Die Lunge der Erde: Interview mit Rainforest Alliance

Der Trend zu Populismus und kurzsichtiger Klientel-Politik führt jedoch zu noch mehr Entscheidungen, welche die Probleme von Klimawandel und seinem Migrationsdruck eher verschärfen …
Ja, das ist alles sehr beunruhigend. Um damit umzugehen, sollten wir uns die Ursachen ansehen; die Motoren dieser Probleme, und unsere Reaktionen auf den Klimawandel erheblich beschleunigen. Ressourcen und Aktivitäten auf Ausweisung und Schutz von Lebensräumen fokussieren. Und dahin arbeiten, den Menschen, die nachhaltig in und von diesen Landschaften leben, einen ausreichenden Lebensunterhalt zu ermöglichen, damit sie nicht gezwungen sind, nach Italien oder sonstwohin aufzubrechen.

Politisch sind jedoch fundamental andere Wertesysteme tonangebend – noch. Obwohl diese Prognosen seit langem bekannt sind, neigen gerade autoritär agierende Autokrat*innen zu einer gänzlich anderen Sichtweise, die der ökologischen Balance aus Menschheit und Planet Erde entgegensteht. Wie erklärt man das der Soja verfütternden Massentierhaltungsindustrie? Oder Politikern wie US-Präsident  Donald Trump und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, für die Umwelt keine Ressource, sondern Kapital für den Profit ihrer Wahlkampfspender*innen darstellt? Insbesondere, wenn man bedenkt,dass wir hier in Europa gerade mal noch 30 Prozent unseres eigenen Urwaldes übrig gelassen haben: Mit welchem Recht wollen bzw. dürfen wir anderen Regierungen vorschreiben, wie sie mit ihren natürlichen Ressourcen umzugehen haben?
Wir, die globale Umweltbewegung, sind für Präsident Bolsonaro nicht die relevanten Überbringer der Botschaft. Das sind die Brasilianer*innen selbst, und die sind extrem besorgt aufgrund dessen, was er mit dem Amazonas vorhat. Letztes Jahr gab es gab massive Proteste in mehreren brasilianischen Städten, jede Menge Presse über die Indigenen, und das bewegte ihn zu einem öffentlichen Kurswechsel hinsichtlich Rodung, Waldbränden, … öffentlich! Ich glaube zwar überhaupt nicht, dass er diese Wende auch persönlich vollzogen hat, aber das, was er während der Proteste seinen Landsleuten auf Portugiesisch mitteilte, was ich mit eigenen Ohren gehört habe, ist, dass er aufhören werde, über das Thema zu spotten und Leute wie Leonardo DiCaprio oder mich als Unruhestifter zu bezeichnen, und stattdessen sagte: „Ich verkünde einen nationalen Notstand und entsende die brasilianische Armee, um die Brände zu löschen. Und wir widmen uns der richtigen Pflege des Amazonas, vertrauen Sie der Regierung!“ Ein beachtlicher Wechsel, von einem Tag zum anderen!

Ja – aber ließ er den Worten auch Taten folgen?
Ja, das ist das Ding, nicht wahr? Man sieht, dass die Politik sich ändert. Wie seine Botschaft sich ändert. Er hat erkannt, dass die Brasilianer*innen sehr verärgert waren, und hat reagiert. Das wollte ich nur feststellen: Ich werde ihn nicht überzeugen; Umweltschützer*innen werden ihn nicht zum Umdenken und Handeln bewegen können. Diejenigen, die ihm klar machen können, dass er auf dem falschen Weg war bezüglich des Amazonas sind Businessleute, Politiker*innen, der brasilianische Kongress, die brasilianischen Gerichte, die ihn zu Verzögerungen zwingen, so wie wir das auch in den Vereinigten Staaten sehen. Das sind die Menschen, die ihn dazu bringen können, den Kurs zu ändern, und letztendlich natürlich die Bevölkerung, wenn wieder Wahlen sind. In den Umfragen steht er ziemlich schlecht da. Denn die Brasilianer*innen verstehen sehr wohl, dass es in ihrem nationalen Interesse ist, auch in ihrem ökonomischen Interesse, den Wald nachhaltig zu managen. Brasilien ist der weltweit größte Exporteur landwirtschaftlicher Produkte; das Land ist abhängig von der Funktionalität seiner Ökosysteme. Nicht nur die Exportgüter betreffend, sondern auch hinsichtlich seines internationalen Images und der Marke wegen. Letztes Jahr drohten europäische Regierungschefs mit dem Boykott brasilianischer Produkte, was beachtlich ist für EU­-Regierungschefs; so etwas gab es noch nie.

Auch in Europa haben wir das Problem, dass zwischen Worten und Taten oft eine große Kluft besteht.
In der Frühphase der Pandemie hier in den Staaten wurde deutlich, dass die Schlachthöfe, die den mächtigen Eigentümern gehören, welche auch die Nahrungsmittelindustrie dominieren, zu den Bereichen mit den schwerwiegendsten Ausbrüchen zählten. Das wirft ein Highlight auf die Arbeitsbedingungen in dieser Welt, denen die Menschen darin ausgesetzt sind. Das war zwar schon lange bekannt, erfuhr nun aber erhöhte Aufmerksamkeit. Wenn nun in Zukunft vom Ursprung der Pandemie und ihrer Prävention die Rede sein wird, können wir über Wildtiere, Entwaldung usw. als Faktoren der Zoonose diskutieren, aber ein weiterer signifikanter Risikofaktor bei der Entstehung von Pandemien ist die Art, wie wir unsere Tiere behandeln. Denken wir an die Vogel­ und Schweinegrippen: Das Risiko dieser mutierenden, sich ausbreitenden und auf Menschen überspringenden Erreger, verbunden mit intensiver Massentierhaltung auf engstem Raum, gestresste Tiere, jede Menge Blut und andere Körperflüssigkeiten der Tiere, die in Kontakt mit den menschlichen Arbeiter*innen in den fleischverarbeitenden Fabriken kommen, wodurch diese Erreger sich ausbreiten – das ist ein sehr ernstzunehmender Faktor. Durch die Pandemie richtet sich jetzt die Aufmerksamkeit auf die sogenannten „Wet Markets“ und den Wildtierhandel. Diese Märkte gibt es nicht nur in China, sondern überall auf der Welt. Aber was ist mit der Massenfleischindustrie, wo die gleichen oder sogar schlimmere Bedingungen herrschen, das gleiche oder sogar schlimmere Ausmaß an Tierquälerei, und genauso das Risiko entstehender Krankheiten? Und hinzu kommen noch die widerwärtigen Arbeitsbedingungen für Abertausende Mitarbeiter*innen.

Letzten Endes also auch eine Menschenrechtsangelegenheit.
Absolut! Eine Angelegenheit der Arbeiter*innenrechte und es ist eine zutiefst ethische Frage: eine grundlegende Frage der Empathie, nicht wahr? Wenn man nur das geringste Einfühlungsvermögen für andere Menschen besitzt, und sich im Klaren darüber ist, wo dieses Fleisch herkommt und wie es hergestellt wird, wenn man Empathie mit den Tieren hat, die unsere Mitgeschöpfe sind, geschweige denn mit den Menschen, für die wir ja behaupten, noch mehr Empathie zu besitzen als für die Tiere, dann wird es mit Sicherheit schwerer und schwerer, diese Produkte zu konsumieren.

Allerdings scheint es eine Kluft zwischen unserem Selbstbild und
der tatsächlichen Konsumpraxis zu geben: Angeblich wären die Deutschen überwiegend bereit, mehr für Produkte aus artgerechter Haltung und nachhaltiger
Landwirtschaft auszugeben, aber auf Teller und Grill landen trotzdem massenhaft die Trashprodukte aus der Agrar-Industrie. Ist das ein blinder Fleck? Warum ist die Schwelle so hoch, sein eigenes Handeln entsprechend besseren Wissens nachhaltig zu ändern, selbst wenn das nur bedeuten würde, etwas einfach nicht zu sich zu nehmen?
Ein Aspekt, den man verstehen muss, und ich spreche jetzt von New York City, ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist: Hier in New York haben wir Millionen Menschen, die hungern. Weil sie arm sind. Deshalb würde ich Leute, die kämpfen, um ihre Familien zu ernähren, nicht dafür verurteilen, wenn sie in den billigsten Supermarkt gehen und das billigste Essen kaufen, das sie finden können, einschließlich dieser Produkte. Und hier in den USA sind Fleischprodukte außerordentlich billig.

Aufgrund der Massenproduktion.
Auch wegen der Subventionen. Dann der billige Sprit – fossile Brennstoffe sind sehr günstig, das macht einen großen Anteil der Kosten aus. Sehr billiges Futter usw. Daher würde ich die Armennie kritisieren. Das Problem ist, dass es keine Auswahl gibt,keine Alternativen. Und dass sie unterbezahlt sind. Am Ende läuft es darauf hinaus:
Die Industrie muss reguliert werden, die benötigten Standards einzuhalten, ebenso das Sozialsystem für die weniger Gutgestellten in unserer Gesellschaft, das Bildungs­ und das Gesundheitssystem. Das hängt alles miteinander zusammen, letztlich um die Menschen in die Lage zu versetzen, sich selbst weiter zu bringen, und so weiter und so fort. Erschwerend hinzu kommt etwas, von dem ich nicht weiß, ob es in Europa auch um sich greift: Hier in den Staaten haben wir außerhalb der großen Städte, vor allem in den ärmeren ländlichen Regionen, sogenannte „Food Deserts“, Nahrungswüsten. Das sind Gegenden, in denen man nicht finden kann, was Leute wie du und ich gerne kaufen und essen möchten: gesündere Nahrungsmittel, eine Auswahl an Obst und Gemüse, nachhaltiger produzierte Fleischprodukte etc. – es gibt sie dort einfach nicht.

Soll das heißen, dass sich die Vertriebssysteme den regionalen Einkommensverhältnissen anpassen und demzufolge das Sortiment ausdünnen, und den Menschen wissentlich nur noch billigstes Trashfood verkaufen?
Genau. Billig, trashy, aber ich nehme an, irgendwie profitabel für die Firmen. Man denke nur an das Marketing­System drum herum: Fertignahrung ist großartig! Die Menschen sind im Stress, die Menschen sind depressiv – seit kurzem haben wir 30 bis 40 Millionen Arbeitslose mehr in den USA. Diesen Menschen fehlt es schlicht an Möglichkeiten, deshalb würde ich sie nicht dafür verurteilen, was sie schlussendlich konsumieren. Wir als Gesellschaft müssen besser werden, in der Bildung, der Wirtschaft, beim Regulieren und so weiter, um uns dieser Herausforderung zu stellen.