Die Lunge der Erde: Interview mit Rainforest Alliance

Drehen wir die Frage um und stellen uns vor, wir stecken in einer solchen Nahrungswüste fest, umgeben von anderen Ausgestoßenen, ohne Einkommen, mit miesen Lebensverhältnissen, wenigen Handlungs- und Wahlmöglichkeiten.Trotzdem mag es Leute geben, die sich mit Umwelt- und Klimafrage und ihren sozialen und wirtschaftlichen Implikationen auseinandersetzen, mit all den Problemen, die wir angesprochen haben, weil das die bestimmenden Faktoren für die Machtlosigkeit sind, der sie existenziell ausgesetzt sind. Sagen wir, es handelt sich um einen jungen Menschen, der zwar keinen Einfluss, aber Zugang zu Infos und Bildung hat und keine Vorstellung, wie er oder sie sich in diesen Problemfeldern engagieren könnte. Hättest Du einen einfachen Tipp parat?
Was wir zurzeit in diesem Land hier sehen, ist eine immense Zunahme an politischem Engagement genau solcher jungen Leute, und ich denke, dass wir bei der nächsten Wahl
im November überrascht sein könnten, wie viele dieser Menschen wählen werden, und wen, denn traditionell tun sie das oft nicht. Außerdem häufen sich die wundervollen
Geschichten von genau solchen Leuten, die jüngst tatsächlich Kongressmitglieder wurden; die durchgebrochen sind. Daher denke ich, dass das vielleicht wichtigste, was solche
Menschen tun können, ist, sich in die örtlichen Graswurzelbewegungen für soziale und Umweltgerechtigkeit einzubringen, und in deren Verbindungen in die Lokalpolitik– und dabei auch Sinn und Erfüllung zu erfahren, denn vor Ort an Entscheidungenmitzuwirken, ist ein fundamentaler Unterschied zu Entscheidungen, die weit weg getroffen werden und womöglich katastrophale Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben. Haben sie Krankenversicherung oder nicht? Können sie die Schule besuchen? Werden ihre Kinder es sich leisten können, aufs College zu gehen oder nicht? Gibt es öffentliche Verkehrsmittel, damit man arbeiten gehen kann, und Essen besorgen, wenn man sich das Auto nicht mehr leisten kann, seit der Job weg ist?

Was die Menschen tun, ist also, sich zu organisieren; sich über diese Themen zu informieren, und in ihren Kommunen Bildungs- und Hilfsangebote einzurichten als Vehikel, um gemeinsam mehr über diese Dinge und ihre Zusammenhänge zu erfahren.
Ja, und sich und andere in der Kommune darüber fortzubilden. Und auf diese Weise zur Lösung der Probleme auf lokaler Ebene beizutragen. Das kann ungemein inspirierend sein, und es geschieht gerade in den Städten überall hier im Land. Ich denke auch, dass Organisationen wie meine und andere national und international tätige Umweltorganisationen da ein wenig außen vor sind. Wir sind sehr eng vernetzt mit den Gebieten in den Ländern, wo wir arbeiten, in Afrika, Asien usw. Aber es gibt einen wahren Schatz an lokalen, sehr lokalen NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) und Vereinen, die meist von Ehrenamtlichen betrieben werden. Hoffentlich schaffen es die Menschen, sich mit diesen Gruppen kurzzuschließen, denn dort stoßen sie auf einen Reichtum an Erfahrung, Wissen, und Ressourcen – und auch an Karrierechancen! Der gesamte Bereich – die Nahrung, die wir essen, wie Energie produziert wird, wie Bauprojekte umgesetzt werden und so weiter –, das ist auch eine fantastische Quelle für Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung. Und es braucht keinen „Green New Deal“, um das zu erkennen. Darum bin ich tatsächlich sehr optimistisch, wo die Reise letztlich hingeht, was die USA und viele andere Länder betrifft. Ich bin sehr besorgt, wie lange sie für den Übergang brauchen werden, und wie viel Schaden in der Zwischenzeit angerichtet wird, und über das Leid, das dadurch entsteht, aber ich bin optimistisch, dass das Resultat die Entstehung einer neuen Gesellschaft sein wird. Ich weiß nur nicht, wann. Ich hoffe, ich bin noch hier, wenn das geschieht.

Ich auch! Vielen Dank für das Gespräch!

Literaturtipp:
David Nelles & Christian Serrer
Kleine Gase Große Wirkung. Der Klimawandel
www.klimawandel-buch.de
128 Seiten, 5 €