Gütesiegel auf Gewalttaten: SOKO Tierschutz deckt Geflügelskandal auf

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Oben links: Noch kann sie ihren Kopf oben halten: Pute aus Mastbetrieb in Dattenhausen

Unten links: Gängige Praxis: Brutal schlägt ein Arbeiter auf die Puten ein

Oben rechts: Diese zwei Puten werden geschlachtet.

Unten rechts: Schwer vernachlässigt: Pute aus einer Anlage in Großhöhenrain

 

 

Von: Susann Döhler

 

 

„Das Wohlbefinden unserer Tiere ist uns ein wichtiges Anliegen.“ Mit dieser Aussage wirbt der österreichische Konzern „Hubers Landhendl“ auf seiner Webseite. Soko Tierschutz dokumentiert bei Zulieferbetrieben qualvolle Aufzuchtmethoden. Im Interview gibt uns Friedrich Mülln, der 1. Vorsitzende von SOKO Tierschutz, Einblick in den Alltag der Horrorfarmen, deren Fleischprodukte der Verbraucher mit Gütesiegel bei Rewe, Tengelmann und Co. findet …

 

Friedrich, beim Namen „Hubers Landhendl“ denkt man an eine romantische Bauernhof-Idylle. Das Unternehmen wirbt mit Tradition, Qualität und Tierwohl. Vorgefunden und dokumentiert habt ihr eine qualvolle Turbomast. Kannst du kurz mit deinen Worten beschreiben, was ihr gesehen habt?

Zuerst sahen wir Dutzende Farmen mit ganz normaler Massentierhaltung, mit dem üblichen Irrsinn: verstümmelte Tiere, tausende auf engen Raum, kranke und tote, Antibiotika-Vorräte. Besonders schockierend waren jedoch die Ergebnisse der von uns fest installierten Kameras. Sie zeigten, wie Arbeiter vor den Augen des Chefs brutal auf die Puten eindroschen und diese lebendig in den Müll warfen. Andere Tiere wurden vor der Tür bei lebendigen Leib aufgeschlitzt und für die Direktvermarktung ab Hof geschlachtet. In der Farm vegetierten selbst jene Tiere lange Zeit vor sich hin, die nur noch aus tiefen Wunden bestanden. Man wollte sie um jeden Preis zu Fleisch machen. Der Hof galt als Musterbetrieb, der seit Jahrzehnten niemals beanstandet wurde, Gütesiegel trägt und nach dem Label mit einer besonders tierfreundlichen Stallhaltung produziert.

 

 

Wie kann es sein, dass die Endprodukte der Landhendl-Produktion mit Qualitätssiegeln ausgezeichnet sind?

Alle Kontrollen sind angemeldet und das Fleisch, das ab Hof verkauft wurde, unterlag offenbar gar keiner Kontrolle. Das zeigt, wie trügerisch das Vertrauen in den Bauern um die Ecke oder den Metzger im Ort ist. Die Tiere, die illegal geschächtet wurden, waren sogar schwer verletzt. Dass die meisten Puten unter der Turbomast leiden und Schmerzen haben, wird im Übrigen von den Behörden toleriert und gilt als Standard. Siegel, wie QS beispielsweise, sind reine Ablenkungsmanöver der Industrie. Diese Albtraumfarm hatte immer 100 Punkte.

 

 

Welche Firmen beziehen Puten der Hubers Landhendl GmbH?

Hubers Landhendl mag hierzulande kaum bekannt sein, ist aber einer der großen Geflügelproduzenten aus Österreich. Der Konzern hat beste politische Kontakte und einen sehr guten Draht zu den Behörden. Es kann sein, dass eine harte Gegenreaktion kommt. Wir sind vorbereitet und werden von unseren Aussagen nicht zurückweichen. Die Kunden von Hubers sind fast alle deutschen Supermarktketten. Zu den Hauptkunden gehören Rewe, Edeka, Penny, Netto,Vinzenzmurr und Höhenrainer. In der Schweiz Coop und in Östereich Spar sowie Hofer.

 

 

Was sagt das Unternehmen und die Polizei zu euren Aufnahmen?

Das Unternehmen behauptet, alles wäre immer streng kontrolliert gewesen, die Tiere würden rund um die Uhr bestens betreut werden. Allein seit November hätte es sieben Kontrollen gegeben und in den letzten Jahren 27 angemeldete Besuche der Behörden. Jetzt wurde der Vertrag zu einer Farm auf Eis gelegt, offenbar will man warten bis Gras über die Sache gewachsen ist. Die anderen Horrorfarmen liefern weiter. Die Polizei verbreitet indessen Falschaussagen und versucht Soko Tierschutz in ein ungünstiges Licht zu rücken. Als wir die Polizei gerufen haben, wollten die Beamten nicht kommen und ich musste die Polizei nötigen, dort aufzutauchen. Die Mäster wurden mit Samthandschuhen behandelt und wichtige Beweismittel nicht beschlagnahmt.

 

 

Traurigerweise ist Hubers Landhendl kein Einzelfall. Damit der Fleischkonsum in der uns bekannten Form möglich ist, müssen Puten am Tag rund 150 Gramm an Gewicht zunehmen. Sie sind kaum überlebensfähig. Wie alt können Puten generell werden und wie alt werden sie in der Massentierhaltung?

Puten können bis zu 12 Jahre alt werden, die überzüchteten Big6-Turboputen überleben selbst bei bester Haltung kaum 2 Jahre. In der Mast werden die Tiere nach 20 Wochen getötet.

 

 

Was passiert mit toten Puten?

Diese werden in Tonnen entsorgt oder eben noch vor dem Tod notgeschlachtet. So kann man das Fleisch, wie im aktuellen Fall vermutlich geschehen, noch an Metzger oder Restaurants um die Ecke verkaufen. Die Müllcontainer kommen in die Tierkörperverwertung und landen z. B. im Hunde- oder Katzenfutter. Manchmal landen die Kadaver auch einfach auf dem Acker, wie bei einer weiteren aktuell aufgedeckten Farm.

 

 

Wenn die Nachfrage nach Fleisch derartige Aufzucht-Methoden erfordert, liegt die Vermutung und gleichzeitig Befürchtung nahe, dass auch die Milchproduktion unter ähnlichen Bedingungen abläuft. Wie sieht es hinter den Mauern der „tierfreundlichen“, „artgerechten“ Milch- und Käseindustrie aus?

Nicht besser, aber anders. Milchkühe leiden sehr viel länger. Das Martyrium aus Enge, Gestank, Enthornung, Zwangsfixierung, Euterinfektionen,Vergewaltigung und Kindesraub dauert bis zu sechs Jahre. Hier gibt es noch brutalere Tiertransporte rund um die Welt. Wusstest du, dass in jedem Glas Milch Eiter ist? Er kommt von der Mastitis, einer schmerzhaften und sehr weit verbreiteten Euterentzündung. Eiter in der Milch ist vollkommen legal. Auch den Begriff „Saugentwöhner“ muss man sich merken. Hierbei handelt es sich um einen stacheligen Maulkorb für Kälber, die damit beim natürlichen Trinken der Mutter Schmerzen zufügen. Man will ihr wehtun, da die Milch ja für den Menschen reserviert ist …

 

 

Weitere Informationen zum Puten-Skandal findet ihr unter http://www.youtube.com/watch?v=AQprEUwG5l4 … Der Inhalt des Videos ist nicht jugendfrei! Mehr zu den Kampagnen, Einsätzen und Erfolgen des Tierschutzvereins gibt es unter www.soko-tierschutz.org und in der Veggie-Journal-Ausgabe 1/13.