Rohkost: zurück zu den Wurzeln

Rohkost: Zurück zu den Wurzeln

Betrachten wir es mal so: Evolutionsgeschichtlich gesehen hat der Mensch erst vor kurzem seinen Ernährungsplan umgestellt. Über hunderttausend Jahre hinweg aßen Jäger und Sammler sich an dem satt, was Mutter Natur ihnen anbot. Nüsse, wilde Pflanzen, Kräuter und Knollen standen auf der Tageskarte, sicherlich auch Fleisch. Vor rund 15.000 Jahren wurden wir sesshaft. Ackerbau und Viehhaltung schufen ein gewisses Maß an Nahrungssicherheit und bildeten die Grundlage unserer arbeitsteiligen Gesellschaft. Von den ersten Kulturpflanzen wie Einkorn, Emmer und Kamut auf den Feldern hin zu den hochverarbeiteten Produkten aus dem Kühlregal verging zwar noch eine ganze Weile, Körper und Gene des Menschen hielten mit dieser Entwicklung jedoch kaum Schritt. Seit den 50er-Jahren der Nachkriegszeit steigt der Konsum nährstoffarmer, kohlenhydratreicher Industrienahrung unaufhörlich und mit ihm die Anzahl der Volkskrankheiten: Diabetes und hohe Cholesterinwerte, Immundefizite, Allergien und Intoleranzen. Selbst Depressionen und Krebs stehen im Verdacht, von billigen Fertigprodukten der Lebensmittelindustrie gefördert zu werden. Aber läuten Pastawahnsinn und Pizzaburger, Dosenravioli und Designfood wirklich die nahrungstechnische Endzeit ein?

Du bist, was du isst!

„Seit vielen Jahren gibt es eine stetig wachsende Zahl von Blattgrünrevoluzzern, die sich mit kalter Küche gegen diese Entwicklung wehren. Ihr Lösungskonzept ist ziemlich profan: Wenn eine für den Menschen nicht mehr artspezifische Ernährungsgewohnheit die Ursache dieser Zivilisationsprobleme ist, warum essen wir nicht einfach die Gaben der Erde wieder so, wie sie uns angeboten werden? Weg von zu Tode verarbeiteten künstlichen Lebensmittelprodukten, hin zu Natur pur. Staudensellerie statt Stabilisatoren also. Und das am Besten roh.

Echte Rohkost ist nicht gegart, nicht industriell verarbeitet und biologisch-organisch angebaut. Alles, was pasteurisiert oder in Dosen und Gläsern verkauft wird, ist keine Rohkost. Bei der Zubereitung der Speisen wird gedörrt – dafür gibt es spezielle Dörrautomaten – oder erwärmt, auf keinen Fall gekocht. Erhitzt man Lebensmittel auf über 46°C, zerstört die Hitze wichtige Vitamine, Mineralstoffe und Enzyme, die nötig sind, damit der Körper die aufgenommenen Nährstoffe überhaupt verwerten kann. Dadurch enthält die Nahrung mehr Vitalstoffe. Außerdem bleibt der Geschmack erhalten, wenn die Speisen nicht bis zur gustatorischen Undefinierbarkeit kaputtgekocht werden, so der Tenor.
Sich rohköstlich zu ernähren heißt dabei nicht unbedingt, vegan zu essen. Veganer lehnen tierische Produkte ab, viele Rohköstler ernähren sich ausschließlich von pflanzlicher Kost, andere wollen oder können auf Rohmilchprodukte oder Eier nicht verzichten. Spätestens, wenn rohes Fleisch wie in Sushi und Tatar verarbeitet wird, gilt besondere Sorgfältigkeit. Das Kochen von Speisen tötet zwar viele gute Nährstoffe ab, aber eben auch krankheitserregende Bakterien und Parasiten. Dann erfreut man sich an einer wahrhaft lebendigen Nahrung, die einem den Start in eine natürliche und naturbelassene Ernährung ganz schön vermiesen kann.

Der Mixer, des Rohköstlers Freund

Wer ein kulinarisches Zeitmanagement-Phänomen ist, sprich seine Nahrung in der Regel eher kurz vor knapp zubereitet, wird mit Rohkost zunächst etwas überfordert sein. In der Küche braucht es ein wenig Organisation und Vorausplanung, dafür lernt man schnell eine Menge neuer Zubereitungsarten. Statt zu backen, zu braten und zu sautieren, ist Einweichen, Mixen, Verrühren und Dörren angesagt. Zum Glück gibt es dennoch einen einfachen Einstieg in das Universum des Ungekochten. Green Smoothies sind die Allzweckwaffe der Rohkostküche und lassen sich innerhalb von fünf Minuten herstellen. Obst und Gemüse werden im Verhältnis 50/50 mit beliebig viel Wasser vermischt. Dabei sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Heraus kommt ein Mix, der es nährstofftechnisch in sich hat. Leistungsfähige Küchengeräte sind toll, aber auch ziemlich teuer. Doch selbst mit einem einfachen Mixer lassen sich ordentliche Ergebnisse erzielen, auch wenn sich das Gerät bei Mangold und Spinat schon sehr gequält anhört. Positiver Nebeneffekt: Man muss mit diversen Gewohnheiten brechen. Besteht die morgendliche Routine sonst nur aus Kaffee und Hongibuttertoast, die einen mit einem pappsatten Gefühl der Trägheit zurücklassen, ist ein Grüner Smoothie eine gesunde, leichte Alternative, die über mehrere Stunden sättigt. Umfangreichere rohvegane Speisen zuzubereiten, die ihren Verwandten der Regulärküche ähneln, benötigt Zeit – mitunter sehr viel Zeit. Da konkurriert die Tiefkühlpizza auf Weizenbasis, die in 11 Minuten fertig ist mit ihrem in 7 Stunden lauwarmgedörrten Kamut-Pendant. Für viele ist das nur schwer mit Job und Alltag zu realisieren.
Besonders für Sportler und Teilzeitathleten, die sich häufig gerne als menschliche Versuchshamster in Sachen Ernährungsfragen probieren, kann Rohkost eine lohnende Angelegenheit sein. In der Sportszene schwören schon seit längerer Zeit viele auf diese Ernährungsform. Pflanzliches, unverarbeitetes Eiweiß ist weniger säurebildend als tierisches. Eine geringere Übersäuerung des Körpers wirkt sich auf die Muskelfunktion aus, verbessert die Leistung und verkürzt die Regeneration nach der sportlichen Belastung.
Der Griff zu Sojaprodukten, um den täglichen Proteinbedarf zu decken ist in der Rohkostszene allerdings verpönt. Sojaprodukte wie Tofu und texturiertes Soja, das oft als Fleischersatz in der veganen Küche verwendet wird, sind industriell verarbeitete Produkte und nicht roh. Die enthaltenen Phytoöstrogene können sich ab einer gewissen Menge negativ auf den Hormonhaushalt auswirken und zu Problemen z.B. der Schilddrüse führen. Für diese Zwecke gibt es jedoch sojafreie, rohvegane Proteinpulver auf Erbsen- und Reisbasis.

Neue Geschmacks-Erlebnisse

Nach mehreren Wochen ausschließlich roher Ernährung stellt sich bei den meisten mit der Zeit eine neue Sichtweise auf die Genießbarkeit von Nahrung ein. Das ist wunderbar! Undenkbare Dinge werden plötzlich zum Genuss. Die richtige Zubereitung vorausgesetzt, können einem selbst rohe Brennnesseln munden. Geht man den Selbstversuch jedoch falsch an, riskiert man eine dicke Lippe und erlebt ein weiteres Lehrstück aus der Kategorie: „101 gute Gründe, sich nicht einfach alles in den Mund zu stecken.“
Und darin liegt der große Vorteil: Man lernt, was die Natur überhaupt an genießbaren Dingen bereithält. Es entwickelt sich eine neue Kreativität, was die Kombination von Nahrung betrifft, ein neues Bewusstsein über die saisonale Verfügbarkeit von Obst und Gemüse entsteht. Ganz nebenbei unterstützt man die lokale Landwirtschaft und erkennt, wie wenig Bio eine Flugananas aus Ecuador eigentlich wirklich ist. Spätestens, wenn man sich auf seiner täglichen Jogging-runde grasend im Bärlauchfeld wiederfindet, darf man sich zur erlesenen Fraktion der Rohköstler zählen. Das Thema einer ausschließlich auf Rohkost basierenden Ernährung ist jedoch nach wie vor umstritten. Neben gewissen Ernährungsaposteln sind es vor allem einige Wissenschaftler, die skeptisch bleiben. Anhand verschiedener Studien wurde gezeigt, dass reine Rohkosternährung zu Mangelerscheinungen führen kann. So sind insbesondere Personengruppen mit erhöhtem Nährstoffbedarf, wie beispielsweise Kinder, Ältere oder Schwangere betroffen. Verdauungsbeschwerden durch die in Pflanzen enthaltenen Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde sind ebenso möglich – von den entstehenden Fäulnisgasen unverdaulicher Pflanzennahrung ganz zu schweigen. Und greift man bei Obst und Gemüse zu den günstigen Angeboten des Discounters, anstatt im Bioladen oder auf dem Wochenmarkt einzukaufen, läuft man Gefahr, sich die Vorteile der Rohkost durch pestizid- und nitratverseuchtes Gemüse zunichte zu machen.

Das Leben umkrempeln

Allen Teilzeit-Veganern und sich bereits bewusst Ernährenden dürfte die Umstellung nicht schwerfallen. Wie viel Rohkost gut ist, muss jeder individuell entscheiden. Wer dabei allerdings permanent das Gefühl hat, auf etwas verzichten zu müssen, sollte abwägen, ob eine auf 100 Prozent basierende rohköstliche Ernährungsweise das Richtige für ihn ist. Es gilt, den goldenen Mittelweg zu finden, sein Leben nach und nach mit Rohkost anzureichern und langsam in seinen Alltag zu integrieren. Denn in erster Linie soll es nicht aufwendig, sondern gesund sein und schmecken. Selbstkasteiung ist keine Lösung, doch wer die wohltuende Wirkung erkennt, möchte bald nicht mehr darauf verzichten.
Rohkost ist für viele ein ganzheitlicher Lebensstil, der positives Denken, Umweltbewusstsein und Mitgefühl mit einschließt. Weniger Kohlenhydrate, reich an Ballaststoffen, viele sekundäre Pflanzenstoffe – für die anderen kann es ein Mittel sein, um Allergien und Gewichtsprobleme in den Griff zu bekommen.
Sicher ist: Sich rohköstlich zu ernähren krempelt das ganze Leben um. Man entwickelt eine Sensibilität dafür, wie unsere Nahrung produziert wird. Wer beim Essen auf die Gesundheit achtet, bildet auch ein stärkeres Verständnis für die Gesundheit unseres Ökosystems heraus. Rohköstler legen im Allgemeinen ein geschärftes Umweltbewusstsein an den Tag. Denn die Qualität unserer Nahrung hat viel mit der Qualität unserer Erde zu tun.