Pulsierendes Goa: zwischen Party und Meditation

Autorin: Jennifer Hansen

„Umso weiter ich reise, desto näher komme ich an mich heran.“ (Andrew McCarthy)

Februar 2019: Es schneit und schneit und schneit. Nein, natürlich nicht in Goa, aber in München. Mein Trip nach Indien beginnt mit einigen, freundlich ausgedrückt, Herausforderungen. Tja, wer der Kälte entfliehen möchte, muss da schon mal ein paar Hürden in Kauf nehmen. Und so finde ich mich nach 16 Stunden und zwei verpassten Anschlussflügen in Mumbai in einer Art Schlafbox (nichts für Menschen, die an Klaustrophobie leiden!) wieder. Immerhin, die Lounge ist sauber, das Personal freundlich – und das Beste: es gibt jede Menge Veggie Food. Jetzt weiß ich wieder, warum ich mir Indien als Reiseziel ausgesucht habe. Veganes Essen an jeder Ecke! Love it.

Nach einem köstlichen Caramel-Soja-Latte geht es am Nachmittag weiter nach Goa. Ich verlasse das Flughafengebäude und sehe unter vielen Wartenden meinen Namen auf einem Schild – das entspannt mich ungemein. Rocky, so heißt mein Taxifahrer, bringt mich ins nahegelegene Hotel, das nur wenige Meter von einem atemberaubenden, menschenleeren Strand entfernt ist. Also werfe ich mir schnell mein Beach-Outfit über und erlebe den ersten Sonnenuntergang am Cansaulim Beach. Mir wird klar: Mit Reisestrapazen verhält es sich so wie nach einer Geburt – am Ziel angekommen, hat man alles sofort wieder vergessen. 

Jedes Mal, wenn ich am Meer bin, habe ich das Gefühl, alle belastenden Gedanken einfach vom Wasser davontragen zu lassen. Mein Kopf wird frei, mein Verstand klar. Am Abend überlege ich mir mein Programm für die nächsten Tage:

  • Delfin-Trip
  • Yoga am Strand 
  • Dudshangar Wasserfälle
  • eine Spice-Farm und ein Vogel-Reservat besuchen
  • einen hinduistischen Tempel besichtigen
  • in ein Tierheim fahren
  • die Stadtteile Panjim und Old Goa anschauen
  • ayurvedische Massage genießen
  • entspannen!!!

Am ersten Abend lerne ich auch schon Maggy und Peter aus Schweden kennen. Die beiden Mitt-Sechziger sind echte Weltenbummler. Während der Wintermonate leben sie in Thailand, aber da sie kein Visum haben (ist wohl etwas kompliziert), müssen sie alle 30 Tage ausreisen und erkunden dadurch ganz Asien. Schnell bin ich gefesselt von dem, was mir die beiden erzählen … z.B. dass Peter in Schweden mit seiner Band Forbes berühmt wurde, weil sie 1977 am Eurovision Song Contest teilgenommen haben. Es folgen weitere, spannende Gespräche und mir wird klar, dass alleine reisen nicht unbedingt bedeutet, alleine zu sein, aber man die Freiheit hat, es jeden Tag neu zu entscheiden.

Am nächsten Tag erkunde ich mit einem rostig-pinken, leicht in die Jahre gekommenen Fahrrad, die Umgebung. Plötzlich entdecke ich ein graues, dickes Schwein im Gestrüpp und grinse freudig in mich hinein, weil es frei herumlaufen darf. Genau wie die unzähligen Hunde und Katzen, die zwar ebenfalls frei sind, aber sich dadurch auch rasend schnell vermehren. Dennoch scheinen die meisten fit und wohlgenährt zu sein, weil sie von Einheimischen versorgt werden und gläubige Hindus ja zum Glück fast allen Tieren Respekt entgegenbringen. 

Meine Fahrradtour ist anfangs alles andere als entspannt, weil ich mit dem Rad auf der linken Straßenseite fahren muss – trotz zahlreicher Auslandsreisen ist das eine aufregende Premiere für mich. Und so überholen mich mit wenigen Zentimetern Abstand hupende Tuk Tuks, stinkende Laster und zig Motorroller, auf denen teilweise zwei Personen mit Kleinkindern sitzen – ohne Helm natürlich. Schnell stelle ich fest, dass ich mit meiner deutschen Gründlichkeit hier nicht weiterkomme und nehme mir vor, mich einfach mal zurückzulehnen und auf das Abenteuer einzulassen. 

In guter Gesellschaft

Am nächsten Tag begegne ich Anette und Lauris. Die beiden kommen aus Riga und sind aufgrund einer Hochzeit in Indien, sprechen sogar deutsch und sind mir auf Anhieb sympathisch. Wir beschließen, am darauffolgenden Tag zusammen einen Boots-Tour zu machen, um Ausschau nach Delfinen zu halten …

Rocky, mittlerweile der Taxifahrer meines Vertrauens, bringt uns Richtung Süden zu einem Strand, an dem sich das Boot befindet. Nach kurzer Zeit auf dem Wasser geht unser Wunsch auch schon in Erfüllung und so geben sich ein paar Tümmlern mit ihrer Rückenflosse zu erkennen. Für mich haben diese Begegnungen immer wieder etwas Magisches. Erst im vergangenen Jahr hatte ich in Ägypten das riesengroße Glück, mit einer Gruppe von Delfinen im Meer zu schwimmen – ein unvergessliches Erlebnis. Und auch jetzt hüpfe ich wieder ins Wasser, um meinen lächelnden, friedlichen Freunden ein Stück näher zu kommen. Allein mit diesen wunderbaren Tieren im selben Wasser zu sein, lässt mich eine besondere Energie spüren. Für mich die Perfektion des Glücks. Auch Anette und Lauris sind total begeistert. Nach einem gemeinsamen Mittagessen wandern wir am breiten Sandstrand zurück zum Hotel und verabreden uns erneut für den nächsten Tag. 

Um 5:45 Uhr klingelt der Wecker, weil wir eine eineinhalbstündige Fahrt nach Collem vor uns haben: es geht zu den Dudhsagar-Wasserfällen im Landesinneren. Da diese Idee nicht nur wir, sondern gefühlt auch hunderte andere Touris haben, gibt es bereits um kurz vor acht eine lange Schlange, um einen der Geländewagen zu ergattern. Doch wir haben Glück: Rocky kennt jemanden vor Ort und so sitzen wir kurz darauf mit zwei Pärchen aus Russland in einem alten Jeep, der uns zu den Wasserfällen bringt. Die Fahrt ist wie im Film; wir durchqueren Flussbetten und werden so richtig durchgeschüttelt. Nach rund 50 Minuten erreichen wir die Plattform, von der aus es zu Fuß weitergeht. Dort begrüßt uns ein Affen-Komitee, das natürlich nur darauf wartet, mit Bananen vollgestopft zu werden. Da wir uns unsicher sind, ob das wirklich so toll ist für die Affen, entscheiden wir uns, sie nicht zu füttern. Weiter geht’s durch den Dschungel und die rote Erde, über Hängebrücken und Steinfelsen hinauf zum Wasserfall. Der weite Weg hat sich gelohnt: Vor uns zeigt sich die Natur von einer ihrer umwerfendsten Seite. 

„Die Natur ist die beste Apotheke.“ (Sebastian Kneipp)

Jetzt heißt es nur noch: Ab ins kühle Nass! Obwohl es im Becken unterhalb des Wasserfalls nur so von Fischen wimmelt, springe ich hinein und tauche meinen heiß gelaufenen Kopf unter Wasser. Ja, das ist mein Element – endlich spüre ich mich wieder! Der Dudhsager Wasserfall ist ca. 300 Meter hoch und in der Mitte optisch durch eine Eisenbahnstrecke geteilt (auch bekannt aus dem Bollywood-Film „Chennai-Express“). Das macht ihn zu einem echten Unikat! 

Auf dem Rückweg entdecken wir eine Makaken-Mama mit einem Baby im Arm. „Wie süß“, denken wir zuerst, bis wir sehen, dass es tot ist – S T I L L E –. Berührt und traurig vom Anblick und der Tatsache, dass die Mutter ihr lebloses Baby weiter herumträgt, ziehen wir weiter. Wie bei allem im Leben gibt es eben auch in der Natur Licht und Schatten, doch zum Glück sehen wir am Ende noch einige Mamas mit quietschfidelen Jungtieren auf dem Arm. Puh, ich atme durch. 

Zurück im Taxi, bringt uns Rocky noch zu einer Gewürzplantage, der sogenannten Spice Farm. Dort erfahren wir bei einer kleinen Führung, warum zu viel Muskatnuss vergesslich macht, Kurkuma mit Quark gegen Falten hilft und wissen nun endlich, wo der Pfeffer wächst: nämlich an einer sich an Baumstämmen hochschlängelnden Pflanze mit herzförmigen Blättern. Am Ende der Führung kann man dann an einem kleinen Stand die Gewürze und aphrodisierenden Öle kaufen … ich entscheide mich für das Eukalyptus-Öl gegen Migräne.