Der Graslutscher: Wider die Natur …

Meine Antwort geht im schallenden Gelächter von Onkel Robert und Tante Gisela unter, war ja nicht anders zu erwarten. Die Frage zu der Antwort war, wie ich denn als Veganer alle Nährstoffe zu mir nehme. Das wahrheitsgemäß zu beantworten, ohne dafür Unverständnis zu ernten, ist auch schon in kleiner, nüchterner Runde denkbar schwierig – auf einer beschwipsten Familienfeier ist es ein geradezu aussichtsloses Unterfangen. „Einfach möglichst ausgewogen essen und für Vitamin B12 nehme ich so kleine Lutsch-Tabletten.“ antwortete ich in einem bemüht belanglosen Tonfall, um dem Ganzen eine gewisse Selbstverständlichkeit unterzujubeln. Vergeblich – eine Flutwelle hämischer Kommentare, Kopfschüttler und skeptischer Blicke brandet an meine Seite des Tisches. „Das ist doch nicht gesund! Anstatt dich natürlich zu ernähren, schüttest du dich mit Chemie zu!“.

Was für ein seltsames Verständnis von Natürlichkeit haben diese Leute, auf deren Teller sich eine Melange aus Proteinfasern, Antibiotika-Rückständen und Wachstumshormonen befindet? Der Begriff ist ohnehin selten ein Garant für besonders trennscharfe Argumentation, denn wo fängt man da an? Was ist natürlich? Was Menschen seit den ersten Kulturen vor 10.000 Jahren tun? Oder das, was seit der Existenz des Homo sapiens getan wird? Hat Onkel Robert seiner Angetrauten irgendwann einen aus Mammut-Oberschenkelknochen bestehenden Knüppel über den Schädel gezogen und sie in seine Höhle geschleift? Lehnen die beiden sämtliche Annehmlichkeiten der Zivilisation ab und leben in einem Zustand von hundertpro
zentiger Natürlichkeit in einem begehbaren Komposthaufen? Auch wenn Onkel Roberts Geruch das manchmal erahnen ließe, tatsächlich freveln seine Gattin und er sämtlichen Naturgöttern, indem sie in einem nach erdgeschichtlich betrachteten Maßstäben vollkommen neumodischen, überdachten Konstrukt mit Vorgarten hausen – mit Jägerzaun, einem geschmacklos verschnörkelten Briefkasten und bemitleidenswerten Porzellanhund-Schirmständern an der Haustür.

Und würde man ihnen all das von ihrem mit Kartoffeln, Brokkoli und Fleisch von domestizierten Schweinen gefüllten Teller nehmen, was nicht schon vor der letzten Eiszeit zur gängigen Kost zählte, sie würden wohl recht hungrig nach Hause gehen müssen. Es geht hier nämlich nicht um Natürlichkeit, sondern vielmehr um Gewohnheit – die sich innerhalb einer Generation recht spontan, willkürlich und landesweit ändern kann. Da sitzen sie alle und hauen sich auf die Schenkel ob meines krankhaft unnatürlichen Ernährungswahns. Opa Jörgen, der gerade ein Wasser bestellt, um seine blutdrucksenkenden Tabletten zu nehmen. Onkel Robert mit dem künstlichen Hüftgelenk, Hand in Hand mit Tante Gisela, die in ihrer Handtasche nach ihrer Insulin-Spritze kramt und gleichzeitig meinem vielfliegenden Cousin Harald zuprostet, der ob seines 80 Wochenstunden-Jobs 15 Jahre älter aussieht als er ist. Aber wenn ich Vitamin B12 lutsche aufgrund der vollkommen irren Idee, dass man Tieren Respekt entgegenbringen sollte, dann ist das krank. Natürlich.

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