Wir sollten uns schämen!

Endlich ist es so weit: Die Jugend geht auf die Straße, um ihr Recht auf einen intakten Planeten einzufordern. Das erfüllt mich einerseits mit unglaublicher Freude und Dankbarkeit für eine Generation, der bislang viel zu oft Trägheit, Handysucht und Ziellosigkeit vorgeworfen wurde. Andererseits schäme ich mich furchtbar. Hätten wir das nicht auch schon vor 20 Jahren machen können?

Wie bequem könnten heute Klimaziele eingehalten werden, wenn wir einfach zwei Jahrzehnte früher angefangen hätten, unser Leben nachhaltiger zu gestalten? Nun gut, haben wir nicht. Aber es ist ja nie zu spät, sich zu ändern. Was, wenn nicht diese jungen Menschen, die für das Elementarste überhaupt kämpfen, könnte Menschen eher dazu bringen, ihr Verhalten zu überdenken? Die Jugend geht auf die Straße, um nicht weniger als ihre Zivilisation zu retten. Das wird die Leute aufrütteln. Dachte ich. Dann las ich, was viele Vertreter*innen meiner Generation von den Fridays-for-Future-Protesten so halten. Und ich schämte mich noch viel, viel mehr. Ich musste lernen, dass viele Menschen es offenbar als persönlichen Affront verstehen, wenn Kinder sich eine Zukunft ohne Hungersnöte, ansteigende Meeresspiegel und Rekorddürren wünschen. Ist ja auch wirklich unglaublich, was diese verwöhnten Bälger sich rausnehmen. Als nächstes wollen die noch saubere Atemluft … Wir Veganer*innen kennen das schon: Sobald man sich für eine Verbesserung einsetzt, muss man auf einmal nicht weniger als perfekt sein, sonst steht man als Heuchler*in da. „Vegan, aber du hast ein Handy? Ist ja total inkonsequent“ ist eine beliebte Entgegnung von handybesitzenden Fleischesser*innen auf die Frage, ob Eier im Nudelsalat sind. Die Initiatorin dieser Bewegung, die 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg, hat vermutlich einen CO2-Fußabdruck, von dem Durchschnittsdeutsche nur träumen können. Sie lebt vegan, sie fliegt nicht, sie folgt einer Einladung zum Weltwirtschaftsforum nach Davos, indem sie 65 Stunden Zug fährt. Und was ist die Reaktion der Generation, für die Fliegen zum Volkssport geworden ist? Es wird sich darüber beschwert, dass auf dem Tisch des Zugabteils ein in Plastik eingepackter Toast zu sehen war. Viel peinlicher geht es eigentlich nicht. Warum war der Toast denn in Plastik eingepackt? Weil wir und die Generationen vor uns süchtig sind nach Plastik, Kerosin und Fleisch und eine Welt geschaffen haben, in der eine 16-jährige keine Reise durch Europa mit plastikfreier, veganer Bord-Verpflegung machen kann. Die ganzen Schlauberger*innen, die wegen ein paar Gramm Plastikverpackungen all das zerreden wollen, was diese junge Frau bereits erreicht hat, wissen doch gar nicht, wie umständlich vegane Verpflegung auf Reisen sein kann. Die sind in der Regel 10.000 Meter weiter oben unterwegs und essen wahllos das, was die Discount-Airline für Essen hält. Wir werfen diese Kinder in eine Welt, die wir selbst gestaltet haben, als hätten wir dabei konsequent unter Drogeneinfluss gestanden, und beschweren uns dann darüber, dass sie Toast aus Plastikverpackungen essen. Was sind wir für ein Haufen satter, verlogener Konsumjunkies! Liebe Demonstrant*innen, aus 15 Jahren Diskussionserfahrung mit Realitätsverweigerer*innen und Vollblut-Egoist*innen gebe ich euch folgenden Rat: Hört nicht auf, die Welt besser zu machen, nur weil ihr nicht fehlerfrei seid. Ja, auch ihr geht zu McDonald’s, kauft Billig klamotten und fahrt gerne Auto – aber ihr hattet ja auch noch kaum Zeit, das zu hinterfragen, was eure Eltern euch vorgelebt haben. Wenn euch ältere Menschen jetzt mit Häme, Missgunst und Spott begegnen, hat das primär einen Grund: Sie merken durch euch erst, dass sie die Nummer grandios vergeigt haben.