Gemeine Gewächse

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Im Reich der Pflanzen gibt’s so einige außergewöhnliche Exemplare – nicht immer ist deren Verhalten von der feinen englischen Art, dafür umso interessanter. Bühne frei für nimmersatte Karnivoren, stinkende Riesenblumen und spritzende Giftschleudern!

Von: Caroline Redka

Volle Gurke voraus
Die Spritzgurke solltest du tunlichst nicht servieren. Denn gleichwohl sie sparsam dosiert in der Medizin eingesetzt wird, sind alle ihre Pflanzenteile giftig, führen zu Koliken, Entzündungen und können bei übermäßigem Verzehr sogar tödlich enden. Möglichst fern halten von so einem Biest, wirst du jetzt denken, doch Vorsicht denn die Spritzgurke greift heimtückisch und unerwartet aus dem Hinterhalt an. Prall, grün und reif, baut sie im Inneren des Gurkensacks einen Überdruck auf, wirft ihren Stiel ab und schleudert Gurkensaft samt Samen bis zu zwölf Meter weit in die Ferne. Nimm also ruhig etwas mehr Abstand zu der spuckenden Gurke, die ihrem Namen alle Ehre macht.

Die schwergewichtige Stinkblume
Falls du jemals in den Genuss kommen solltest, den bis zu drei Meter hohen und äußerst beeindruckenden Blütenstand der in Sumatra beheimateten Titanenwurz zu bestaunen, dann sei dir geraten, entweder einen robusten Magen zu haben oder eine große Wäscheklammer mit dir zu führen. Denn nicht umsonst wird die größte Blume der Welt mit einer bis zu 100 kg schweren Knolle auch Leichenblume genannt. Die Titanenwurz blüht zwar nur alle fünf bis zehn Jahre, aber wenn, dann lässt sie es richtig krachen: Fieberhaft erhöht die Pflanze ihre Temperatur auf ganze 36 Grad und verbreitet einen nach Aas und Fäkalien riechenden Gestank, der Insekten zu einer Bestäubung animieren soll. Was für uns wie Laternenpfahl ganz unten riecht, scheint zum Lieblingsparfum der Aasfliege zu gehören. Wer’s mag …

Trügerische Verführung
Farbenprächtig und mit lüsternem Blick reckt sie sich dem Dolchwespenmännchen entgegen und ruft zum Tête-à-Tête herbei. Der Wesperich lässt sich nicht lumpen und macht sich auf den Weg zur Dame seines Herzens. Nur, dass diese leider kein Wespenweibchen ist, sondern eine gemeine Spiegel-Ragwurz, die sich, maskiert mit dem Kleid des Dolchwespenweibchens nur als solches ausgibt. Wenn der enttäuschte Herr schließlich die Farce als Lockmimikry enttarnt hat, ist längst das passiert, worauf es die Pflanze abgesehen hat: Während des vermeintlichen Begattungsaktes hat sie dem Insekt ein Pollenpaket an den Kopf geklebt, das der unfreiwillige Postbote nun, noch ganz im Liebesrausch gefangen, in die Welt hinaus trägt. Verwandte der Lady Ragwurz verkleiden sich übrigens je nach Geschmack auch als Hummel, Fliege oder Biene.

Schmarotzende Schönheit
Mit einem leuchtenden Rotbraun, weiß gepunktet und einem Durchmesser von bis zu einem Meter ist die Riesenrafflesie der absolute Star im indonesischen Dschungel. Zweifelsohne ist die Riesenblume eine wahre Augenweide. Doch der Schein trügt … Um ihre Pracht nach außen zu tragen, bedient sich die hinterlistige Rafflesie der Nährstoffe anderer Gewächse anstatt selbst Fotosynthese zu betreiben. So lebt sie als elf Kilo schwerer Vollschmarotzer und Parasit auf Kosten anderer. Doch so ein ausbeuterisches Handeln bleibt nicht ungestraft: Nach ein paar Tagen ist es vorbei mit Glanz und Gloria und die Blüte – die übrigens genauso bestialisch stinkt, wie die Titanenwurz – zerfällt zu einem unansehnlich schleimigen Brei.

Überfallkommando Tomate
Der Teufelszwirn trägt seinen Namen nicht zu unrecht, verhält er sich doch wirklich gemein: Geschickt und wendig schlängelt er sich in kreisenden Wachstumsbewegungen ähnlich wie ein Lasso auf seine Beute zu, um diese dann geschickt zu fesseln, sich an ihrem Saft zu laben und sie wie ein Vampir auszusaugen. Die Gelackmeierte ist ausgerechnet die friedliebende Tomatenpflanze, die durch ihren Geruch die Aufmerksamkeit des Teufelszwirns, der eine äußerst feine „Nase“ hat, auf sich lenkt. Andere Gewächse interessieren den unbändigen Zwirn übrigens nicht die Bohne, ist er doch ein Feinschmecker, der, hat er einmal eine Tomatenpflanze gewittert, nicht mehr von dieser ablässt.

Kannenpflanze
„Die Guten ins Töpfchen“ lautet die Devise der Kannenpflanze aus Borneo. Sie kann gar nicht genug bekommen von ihrer Lieblingsspeise: Termiten. Um diese anzulocken, opfert sie sich sogar selbst und stellt den weißen Flaum rund um den Rand ihres kannenförmigen Körpers zum großen Fressen bereit. Die Termiten lassen sich nicht bitten und knabbern fleißig darauf los. Doch genau das wird ihnen zum Verhängnis und so rutschen sie in den glitschigen Schlund hinab. Bis zu 6.000 Insekten pro Stunde kann die karnivore Pflanze verdrücken und gilt damit als die gierigste ihrer Art. Uns als Veggies gefällt das natürlich gar nicht und so würden wir uns darüber freuen, wenn man dem Vielfraß andere Leckereien schmackhaft machen könnte. Diese wären dann allerdings pflanzlicher Art und so würde die Kannenpflanze zum Kannibalen werden … Du merkst, wir befinden uns in einem Dilemma und schlagen deshalb ein Mahl aus Luft und Liebe vor.