Tierversuchsverbot für Kosmetika in Gefahr?

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Julia Radzwill von Ärzte gegen Tierversuche e.V. im Interview. Fotocredit: Mona Dadari

In Deutschland sind Tierversuche für kosmetische Zwecke nicht erlaubt. Doch das könnte sich bald ändern. Ein Gespräch mit Dipl.-Biologin und Mitarbeiterin bei Ärzte gegen Tierversuche e.V. Julia Radzwill über die rechtliche Lage von Tierversuchen und moderne Alternativen.

Autorinnen: Susann Döhler und Xenia Waporidis

Der Anlass, warum wir sprechen ist ernst: Mit vielen anderen Gruppen seid ihr gerade dabei, Unterschriften im Rahmen der EU-Bürgerinitiative „Save Cruelty Free Cosmetics“ gegen Tierversuche zu sammeln. Fangen wir von vorne an: Warum soll es denn überhaupt wieder Tierversuche in der EU geben? 

Das hat folgenden Hintergrund: Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) forderte von einem Unternehmen, Tierversuche für zwei Sonnenschutzfilter zu machen, die ausschließlich in Kosmetik (z.B. in Sonnencremes), eingesetzt werden. Somit fallen diese Stoffe unter das Kosmetikrecht und entsprechend sind somit Tierversuche eigentlich verboten. Aber die ECHA begründet ihren Wunsch nach Tierversuchen damit, dass die Sicherheit der Arbeitnehmer, die die Rohstoffe verarbeiten, gewährleistet werden solle.

Ist das gerechtfertigt?

Natürlich ist es wichtig, dass die Stoffe nicht nur für die Verbraucher, sondern auch für die Menschen sicher sind, die in der Produktion arbeiten und mit den Stoffen in Kontakt kommen. Das Absurde ist aber: Die beiden UV-Filter, um die es hier geht, werden schon seit Jahrzehnten für Sonnencremes verarbeitet! Zudem hat das Wissenschaftskommitee der EU bereits vor Jahren eine Einschätzung zu diesen Stoffen abgegeben. Die Dokumente sind frei verfügbar, es kommen auch jede Menge Tierversuchsdaten darin vor. Dass jetzt erneut für diese bereits lange verwendeten Stoffe neue Tierversuche verlangt werden, ist absolut unverständlich und sinnlos. Zumal Tierversuchsergebnisse nicht prospektiv auf den Menschen übertragen werden können.

Warum nicht?

Wissenschaftliche Studien belegen, dass Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar sind. Dazu muss man sich nur einmal ein paar Zahlen ansehen: in der Grundlagenforschung, die ungefähr die Hälfte der Tierversuche ausmacht, sind weniger als 1% der Ergebnisse auf den Menschen übertragbar. (Quelle: Lindl et al. 2005 und 2011) Das heißt: Über 99% der Ergebnisse, die man im Tier gefunden hat, konnten nicht beim Menschen bestätigt werden – das ist eine katastrophal schlechte Quote die zeigt, dass es sich bei den 1 % um reine Glückstreffer handelt. Zudem weiß man auch immer erst hinterher, also wenn man etwas im Menschen untersucht hat, welche Ergebnisse denn nun übereinstimmen. Tierversuche bieten daher keine Vorhersage, wie der Mensch reagieren wird. Bei den regulatorischen Tierversuchen, also die, die gesetzlich vorgeschrieben sind und ca. 20 % aller Tierversuche ausmachen, ist schon lange durch Untersuchungen bekannt, dass es zu teilweise enorm schwankenden Ergebnissen kommt. Studien belegen, dass heutige Softwareprogramme die Toxizität besser einschätzen können als Tierversuche. (Quelle: Hartung 2019). Es wird von der Gegenseite behauptet, dass es den Gesamtorganismus braucht – aber was hilft ein Gesamtorganismus, wenn es der falsche ist?

Nochmal zurück zum Anfang: Was passiert, wenn die EU-Bürgerinitiative scheitert?

Sollte die EU dem stattgeben, für bereits lange verwendete Stoffe neue Tierversuche zu verlangen, wäre dies ein Präzedenzfall, dem unzählige weitere folgen könnten und damit unzählige Tiere in qualvollen Versuchen ums Leben kommen. Daher ist es so wichtig, dies zu verhindern. Deswegen wurde diese Europäische Bürgerinitiative ins Leben gerufen.

Fotocredit: One Voice
Kaninchen im Tierversuch. Fotocredit: One Voice

Was fordert ihr genau? 

In erster Linie die Einhaltung und Stärkung des Kosmetik-Tierversuchsverbots, denn dieses wird ja, wie eben erwähnt, derzeit von der EU selbst unterwandert. Zudem soll eine Umgestaltung der EU-Chemikalienverordnung stattfinden – der Schutz der menschlichen Gesundheit und Umwelt soll und muss selbstverständlich gewährleistet werden, aber ohne Tierversuche und stattdessen mit tierfreien Methoden, die menschenrelevante Ergebnisse bringen. Last but not least fordern wir die Erarbeitung eines konkreten Plans zum Ausstieg aus dem Tierversuch. Das EU-Parlament hat übrigens im September 2021 mit beeindruckender Mehrheit die EU-Kommission aufgefordert, so einen Masterplan zu erarbeiten, dies wurde aber sehr enttäuschend abgeschmettert. Die Bürgerinitiative soll nun zeigen: die EU-Bürger wollen Sicherheit bei Chemikalien und Medikamenten, aber nicht mithilfe von Tierversuchen, sondern mithilfe von modernen, leistungsfähigen Forschungsmethoden.

Wie viele Unterschriften werden benötigt und was passiert, wenn die Anzahl erreicht wird?

Eine Europäische Bürgerinitiative (EBI) ist ein Instrument, mit dem EU-Bürger Gesetzesänderungen fordern können. Im Gegensatz zu sonst üblichen Petitionen, die Appelle an Politiker darstellen, wendet sich eine EBI direkt an die EU-Kommission und kann zu Änderungen des EU-Rechts führen. Dazu muss sie von einer Millionen EU-Bürger in Form von Unterschriften unterstützt werden. Für die Unterschriftensammlung ist (nur) ein Jahr Zeit – in unserem Fall bis 31. August 2022. Dabei muss aus mindestens 7 Ländern eine bestimmte Mindestanzahl von Stimmen erreicht werden. Wird das Ziel erreicht, muss sich die EU-Kommission mit dem Anliegen auseinandersetzen. 

Was passiert dann?

Die EU-Kommission bewertet die Initiative, dazu treffen die Verantwortlichen dann Vertreter der Kommission, um alles zu erläutern. Dann kann die Initiative in einer öffentlichen Anhörung dem EU-Parlament vorgestellt werden. Die EU-Kommission gibt daraufhin bekannt, welche Folgemaßnahmen ergriffen werden. Hieraus kann sogar ein Vorschlag für eine neue Rechtsvorschrift resultieren, also eine Änderung des EU-Rechts, an das sich alle Staaten halten müssen. Darauf hoffen wir natürlich!

Zum Verständnis: Welche Kosmetikbereiche betrifft es?

Alles, was unter „Kosmetik“ fällt: Cremes, Duschgel, Make up, Zahncreme, Haarpflege, Sonnenschutz usw. Vielleicht zur Abgrenzung und Klarstellung, was nicht unter die Kosmetik-Verordnung fällt: Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel, Botox und Filler. Letztere werden zu kosmetischen Zwecken eingesetzt, aber da sie in den Körper und weit unter die Haut gebracht werden, gelten sie als Medizinprodukt.

Lass uns generell über Tierversuche sprechen: Mindestens 700 Versuchslabore gibt es in etwa in Deutschland, Millionen Tiere werden jährlich „eingesetzt“, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu erlangen, die dem Menschen hilfreich sein sollen. Wer entscheidet, ob ein Tierversuch durchgeführt wird und nach welchen Kriterien erfolgt das?

Der Großteil der Tierversuche (ca. 50 %) findet in der Grundlagenforschung statt, hier meist in den Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Instituten von Universitäten und Unikliniken. Diese werden mittels Formular beantragt und müssen genehmigt werden. Die zuständige Behörde kümmert sich darum, es gibt eine § 15 Kommission (Anm.: das ist keine Ethik-Kommission. So etwas gibt’s nur bei klinischen Studien mit Menschen). Diese besteht zu nur 1/3 aus Vertreter des Tierschutzes und zu 2/3 aus Wissenschaftler etc., die meist selber Tierversuche durchführen. Die beurteilen das Vorhaben. Allerdings ist hier überhaupt nicht klar, ob diese Vertreter sich überhaupt mit tierfreien Methoden auskennen. Auch hier gibt es zwei Probleme: Erstens hat die Kommission nur beratenden Charakter und kann nicht aktiv tatsächlich Versuche ablehnen. Und zweitens hat eine Recherche von uns ergeben, dass weniger als 1 % der Anträge überhaupt abgelehnt wird. Man kann also sagen: eigentlich wird fast jeder Versuch genehmigt …

Ärzte gegen Tierversuche spricht sich für alternative, tierleidfreie Methoden aus. Welche sind das?

Neben Bevölkerungsstudien und verbesserter Prävention sind hier in silico-Analysen zu nennen, also große Datenbanken sowie Programme, die heutzutage schon die Giftigkeit selbst von bisher unbekannten Substanzen berechnen können und zwar mit einer höheren Erfolgsquote, als der Tierversuch es kann. Im Jahr 2012 gab es den Nobelpreis für iPS-Zellen: Dabei nimmt man eine Körperzelle eines (kranken) Menschen und kann diese quasi zu Stammzellen zurückprogrammieren. Das sind Zellen, die sich zu jeder Zelle des Körpers entwickeln können. Aus diesen kann man dann sogenannte Organoide wachsen lassen. Das sind Mini-Organe, wenige Millimeter groß, die auch verschiedene Zelltypen des jeweiligen Organs enthalten, die organisieren sich spontan. Daran können dann Substanzen getestet werden.

Multi-Organ-Chip (humanbasierte, tierfreie Forschung), Fotocredit: Ärzte gegen Tierversuche e.V.

Was gibt es außerdem?

Eine Stufe weiter kommt dann der Multi-Organ-Chip: hier werden mehrere Organoide auf eine Biochip gepackt und durch einen simulierten Kreislauf verbunden und versorgt, wie ein kleiner Organismus. Da können verschiedene Substanzen getestet werden – z.B. kann eine Substanz auf die „Haut“ aufgetragen werden und man kann untersuchen, ob und wie viel dort hindurch geht und den Weg weiterverfolgen. Hier sprechen wir dann ja schon von personalisierter Medizin, da diese Zellen, die man dafür verwendet hat, von einem Patienten selber stammen können – mit allen genetischen und biochemischen Besonderheiten, die den Menschen ausmachen.  Zudem gibt es den 3D-Biodruck. Wie im 3D-Drucker können Gewebe und sogar kleine Herzen gedruckt werden; auch hier können Zellen von Patienten genutzt werden. Hiermit haben wir also etwas, was kein Tiermodell abbilden kann: ein relevantes, humanbasiertes System!

Lass uns über die Forschungsgelder sprechen: Wie viel fließt in Tierversuche, wie viel in tierversuchsfreie Forschung? 

Im Gegensatz zu tierversuchsbasierter Forschung, die Milliarden pro Jahr zur Verfügung gestellt bekommt, werden die eben genannten, neuen Methoden völlig unzureichend gefördert. Wir führen eine Fördergeldtabelle, in der wir alle frei verfügbaren Infos sammeln und dort ist erkennbar, dass weniger als 1% der Gelder in tierfreie Forschung und über 99% der Gelder in tierversuchsbasierte Projekte geht. Trotzdem haben sich diese innovativen Methoden in den letzten Jahren rasant entwickelt. Das zeigt, was für ein großes Potenzial dahinter steckt und es zeigt, wie leistungsfähig diese Methoden sind. Hier müssen definitiv verstärkt Fördergelder investiert werden! Die Pharmabranche nutzt übrigens schon verstärkt die Multi-Organ-Chips, da die darauf fokussiert sind, schnell brauchbare Ergebnisse zu erhalten und kostensensibel zu handeln.

Kritik von der Pro-Tierversuchs-Seite ist ja unter anderem, dass es ohne im Tierversuch erprobte Medikamente zu „Medizintourismus“ kommen würde. Was sagt ihr dazu? 

Von den Befürwortern wird uns oft unterstellt, dass wir einfach Tierversuche verbieten wollen und fertig. Das stimmt aber nicht, denn niemand, auch wir nicht, möchten ein Tierversuchsverbot ohne entsprechende Gesetzesänderungen. Daher setzen wir uns ja für einen durchdachten Ausstiegsplan aus dem Tierversuch ein. 

Wie sieht dieser aus?

Wir fordern, dass die tierfreien Forschungsmethoden massiv gefördert werden, so dass diese möglichst schnell Tierversuche ersetzen. Die Prüf- und Zulassungsverfahren für diese müssen schneller durchgeführt werden. Es muss Gesetzesänderungen geben, dass diese Methoden, die oft jetzt schon bessere Ergebnisse als Tierversuche liefern, für die Prüfung und Sicherheitstestungen von Medikamenten zugelassen werden. Mit diesen Maßnahmen würde ja somit einem Medizintourismus der Boden entzogen.

Letzte Frage: Auf welche Arten kann man euch denn unterstützen?

Über motivierte Unterstützer freuen wir uns natürlich immer. (lächelt)
Als Mediziner und/oder Naturwissenschaftler kann man Mitglied und mit anderen Berufen Fördermitglied bei uns werden. Der Jahresbeitrag ist überschaubar und wir haben nochmal günstigere Konditionen für Studierende und Schüler. Man kann sich auch ehrenamtlich engagieren. In vielen Städten bieten wir z.B. AGs. Dort werden Infostände veranstaltet oder Demos begleitet. Im wissenschaftlichen Bereich haben wir ein Referententeam, das auch Vorträge hält und bei Messen und Fachveranstaltungen mit dabei ist. Man kann auch einfach so mal spenden oder Petitionen und Informationen verbreiten. An Politiker oder Firmen schreiben und diese auffordern, sich dieses Themas anzunehmen kostet nichts und zeigt aber, wie wichtig der Bevölkerung es ist, dass man Forschung und medizinische Fortschritte will, aber nicht mittels Tierleid – damit sich endlich was ändert.

INFO:

Dipl.-Biol. Julia Radzwill ist Mitarbeiterin des Ärzte gegen Tierversuche e.V. und setzt sich gemeinsam mit ihrem Vorstand für eine tierversuchsfreie Medizin ein. Diese soll auf modernen, tierversuchsfreien Methoden basieren, welche sich bereits als produktiv erwiesen haben. Aktuell werden für die EU-Bürgerinitiative „Save Cruelty Free Cosmetics” Unterschriften gesammelt. Du möchtest diese unterstützen? Hier findest du sie.

Du möchtest mehr über tierversuchfreie Methoden wissen? Hier bekommst du eine ausführliche Übersicht.

Infos über den Verein Ärzte gegen Tierversuche e.V. bekommst du hier.

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