielen Kliniken und Seniorenheimen. Sie machen deutlich: Noch immer steht es schlecht um das Pflegewesen. Das ist für unser wohlhabendes Land peinlich, für die Betroffenen eine Zumutung – und mitunter sogar lebensgefährlich. Quo vadis, Pflege? [AUSZUG]

Von: Katharina Weiss

Meine Oma hatte Glück. Bis kurz vor ihrem Tod war sie topfit. Dennoch endete ihr Leben, wie das so vieler alter Menschen, in einer Odyssee zwischen Krankenhaus und Pflegeheim. Und jedes Mal, wenn ich sie in jenen letzten Wochen dort besuchte, stellte sie dieselbe Frage: „Warum bekomme ich hier so schrecklich schlechtes Essen?“ Mit Blick auf das staubtrockene, schon grünlich schimmernde Wurstbrot, das der langjährigen Vegetarierin trotz Protest zum Abendessen gereicht wurde, hätte ich ihr gerne eine einfache Antwort gegeben. Etwa, dass der Koch vor Ort es einfach nicht besser kann. Weil das bedeutet hätte: Nur eine Einzelperson trägt hier die Schuld – und nicht das Gesundheitssystem insgesamt, dessen Obhut sie für den kurzen Rest ihres Lebens wohl nicht mehr entkommen würde. Doch das hier war kein Einzelfall.

Jürgen sorgt für Zündstoff

Erinnern Sie sich an Jürgen? Der Bewohner eines Nürnberger Pflegeheims brachte es im vergangenen Jahr zu trauriger Berühmtheit. Oder besser: sein Facebook-Profil. Über den Account „Jürgen fotografiert sein Essen“ ließ uns der Frührentner an seiner täglichen Kost teilhaben. Graue Pampen, widerliche Würste in Essigsud, Kirschkuchen ohne Kirschen – immerhin für die Medien erwiesen sich die aus medizinischen Gründen pürierten, aber mehr als unappetitlich angerichteten Mahlzeiten als willkommenes Fressen. Und auf die Information, dass der 1,80 Meter große, aber nur 45 Kilogramm leichte Jürgen selbst auf Anfrage kein reichhaltigeres Essen bekam, reagierte die Öffentlichkeit mit noch mehr Empörung. Shitstorms brachen über das Seniorenheim herein – zumindest in den Kommentarfeldern unter den Bilddateien. Fraglos wurde diese „Causa Jürgen“, die durch eine Vorsitzende von Die PARTEI Österreich mit- initiiert wurde, in den Sozialen Medien hochgespielt. Doch gelang es Jürgens Facebookseite, die öffentliche Diskussion um das Thema Pflegemissstand zu reaktivieren, das Politik und Gesellschaft regelmäßig unter den Tisch fallen lassen. Dieses „Schwanzeinziehen“ sei das vielleicht größte Problem des deutschen Pflegesystems, schreibt die Journalistin Anette Dowideit in ihrer Reportage „Endstation Altenheim“. Wollen wir wirklich still akzeptieren, dass unsere Alten, Kranken und Schwachen, die sich gegen schlechte Bedingungen nicht nur nicht wehren, sondern oft noch nicht einmal wirklich darüber beschweren können, mit Fraß abgespeist werden? Natürlich wollen wir das nicht, und dabei geht es um weit mehr als um Empathie und Ekel. Vielmehr geht es um ein Risiko für die Gesundheit von Patient*innen und Heimbewohner*innen sowie auch um ein Pflegewesen, das seine Mitarbeiter*innen noch immer oftmals schamlos verheizt. Stochert man etwas tiefer in diesen lieblosen Pampen auf den Tellern, offenbaren sich zwei Problemfelder: Einerseits geht es um die Art, wie das Essen dargereicht wird. „Insbesondere aus der Demenzforschung wissen wir, wie wichtig es ist, dass Speisen appetitlich aussehen“, erklärt Sabine Brase, Pflegedirektorin am Krankenhaus Rummelsberg und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Pflegemanagement. „Das gilt freilich nicht nur für Demenzkranke, die häufig besonders schlecht essen, sondern für jeden Menschen: Der Wille zu essen steht und fällt oft schon damit, wie angerichtet wird. Das Auge isst mit, sagt man – und im Krankheits- oder Pflegefall, der ja ohnehin oft mit vermindertem Appetit einhergeht, gilt das noch viel mehr.“ Gerade wenn, wie in Jürgens Fall, Speisen püriert oder passiert werden müssen, weil Probleme beim Schlucken oder Kauen bestehen, geht es ums Aussehen: Idealerweise wird der Brei wieder in eine Form gebracht, die der eigentlichen Speise möglichst ähnlich sieht. Kleine Küchenkünste also, die für die Betroffenen viel ausmachen. „Doch um Essen ansprechend herzurichten, braucht man genügend Personal“, wirft Gisela Neunhöffer ein. Sie ist ver.di-Beauftragte für die Servicebereiche im Gesundheitswesen. Und nach dem massiven Stellenabbau, den die Pflegebranche in den letzten Jahren erfuhr, hakt es heute nicht nur hier in vielen Betrieben. Denn da wäre andererseits noch die Qualität des Essens im Hinblick auf Zutaten und Zubereitung. „Und auch dies unterliegt dem Kostendruck durch die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitssektors“, so Neunhöffer. „Wo Wettbewerbsfaktoren eingezogen, wo Budgets gedeckelt und Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Pflegeheime unter enormen Druck gesetzt werden, Kosten einzusparen, zeigt sich, dass diese Qualität leidet.“

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Selbstverständlich ist solche Kritik an der rigiden Regentschaft von König Oikonomos über unsere Gesundheit nichts Neues. Regelmäßig machen Skandale in den Medien die Runde, so zuletzt im Januar 2016, als die RTL-Sendung „Team Wallraff“ auf die „katastrophalen Zustände in deutschen Kliniken“ hinwies. Eine Reporterin wurde als Pflegepraktikantin eingeschleust und begegnete: verdrecktem Arbeitsmaterial, Hygienemängeln, überlastetem Personal, das keine Zeit findet, auf die Toilette zu gehen. Aber auch einer Krankenschwester, die einen demenzkranken Mann, der sich nicht auf die Morgenpflege einlassen möchte, mit den Worten beschimpft: „Ich fick dich, du Tauber.“ Ist das reißerische Medien-Inszenierung eines RTL-TV-Formats – oder aber Symptom eines Gesundheitssystems, das durch rigorose Sparmaßnahmen stärker krankt, als wir es wahrhaben wollen? […]

Den ganzen Artikel gibt’s ab Seite 18 in der Dezember/Januar-Ausgabe 2016/2017, die ihr hier bestellen könnt. Alle Hefte schicken wir euch portofrei zu.