SOKO-Tierschutz Mitbegründer Friedrich Mülln im Interview

Foto: Friedrich Mülln

Auf dem Weg in eine zweite Aufklärung? VEGAN WORLD im Gespräch mit Friedrich Mülln.

Von: Alexander Nym

Wenn Skandale aus Massentierhaltungsbetrieben an die Öffentlichkeit geraten, sind es meist Recherchen von SOKO Tierschutz, die helfen, die Zustände hinter den Stallwänden publik zu machen. Mitbegründer Friedrich Mülln (Jg. 1980) bekämpft die Tierausbeutung seit den 1990er Jahren und legt nun mit seinem Erstlingswerk eine spannende Sammlung von Anekdoten, Erfahrungen und Informationen aus über 25 Jahren Aktivismus vor. Grund genug für ein Gespräch über die globale Gegenwart, ihre Probleme – und ethische Lösungsstrategien.

An der Corona-Pandemie sollen chinesische Wildtiermärkte schuld sein, wo es zum Übersprung des Sars-Cov2-Virus auf den Menschen gekommen sein soll (Stichwort Zoonose). Du hast viele solcher „wetmarkets“ dokumentiert, aber bei der Premierenlesung deines Buchs angemerkt, dass du hierzulande Zustände erlebt hast, welche die in China in den Schatten stellen. Wie schätzt du das Risiko ein, dass wir weitere, bei uns entstehende Zoonosen erleben werden?
Mich wundert, dass es nicht schon dazu gekommen ist. Jeder Massentierhaltungsbetrieb kann jederzeit der Startpunkt für so eine Pandemie sein. Selbst wenn alle Hygienemaßstäbe einhalten würden, ist eine solche Massentierhaltung wie eine gigantische Petrischale, die ständig Viren und Bakterien ausbrütet und diese schnell in aller Welt verbreiten kann. Sowohl über die tierischen Lebensmittel, als auch über die Logistik dieser Industrie: Futtermitteltransporte, Tierärzt*innen, weltweiter Handel mit Tieren. Das kann also sehr schnell gehen, und ich bin ziemlich sicher, dass wir Situationen wie mit Corona in den kommenden Jahren mit Ursprung in Deutschland, Frankreich oder Italien auch bei anderen Tieren erleben werden.

Du gehst also davon aus, dass die nächste Zoonose nicht von Wildtieren, sondern von Nutztieren ausgehen wird?
Einem Virus ist egal, ob Wildtier oder domestiziertes Haus- oder Nutztier. Für
Corona werden gerne Fledermäuse in Wuhan verantwortlich gemacht; das glaube
ich nicht. Ich war in China auf vielen Märkten, und Fledermäuse spielen da keine große Rolle. Ich gehe eher davon aus, dass der Corona-Virus in einer Intensivtierhaltung,vermutlich Pelztierzucht, von einem Pelztier zum Menschen übergesprungen ist, und die Person danach Fische auf dem Fischmarkt gekauft hat, und dort ist es dann bekannt geworden. Es ist natürlich sehr viel einfacher, auf irgendwelche Märkte zu zeigen, die
man sowieso loswerden möchte, weil auch in China der Trend zum Supermarkt seit
Jahren wächst, als die Agrarindustrie dafür verantwortlich zu machen. Aber sehen wir
uns einen Geflügelbetrieb in Deutschland an: Auch da haben die Tiere Kontakt mit
Wildtieren, weil z.B. Ratten und Mäuse eindringen können und Kontakt mit den
„Haus“tieren haben. Die Gefahr, dass so was in einem Geflügelstall ausbricht, ist genauso groß wie auf einem Wildtiermarkt.

Wenn die nächste Zoonose quasi vorprogrammiert ist, welche Möglichkeiten hat die Industrie überhaupt, um – vom Schicksal der Tiere ganz zu schweigen – den
Verbraucher*innen garantieren zu können, nicht die nächste Pandemie auf den Tellern zu haben?

Natürlich kann man Massentierhaltung in Hochsicherheitstrakte mit Schleusen, Desinfektionsmittel, Schutzoveralls etc. umwandeln. Das Ergebnis ist dann aber, dass man eventuell noch viel hartnäckigere Keime schafft. Man kennt das von Krankenhauskeimen, wobei wir unterscheiden müssen zwischen multiresistenten
Keimen (welche ich für die größte Gesundheitsbedrohung für den Menschen im 21.
Jahrhundert halte), und Viren, die in die Betriebe eingetragen werden oder in ihnen
entstehen – und beides ist im Prinzip nicht einzudämmen. Wenn also jemand behauptet, die Risiken der Massentierhaltung wären kontrollierbar, dann hat die Person entweder keine Ahnung, wie Massentierhaltung funktioniert, oder sie lügt. Allein heute habe ich einige Rinderhaltungsbetriebe begutachtet, und bei mehreren
gesehen, dass die Kadaver der verstorbenen Tiere einfach auf den Misthaufen geworfen werden. So kann man natürlich auch bewusst die „große Petrischale“ schaffen, wo sich Viren und Bakterien bestens wohlfühlen, Wildtiere sich an den verstorbenen Nutztieren laben, diese wiederum auf neue Nutztiere übertragen … kurz zusammengefasst: Diese Branche ist nicht reformierbar. Das kann man nicht flicken; man kann einen Ausstieg aus der Nutztierhaltung finden, ansonsten werden uns diese Geißeln wie Corona für immer verfolgen. Schauen wir in die Geschichte: Corona, HIV,Schweinegrippe, die sogenannte Spanische Grippe – diese Krankheiten, die Millionen Menschen umgebracht haben, stammen alle aus der Ausbeutung von Tieren. Die Spanische Grippe kam damals, soweit ich weiß, von der Schweinehaltung in den USA.

Gibt es innerhalb der Nutztierindustrie keine Menschen, die das erkennen und vermeiden wollen?
Die gibt es: Etwa 80 Prozent der Informantinnen von SOKO Tierschutz sind Insiderinnen aus der Tierausbeutungsindustrie. Das zeigt auch deren Ohnmacht: Sie sind nicht in der Lage, von innen auf diese Industrie positiv einzuwirken. Es herrscht totaler Kadavergehorsam, im wahrsten Sinne des Wortes, denn alle, die
was sagen, werden als Nestbeschmutzer*innen und Gefahr angesehen und abgesondert. Deswegen sehen diese Leute in ihrer Verzweiflung keinen anderen Weg, als dass dann der Metzger den Veganer anruft, um die Probleme des Metzgers zu lösen! Obwohl es unser erklärtes Ziel ist, dass es diese Branche in ein paar Jahren überhaupt nicht mehr gibt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.Immerhin tun die noch etwas … Es zeigt das Ausmaß der Verzweiflung bei den wenigen, die noch ein Herz im Leib haben. Klar ist, viele Leute gehen da rein und sind vielleicht am Anfang schockiert, aber das trennt sich dann in zwei Bereiche: Die einen, die schlicht mit sich abschließen, sich abhärten und immer weiter verrohen, und dann gibt’s ein paar, die zwar extrem unzufrieden sind, aber nicht wissen, wie sie sich helfen sollen. Sie wissen: Die Veterinärämter handeln nicht, die Polizei macht nichts, sie wissen, die Politik lässt sie im Stich, und dann wenden sie sich am Ende im Zweifel
an solche Rechercheteams wie uns.

Und Ihr macht dann den Job, den Politik und Exekutive nicht hinbekommen. Woran liegt das?
Die Fleischindustrie hat sich in den letzten Jahrzehnten ein perfektes System geschaffen, das es ermöglicht, alles zu unternehmen, was der Profitmaximierung dient.
Das Prinzip ist vergleichbar mit der Mafia; die Fleischbranche hat das nur noch mehr
perfektioniert: Dinge, die eigentlich illegal sein müssten, wurden sogar legalisiert. Wir
sprechen hier von institutionalisierter Tierquälerei in der Nutztierhaltungsindustrie.
Da ist es nur folgerichtig, dass man sich „handzahme“ Behörden schafft, die diese
Tierquälerei kontrollieren und auch noch für gut erachten. Ein Landwirtschaftsminister, der wirklich seinen Job macht, würde wohl schneller rausfliegen, als man gucken kann, weil das als Bedrohung für die Branche wahrgenommen würde. Mit der momentanen Politik, egal ob rot, schwarz, grün oder sonstwas, wird es keinen echten Wandel geben. Uns läuft die Zeit weg, und die Lösungen, die jetzt kommen, um den Klimawandel und andere große Probleme anzugehen, oder auch zukünftige Pandemien zu verhindern, sind, als hätte man versucht, das Problem auf einem Bierdeckel zu bewältigen. Nichts davon hat die Tatkraft oder die Wucht, die nötig wäre, um diese Probleme zu lösen.

Die klare Lösung lautet: eine vegane Lebensweise?!
Ja, das ist der Schlüssel, der vieles ändern wird und diese Industrie zu Fall bringenkann. Es wäre natürlich viel einfacher, wenn die Politik klare Schritte und Schnitte machen würde. Wir sehen ja gerade dank Corona, dass es im Prinzip möglich ist, alles auf den Kopf zu stellen, nur dann stoßen wir wieder auf die eiserne Wand der Tierausbeutungsindustrie. Die Leute haben sich gut verschanzt, aber im Endeffekt hat diese Wand gegen die Hunderte Millionen Menschen weltweit, die einfach ihr Leben ein Stückchen weit im Sinne der Tiere, der Umwelt und der Menschen verbessern, auch keine Chance.

Bist du optimistisch, dass es gelingt, dieses System zumindest ernsthaft
ins Wanken zu bringen?

Das bin ich! Aber was ist denn unsere Aufgabe als vegan lebende Menschen, als Tierrechtler*innen? Es ist ja nichts weniger, als den größten ethischen Konflikt der Menschheitsgeschichte zu lösen. Sehen wir uns andere Unterdrückungsmechanismen an: Die Diskriminierung anderer Sexualitäten, die Genderproblematik, die Diskriminierung von Frauen – das sind alles Sachen innerhalb unserer Spezies, und selbst damit haben wir schwer zu kämpfen und sind noch lange nicht am Ziel. Und wir sprechen ja letztlich davon, Akzeptanz für einen Käfer, eine Ameise oder für ein Huhn oder Schwein zu schaffen. Das zeigt die ethische Tragweite dieser Debatte: Wir schaffen’s ja schon nicht mal, das andere Geschlecht zu respektieren, und dann kommen Leute und sagen: „Ja komm, hier, ich fordere Respekt für einen Schmetterling.“ Aber ich finde,
wir sind in den letzten zehn Jahren kolossal vorangekommen, was Mut macht.

Neben der Ernährungsethik gibt es nur wenige andere Themen, die Menschen derart triggern: Fragen persönlicher Verfasstheit wie Fortpflanzung, oder welche Ideologien man ans Gehirn verfüttert. Sie alle rühren an die Wurzel der Identität, weil sie direkt unsere körperliche und geistige Integrität betreffen – was die oft heftigen emotionalen Reaktionen auf diese Themen erklärt.
Es sind diese Tabuthemen, die uns im Innersten angreifen. Natürlich, wenn eine Person denkt, sie ist gebildet, war gut in der Schule, ist erfolgreich im Job, und dann kommt etwas und hinterfragt das ganze Leben: Warum hast du noch nie daran gedacht, was ein Schwein fühlt? Warum ist es dir egal, was einem Truthahn widerfährt? Wieso ist es dir egal, was den zukünftigen Generationen auf diesem Planeten passiert? Warum ist dir das alles egal und du isst dieses ganze Zeug? Deswegen müssen Veganer*innen ja immer dieses Bullshit-Bingo spielen, denn im Prinzip ist jede vegan lebende Person eine Provokation auf zwei Beinen für alle, die nicht reflektieren wollen, was für uns unglaublich hart ist, weil wir ständig diese schlechten Argumente kontern müssen: „Was ist mit dem Soja aus dem Regenwald?“ etc.

Es braucht einen viel intensiveren gesellschaftlichen Dialog über
dieses Thema …

In den Medien, in den Schulen müsste damit ganz anders umgegangen werden – auf Augenhöhe. Die meisten Fernsehberichte versuchen immer noch, den Leuten einfache Lösungen zu suggerieren, mit denen sie abends gut schlafen können, anstatt den Finger in die Wunde zu legen. Das ist dann unsere Aufgabe, weil’s die Politik nicht tut. Das war mit Black Lives Matter, dem Umgang mit der queeren Bewegung oder anderen genauso: Das ist ein Wandel, der kommt nicht von oben. Schön wär’s, wenn man sagen könnte, wir lösen diese Probleme jetzt und besprechen es im Bundestag. Das kommt immer schleichend, über Diskurs in der Gesellschaft. Doch leider geht uns die Zeit aus, auch uns die wir bereit sind, so zu leben. Die politischen Lösungen, die momentan da sind, werden nicht ausreichen, um der Menschheit ein vernünftiges Leben auf dem Planeten zu ermöglichen. Die Leute werden auf Laborfleisch warten,bis es möglich ist, alles in der Petrischale zu züchten. Stattdessen könnte man ja jetzt
schon vegan leben; beweise ich selbst seit 27 Jahren, aber so ist die Menschheit halt:
Man wartet immer, bis man mit den Armen wedelnd am Abgrund steht, und dann fängt man an, Lösungen zu konstruieren – meist mit hohem technischen Aufwand, statt dass man sehr simple und einfache Wege geht, die schon lange bekannt sind.

Deswegen ärgere ich mich über den Begriff „konventionelle Landwirtschaft“ – als ob die Industrialisierung der Landwirtschaft das Herkömmliche sei, mit ihrer massiven Verdichtung samt Konsequenzen wie Nitratbelastung usw. – und nicht die Art und Weise, wie zuvor jahrhundertelang gewirtschaftet wurde.
Ja! Mich ärgert auch immer, wenn von konservativer Politik gesprochen wird – der
Politik, die Tierausbeutung und Umweltzerstörung um jeden Preis bewahren will. Weil
Konservatismus kommt ja eigentlich davon, dass man etwas bewahrt, und was jetzt gemacht wird, ist, dass konservative Politik unsere Zukunft und unser jetziges Dasein
zum Bestpreis verkauft, und das war’s.

Verschärft durch die Verunsicherung, die dank FakeNews und Verschwörungsmythen dazu führt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse etwa zum Klimawandel geleugnet werden. Da dieser Lochfraß des Denkens ebenso an den Säulen des rationalen Denkens nagt, wie am Fundament der Demokratie: Brauchen wir eine Art Aufklärung 2.0? Oder anders: Wie gehst Du mit der reaktionären Gegenaufklärung und ihrer Desinformation um?
Diese Kakophonie von Lügen, Verfälschungen Verdrehungen, die vor allem in den sozialen Medien extrem befördert werden … das kostet sehr viel Energie, erst recht, weil wir uns den Schuh ja auch anziehen, dagegen vorzugehen, sodass wir dann auch manche im Tierschutz unpopuläre Wahrheit verkünden. Meine Taktik im Bezug auf Fake-News und Geschwurbel ist, eine ganz klare Linie zu zeigen. Einerseits sage ich gegebenenfalls ganz klar „Sorry, du hast die rote Linie überschritten“ wie z.B. auf meinem SocialMedia-Account. Aber in anderen Bereichen, wo ich sehe, dass Leute vielleicht selber Opfer sind und Gefahr laufen, zu Täter*innen zu werden, versuche ich, ihnen da raus zu helfen, indem ich klare Positionen ergreife, diese gut untermauere, und mich auch nicht davon abbringen lasse. Ich finde es wichtig, dass auch bekannte Köpfe im Tierschutz klar Position beziehen, auch wenn man damit Ärger kriegt oder manche einen dann nicht mehr unterstützen.

Also keine Scheu vor dem Popperschen Toleranzparadoxon? Zum Beispiel! Einer unserer wichtigsten Punkte ist die Untrennbarkeit des Kampfes für Erde, Mensch und Tier. Dass man eben nicht sagt „Hauptsache für die Tiere, ist mir doch egal, ob jetzt ein Flüchtling ertrinkt; Hauptsache für die Tiere, ist doch egal, ob ich gendere oder nicht!“,sondern dass man ganz klar stellt, dass Tierrechtlerinnen und vegan lebende Menschen sich gemeinsam gegen diese Sachen wehren müssen. Dass diese verschiedenen Unterdrückungsformen zusammengehören und nicht auseinander dividiert werden dürfen. Dass die Person im Mittelmeer ertrinkt, weil wir hier Milch trinken, was zur globalen Erwärmung beiträgt, was die Lebensgrundlagen in anderen Ländern unerträglich macht. Das ist nur ein sehr vereinfachtes Beispiel; natürlich ist das alles wahnsinnig kompliziert, aber es hängt zusammen. Ich denke, ich habe das auch im Buch klar gemacht: Dass gegen Rechts nur eine ganz klare Linie hilft, gegen Homophobie, gegen Sexismus, und dass auch jeder selbst in der Verantwortung steht, Flagge zu zeigen. Es ist falsch, zu sagen, das überlassen wir dem Friedrich Mülln oder irgendwelchen anderen; es ist wie bei der veganen Lebensweise: Eine solche Bewegung steht oder stirbt mit der Beteiligung jeder einzelnen Person. Und dafür versuche ich zu werben, indem ich Positionen besetze und die Stimme ergreife, um andere zu ermutigen, das Gleiche zu tun. Das „Wir sind mehr“ ist wörtlich gemeint, funktioniert aber nur, wenn wir auch tatsächlich mehr sind. Hilft ja nix, wenn das nur einer macht.

INFOS zum Buch:
Friedrich Mülln
Wie ich undercover gegen die Massentierhaltung kämpfe
Droemer Knaur Verlag
272 Seiten, 18 €


Vielen Dank für das Gespräch!

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