Von Spießgesellschaften und Teufelsweibern

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Kulturgeschichte des Essbestecks

Am Anfang war der Culture Clash. Nachdem die byzantinische Prinzessin Theophanu im Jahre 972 den römisch-deutschen Kaiser Otto II. geehelicht hatte, waren Volk und Adel in Deutschland auf vieles gefasst: Dass die junge Dame, die, je nach Quelle, erst zwölf oder auch „schon“ 17 Jahre zählte, feine, üppig verzierte Seidenkleider trug statt der üblichen groben Wolle, dass sie verschwenderisch oft (einmal die Woche!) ein Bad nahm – nun gut, das hatte ja noch Glamour. Dass sie außergewöhnlich gebildet war, auch das gereichte dem Hof gewissermaßen zur Zierde. Und ihre gewaltige Entourage – sei‘s drum. Indes, beim Essen leistete sich die schöne Exotin dann einen wahren Fauxpas, über den man sich das Maul zerriss und der ihren Ruf ruinieren sollte: Sie führte sich die Bissen mit einer kleinen, zweizackigen, goldenen Gabel zum Mund. Skandal!

Wegen des Goldes oder der geringen Zackenzahl? Nö. Die Gabel an sich war der Stein des Anstoßes. Zwar hatten schon die alten Römer mitunter ihr Obst mit Gabeln zu sich genommen – an europäischen Höfen waren sie jedoch bis dato weitgehend unbekannt, wenn überhaupt, dann dienten sie zum Tranchieren. Gegessen wurde dagegen mit den Fingern, wozu schließlich hatte Gott uns diese gegeben? In Klöstern waren Gabeln lange Zeit sogar gänzlich verboten, sie zu benutzen glich geradezu einer Blasphemie! Der Kirchenlehrer Petrus Damiani nannte die Verfehlung der Prinzessin denn auch eine „sündhafte Verweichlichung“. Noch 200 Jahre später wurde vor allem in klerikalen Kreisen über das arme Mädchen gelästert, immer neue Ausschmückungen ihrer Geschichte inklusive. So hatte sie etwa einer nicht belegten Aussage zufolge die Pest dahingerafft, sozusagen als Strafe Gottes. Zuvor allerdings war die schlaue Theophanu als Kaiserin zu einer der mächtigsten Frauen Europas geworden. Manche sind eben einfach ihrer Zeit voraus.
Zackige Obszönität

Doch zurück zum „Corpus Delicti“: Die Gabel hatte es wahrlich schwer, sich ihren Platz an der Seite von Messer und Löffel zu erobern – so selbstverständlich, wie sie uns heute erscheint, ist die traute Dreisamkeit in der Besteckschublade nämlich bei Weitem nicht! Lange galt die Gabel gar als Werk des Teufels, wurde der Fürst der Finsternis doch auch gerne mit einem Dreizack dargestellt. Zumindest aber hatte sie den Ruf, irgendwie „affig“ zu sein. Um etwa die „Unmännlichkeit“ Heinrichs III. sowie seines verweichlichten Hofstaates zu unterstreichen, spottete der französische Satiriker Thomas Artus noch im Jahre 1605, als bereits Heinrichs gleichnamiger Nachfolger, der Fünfte, regierte, die Herren würden ihr Fleisch „nie mit ihren Händen, sondern nur mit Gabeln“ anfassen. So zitiert es die Foodhistorikerin Bee Wilson in ihrem unterhaltsamen Buch „Am Beispiel der Gabel. Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge“. Erbsen und Bohnen würden sich über den Boden verteilen, anstatt im Mund zu landen und überhaupt: „Sie berühren ihre Münder lieber mit ihren kleinen, gabeligen Instrumenten als mit ihren eigenen Händen“ – geradezu obszön!

Weitaus gebräuchlicher war seinerzeit das wohl älteste Esswerkzeug überhaupt, das Messer. Vielleicht, weil man ihm seinen Nutzen beim besten Willen nicht absprechen konnte, vielleicht, weil es gefühlt „schon immer“ da war: Bereits vor ca. 2,6 Millionen Jahren, in der Altsteinzeit, wurde es benutzt, wenn auch nicht ausschließlich zur Nahrungsaufnahme. Aus Stein, Knochen und anderen harten Materialien wurden Schneidewerkzeuge gefertigt, die einerseits als Jagdwaffe dienten, andererseits zum Zerkleinern der Mahlzeiten bzw. zum Abschaben des Fleisches vom Knochen. Ausgrabungen aus Äthiopien belegen, dass bereits damals unterschiedliche Messertypen zum Einsatz kamen, schon unsere frühesten Urahnen beim Einsatz ihres Essbestecks also planvoll vorgingen.

Ab der Kupfersteinzeit fertigte man Messer und Speere aus Metall, wobei diese zunächst nicht sehr beständig waren, da Kupfer sich leicht verformte. Es folgten die Bronze- und schließlich die Eisenzeit und damit natürlich immer besser entwickelte Werkzeuge. Bereits die alten Römer verfügten z.B. über Klappmesser – eine Erfindung, die man sich auch im Mittelalter zunutze machte, denn ein solches Schneideinstrument brauchte praktischerweise keine Scheide, um sicher transportiert werden zu können. Das war wichtig, denn damals war es noch üblich, sich beim Besuch von Gaststätten oder Herbergen eigenes Besteck mitzubringen – sei es, weil dort schlicht keins vorhanden war oder weil man nicht auf die dortige Sauberkeit vertraute.

Abgegebene Löffel

In einem kleinen Etui hängten Männer wie Frauen sich dieses Taschenmesser mit Bändern oder Ketten an den Körper – häufig zusammen mit einem anderen kleinen Kameraden: dem Löffel. Der hatte zu diesem Zeitpunkt auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel bzw. der Laffe, vermutlich nämlich beinahe ebenso viele wie das Messer. In manchen Quellen nennt man ihn auch statt desselben als ältestes Essbesteck, weil ihm, anders als seinem schneidigen Kumpel, der auch als Waffe diente, tatsächlich nur diese eine Aufgabe zukam. Was zuvor eine schöpfende Hand zu verrichten hatte, nämlich die Aufnahme flüssiger Nahrung, dazu dienten nun zunächst Löffel aus Knochen, Muscheln oder später auch Ton und Holz. Letzteres ist bis heute ein beliebtes Löffelmaterial, wenn auch vor allem für Koch-, weniger für Essbesteck. Kaum eine Küche, in der sich nicht ein solches Gerät aus Ahorn-, Buchen-, Lärchen-, Fichten- oder auch edlem Olivenholz befindet. Oder wie sieht es in Ihrer Besteckschublade aus? Die Vorzüge eines Holzlöffels sind bekannt: Er zerkratzt keine Pfannen, leitet keine Wärme, die beim Suppenrühren für verbrannte Finger sorgen kann, und Speisen nehmen in aller Regel nicht den Geschmack seines Materials an. Aus guten Gründen also gibt es bis heute Löffel aus Holz.

Nichtsdestotrotz können wir uns natürlich auch unser Edelstahlbesteck nicht mehr wegdenken, dem mittlerweile in den meisten Haushalten jenes aus Silber gewichen ist. Im Zuge der aufkommende Metallindustrie hatte sich im 15. Jahrhundert die Löffelmacherei entwickelt, und der Löffel war bis ins 19. Jahrhundert ein wichtiger, persönlicher Gebrauchsgegenstand – dessen Griff, je nach Geldbeutel oder eigener Kunstfertigkeit, häufig reich verziert war und der ihn zu einem Luxusgegenstand machte, welcher nach dem Tod weitervererbt wurde. Der persönliche Bezug des Menschen zu seinem Löffel bildet die Basis zu der auch heute noch bekannten Redewendung „den Löffel abgeben“ als Synonym für sterben.

Messer und Löffel also stellte niemand infrage, es dürfte auch keine Kultur auf der Welt geben, in der beides nicht in der ein oder anderen Form verwendet wird – anders als die Gabel, statt derer z.B. im südostasiatischen Raum Stäbchen neben den Tellern liegen. Selbstverständlichkeiten sind eben immer auch eine Frage des Blickwinkels, und was uns normal erscheint, kann andernorts oder -zeits als Extravaganz gelten. Wie aber nun gelang dem verpönten Zwei-, Drei- oder Vierzack schließlich der Sprung auf unsere gedeckten Tafeln? Nun, Überlieferungen zufolge waren es die Italiener, die feststellten, dass sich dank des Einsatzes von Gabeln doch ein wenig Sauerei verhindern ließ und dieser vielleicht dem Akt, Spaghetti mit den Händen aufzurollen, vorzuziehen sei. (Nun ja, um ehrlich zu sein: Ganz so war es nicht, die Vorstellung jener Essweise bereitete der Autorin nur gerade kindliches Vergnügen. In Wahrheit benutzte man zum Verzehr langer Nudelsorten einst eine Art lange Holznadel. Sei‘s drum – die Gabel erwies sich dennoch als vorteilhafter.)

Später Sieg

Der Rest Europas blieb erst mal weiterhin zögerlich, obwohl manch Reisender der italienischen Eigenart durchaus etwas abgewinnen konnte. So brachte sich etwa der englische Autor Thomas Coryate 1608 ein Gäbelchen mit in die Heimat und benutzte es dort bei Tisch. Eine „Macke“, mit der er sein Umfeld zwar nicht ganz so sehr schockierte wie seinerzeit Prinzessin Theophanu das ihre, die ihm aber dennoch allerlei Neckereien seiner Freunde einbrockte, darunter die bedeutenden Literaten John Donne und Ben Johnson. Auch an den französischen Höfen wurde es mit der Zeit schick, etwa sein Konfekt mit der Gabel zum Mund zu führen. Es sollte aber noch rund weitere hundert Jahre dauern, bis man unsere zackige Freundin auf dem ganzen Kontinent akzeptierte. Allerdings blieb sie zunächst weiterhin weniger wichtig als die anderen zwei Drittel unseres heute unzertrennlich wirkenden Trios, das erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer Einheit verschmolzen ist.

Soweit unser kleiner Galopp durch die Geschichte des Bestecks, der freilich nur einen Bruchteil dessen aufzeigen kann, was der Gebrauch unserer Werkzeuge über unsere (Ess-)Kultur aussagt. Nicht nur, dass wir gut zweieinhalb Millionen Jahre auf wenige Magazinseiten packen müssten, auch ist die Sache mit dem Trio ja viel komplexer: Messer, Gabel, Löffel – damit allein ist die Unterteilung nicht getan. Es gibt Tee-, Ess-, Schöpf-, Koch-, Suppen-, Marmeladen-, Salatlöffel, Querlöffel zum Füttern von Babys … Brot-, Butter-, Obst-, Gemüse-, Käse-, Kochmesser … Speise-, Dessert-, Kuchen-, Menügabeln und, und, und. Die Listen sind fortsetzbar, dazu kommen die unterschiedlichsten Materialien – noch nicht genannt wurden z.B. Porzellan, Bergkristall, Kunststoff oder das heutzutage zu Recht verpönte Elfenbein. Hinter jedem einzelnen steckt eine Geschichte, zu jedem gibt es Anekdoten.