Zwangsberatung für Veganerinnen?

Pflanzliche Ernährung in der Schwangerschaft – dieses umstrittene Thema sorgte dank einer CDU-Forderung in den vergangenen Wochen erneut für Wirbel …

Geschädigte Babys, Mangelerscheinungen, Beratungspflicht: Von Spiegel über Welt, Bild, taz usw. machte ein Vorstoß der CDU-Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann Schlagzeilen – und zog in den Kommentarspalten wilde Diskussionen nach sich. Was war passiert?

Die Politikerin hatte Mitte Juli angesichts des Trends zur veganen Ernährung eine verpflichtende Ernährungsberatung für Schwangere gefordert, die im Rahmen der normalen Vorsorge-Untersuchung stattfinden solle. Prompt gab es Aufschreie von verschiedenen Seiten: Dass die gelernte Schuhverkäuferin und studierte Juristin in einigen Artikeln „CDU-Ernährungsexpertin“ genannt wurde, stieß in manch veganen Blogs auf Häme; von anderer Seite gab es wiederum böse Kommentare in Richtung der veganen Schwangeren.

Versuchen wir mal, sachlich zu bleiben: Bis 2015 war Connemann Bundestags-Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft, seit Anfang letzten Jahres ist sie stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für die Bereiche Landwirtschaft und Ernährung, Kirchen und Petitionen. Insofern sei ihr zugestanden, dass sie sich zum Bereich Ernährung äußert. Auch steht außer Zweifel, dass Schwangere, insbesondere ab dem vierten Monat, einen erhöhten Nährstoffbedarf haben. Insbesondere betrifft das Proteine, essenzielle Fettsäuren, die Vitamine A, B6, B12 und Folat sowie die Mineralstoffe Eisen, Zink und Jod. Zum Teil (etwa bei Folat) sind Vegetarierinnen und Veganerinnen sogar häufig besser versorgt als Fleischesserinnen, zum Teil (z.B. bei Vitamin D) weisen alle drei Ernährungsgruppen oft Mängel auf, zum Teil (etwa beim berühmten Vitamin B12) stehen tatsächlich die Veggies schlechter da. Einen detaillierteren Überblick über den Bedarf für Letztere gibt z.B. der VEBU.

Insgesamt sind sich Expert*innen noch relativ uneins, was vegane Ernährung in der Schwangerschaft angeht. Das von der Bild-Zeitung kolportierte erhöhte Aufkommen neurologischer Schäden bei Neugeborenen, zu dem es angesichts des Vegan-Trends gekommen sein soll, konnte der Berufsverband der Frauenärzte allerdings nicht bestätigen – vielleicht, weil sich die meisten Veganerinnen ähnlich gut informieren und regelmäßig durchchecken lassen, wie es Szene-Star Katharina Kuhlmann getan hat, die im letzten Jahr ihren kerngesunden kleinen Aaron zur Welt gebracht hat. Zu solcher Sorgfalt ist in jedem Fall zu raten!

Was also ist von Connemanns Vorstoß zu halten? Etwas unglücklich war vermutlich die Betonung einer Mangelernährung speziell bei Veganerinnen, die den Eindruck erweckte, nur diese sollten während einer Schwangerschaft verpflichtend beraten werden. Dass dies hitzige, oft polemische Diskussionen zur Folge hat, war abzusehen. Besagte Beratung sollte jedoch alle werdenden Mütter betreffen und auch tatsächlich nur eine Beratung bleiben, keine Bevormundung und keine Ess-Kontrolle. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden – vorausgesetzt, die betreffenden Ärzte und Hebammen werden eingehend und vorurteilsfrei geschult sowie auch gründlich auf (Noch-)Spezialfälle wie Veganerinnen vorbereitet. Diese wiederum sollten ebenfalls offen für eventuelle kritische Hinweise sein. Damit wir uns noch über viele gesunde, wohlgenährte Babys freuen können.