Souverän auf blöde Sprüche reagieren? Expertin Melanie Joy weiß wie!

Foto: Matthias Schillig

Essen verbindet, sagt man. Als Veganer*in hat man aber manchmal den Eindruck, mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten mit seinen Tischnachbar*innen zu haben. Wie schaffe ich es, das Gespräch bei Tisch nicht zu einer anstrengenden Diskussion werden zu lassen, nach der ich mich schlimmstenfalls allein und unverstanden fühle?

Dr. Melanie Joy: Als Erstes würde ich sagen: Nicht das Essen verbindet die Menschen, sondern das, was Menschen mit dem Essen verbinden, und das ist mitunter sehr unterschiedlich. Als Veganer*in in einer dominanten Kultur von Fleischesser*innen zu leben, kann ziemlich herausfordernd sein. Diese Herausforderung musst du annehmen. Als Allererstes solltest du dir selbst Respekt für dein Vegansein entgegenbringen. Dafür, dass du Mitgefühl aufbringst und den Mut, der nötig ist, um deine Werte zu leben, gegen alle Widerstände, die du erfährst. Das ist schwierig! Es liegt aber nicht an dir, sondern an der vorherrschenden Kultur und an der Zeit, in der wir leben. Ich behandle dieses Thema eingehend in meinem Buch „Beyond Beliefs“. Außerdem finde ich es wichtig für alle Menschen, für Veganer*innen aber im Besonderen, die Grundlagen effektiver Kommunikation zu kennen.

Ein konkreter Tipp für die Situation bei Tisch: Such dir eine*n Verbündete*n, dann fühlst du dich weniger allein. Nimm die Person schon vorher beiseite und erkläre ihr, wie es sich anfühlt in dieser Situation zu sein. Dass deine Tischnachbar*innen nicht nur nicht verstehen, warum dir diese Sache so wichtig ist, diese Überzeugung, die einen Teil deiner Identität ausmacht, sondern diese zum Teil auch offen ablehnen. Erkläre der Person auch, wie wichtig es für dich ist, dass es jemanden gibt, der*die an deiner Seite steht. Diese eine Person kann den entscheidenden Unterschied ausmachen, und dazu beitragen, dass du dich nicht so allein und unverstanden fühlst.

Außerdem ist es hilfreich, das karnisitische Vorurteil anzuerkennen [Karnismus: Ein von Melanie Joy geprägter Begriff, der im Gegensatz zum Veganismus die Ideologie darstellt, mit welcher das Töten/Ausbeuten von Tieren zur Nahrungsgewinnung gerechtfertigt wird. Der K. stellt gleichsam anderen Ideologien ein normatives Glaubenssystem dar, welches auf den Annahmen von Natürlichkeit, Normalität und Notwendigkeit beruht. Anm. d. Red.]. Dabei handelt es es sich um ein sehr reales aber eben auch unsichtbares Phänomen. Es ist (noch) sozial akzeptiert in einer Art und Weise mit oder über Veganer*innen zu sprechen, die als völlig inakzeptabel, unhöflich und respektlos gälte, würde das Gespräch mit oder über Personen einer anderen sozialen Gruppe geführt.

Das ist die Grundlage für meinen zweiten Tipp: Respektlosigkeit ist Respektlosigkeit, darüber solltest du dir bewusst sein. Sie ist eine schlechte Grundlage für eine Konversation auf Augenhöhe. Wenn es um Veganismus geht, neigen manche Menschen dazu, Respektlosigkeiten zu akzeptieren, weil sie eine gewisse Scham empfinden für ihr Anders-sein oder Angst vor dem Nicht-Dazugehören. Das Thema sollte aber keine Rolle spielen in der Frage, wie miteinander kommuniziert wird. Wenn du merkst, dass dein Gegenüber eigentlich kein ernsthaftes Interesse an deiner Meinung, Erfahrung und deinen Werten hat beziehungsweise sich dem gegenüber verschlossen zeigt, darf man das auch klar benennen und sagen: „Ich möchte keine Diskussion über meine Werte führen.“ In diesem Fall ist es wahrscheinlich sogar besser, gar kein Gespräch zu führen. Jedenfalls nicht während des Essens.

INFO:

Dr. Melanie Joy ist promovierte Sozialpsychologin, Mitbegründerin von ProVeg International, Co-Direktorin des Center for Effective Vegan Advocacy sowie Gründerin und Präsidentin von Beyond Carnism. Als Autorin, Rednerin, Beraterin und Beziehungscoach ist sie international tätig und veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter auch „Beyond Beliefs: A Guide to Improving Relationships and Communication for Vegans, Vegetarians, and Meat Eaters“.