Kolumne: Kauziges Etikettenhobby

Zwischen pflanzlichen Füllstoffen, tierischen Zusätzen und kryptischen Verpackungsbeschriftungen kämpft man sich als bewusste*r Konsument*in heutzutage
durch den Produktdschungel und kann eigentlich nur verlieren. Eine Elegie auf das Fressen und Gefressenwerden.

Von: Jacqueline Flossmann

Ich wurde als Sparfuchs erzogen. Nicht etwa, weil meine Eltern besonders geizig gewesen sind, sondern weil die 1990er Jahre nun mal den Gipfel unbeschwerten
Billigkonsums markierten und wir aufgrund des Hausbaus ganz einfach die Moneten zusammenhalten mussten. Nun schleift sich über die Zeit nicht nur ein gewisses Preisniveau ins Unterbewusstsein ein – ich habe Jahre gebraucht, um bei Biomarkt-Preisen nicht mehr zusammenzuzucken – sondern auch eine Art erlernter Einkaufshabitus, der einen beispielsweise im Regal nach ganz unten greifen lässt, weil dort die Schnäpper angesiedelt stehen. Je selbstständiger man wird, je mehr man hört, liest, sieht oder studiert, desto stärker verändern viele von uns ihr eigenes Konsumverhalten. Nicht selten kann dieser neue Lebensstil anfangs zum Kraftakt werden. Im schlimmsten Fall stellt man gleich mehrere Anforderungen an seine Nahrungsmittel – vegan, wenig Plastik, so regional und saisonal wie möglich und irgendwie gesund wäre auch cool – und zack, gleicht der früher so unbeschwerte Weg durch den Bio- oder Supermarkt einem tückischen Spießrutenlauf. Man möchte schließlich wissen, was drin ist und beäugt deshalb jedes Produkt mit prüfendem Blick. Dass Veganer*innen auch
Säfte, Weine, Marmeladen und vieles mehr kritisch begutachten, stößt so manchem Außenstehenden gar sauer auf und das Unausweichliche geschieht

Der*die Pflanzenverzehrer*in wird als elendige*r Spinner*in abgetan. Pfiffige Aussagen wie „Keine Sorge, im Apfelsaft ist für gewöhnlich kein Hack drin“, darf man sich dann anhören und entweder mit einem gequälten Lächeln oder einem aufgebrachten Sermon quittieren. Was viele über ihre zum Brüllen komischen Scherze hinweg ignorieren, ist der Fakt, dass der Etikettencheck kein kauziges Hobby, sondern leider eine echte Notwendigkeit darstellt. Denn ständig sind irgendwo tierische Inhaltsstoffe versteckt. So werden nicht nur Gummibärchen klassischerweise mit Gelatine oder zerriebenen Läusen (Karmin) zubereitet, sondern auch Weine und Säfte häufig mit Gelatine geklärt oder durch Fischblasen gefiltert. In Backwaren findet sich gern der mystisch betitelte Stoff E920 (auchL-Cystein genannt), welcher manchmal aus – Achtung, lecker! – Schweineborsten oder Vogelfedern hergestellt wird. Wo wir schon beim lustigen E-Nummern-Raten sind: E904 steht für Schellack und somit salopp gesagt für Läusekot, E 901 für Bienenwachs. Präparate wie Vitamin A,B-Komplex, D3 oder H bestehen häufig aus Leber, Lebertran, Milch oder Krebspanzern. Man könnte die Liste fast endlos fortführen und auf Kosmetika, Elektrogeräte und eigentlich so ziemlich jeden Gegenstand dieser Erde ausweiten. Denn, ich wiederhole es noch einmal: Oft ist irgendwie Tier drin. Und auch im pflanzlichen Bereich agiert die Lebensmittelindustrie nicht immer ganz vertrauenswürdig. Vom guten alten Sägespäne-Aroma im Fruchtjoghurt hat man schon mehrmals gehört. Grundsätzlich werden Pflanzenfasern wie beispielsweise Bambus richtig gerne in Cremes oder auch Hummus gemischt, um so billig wie möglich ein luftig-lockeres Ergebnis zu erzielen. Diese Tätigkeit kann schon fast als liebgewonnene Tradition im Herstellungsbereich bezeichnet werden, von der man scheinbar nur ungern absehen möchte. Eine ordentliche Kennzeichnungspflicht ohne ABC-Geheimsprache könnte da natürlich helfen, liegt aber wohl in so weiter Ferne wie Aruba, Jamaica oder Kokomo. So finden wir uns eben wieder im Supermarkt, das Monokel zückend und mit immer tiefer werdenden Stirnfalten die Zutatenliste studierend. „Dann kauf doch keine verarbeiteten Lebensmittel mehr!“, schalmeien jetzt einige gesundheitsbewusst und grundsätzlich haben sie ja recht. Trotzdem möchte ich ab und an nach einem langen Arbeitstag in den zeitsparenden Genuss eines sauberen Fertigprodukts kommen. Wenn ich mir dann in Schlabberhosen und voller (ausgiebigst auf Zutaten studierte) Chipskrümel eine Fertigpizza hinter die Binde schiebe, will ich gefälligst noch mal sicher sein, dass da außer ungesunden pflanzlichen Fetten und Kohlenhydraten nichts drin ist, das ich nicht essen möchte. Man erinnere sich bloß an den Pferdefleischskandal. Ein riesiger Aufschrei ging da durch die Bevölkerung und die einst so heißgeliebten TK-Lasagnen wurden zu Tausenden in von Mahnwachen flankierten Feuern verbrannt (oder so ähnlich). Man hätte damals natürlich auch damit argumentieren können, dass der Unterschied zwischen billigem Rindfleisch und billigem Pferdefleisch doch gar nicht so groß sei. Dass man sich nicht so haben solle. Aber darum geht es mir gerade vordergründig gar nicht. Auch nicht darum, Omnivor*innen und Pflanzenesser*innen gegeneinander auszuspielen. Es geht verdammt noch mal darum, dass Produkte gefälligst verständlich und anständig gekennzeichnet gehören. Sollte als Folge beispielsweise der Umsatz einer Kaffeemarke, auf deren Etikett dann ehrlich geschrieben steht „Billigste Bohnen, gemischt mit tierischen Lebensmittelabfällen, von armen Kindern gepflückt, von anderen armen Schweinen unter schlechtesten Hygienebedingungen gemahlen und in umweltschädlichem Plastik (an dem eine Schildkröte ersticken wird) verpackt“ in den Keller gehen, kann sich die Firma ja immer noch überlegen, einen fairen Kaffee in
kompostierbarer Verpackung zu angemessenem Preis zu verkaufen. Aber wo kämen wir da nur hin!