„Pausen gehören zur Arbeit!“

So können wir im Alltag besser mit Stress umgehen.
(c) Nikko Macpac
Der Stress-Experte Louis Lewitan im Interview
(c) Stefan Nimmesgern

Louis Lewitan ist Diplom-Psychologe, Coach, ZEIT-Kolumnist und renommierter Stress-Experte. Seine psychologische Kompetenz und Erfahrung ist bei Unternehmern und Führungskräften in Sachen Veränderungsprozessen, Konfliktlösungen und Strategieumsetzung gefragt. Wir haben mit ihm über die Bewältigung von Alltagsstress gesprochen …

Herr Lewitan, unser Interview hat sich wegen eines Pilotenstreiks verschoben …

Ja, mein Terminplan ist ziemlich durcheinander geraten deswegen.

Stresst sie das?

Ach nein. Das, was ich verändern kann, versuche ich zu verändern. Aber mein Narzissmus hält sich in Grenzen – ich halte mich nicht für mächtiger als die Lufthansa. (lacht) Es nützt nichts, sich in solchen Situationen verrückt zu machen.

Viele täten es sicher dennoch. Sie haben sich jahrelang mit Stresstraumata beschäftigt, coachen mittlerweile aber auch ausgebrannte Manager und Führungskräfte in Veränderungsprozessen und entwickeln Strategien zur Bewältigung von Alltagsstress. Wie erklären Sie sich, dass wir uns immer gestresster fühlen, obwohl ja die wenigsten von uns hierzulande existenzielle Bedrohung erfahren?

Solche Vergleiche sind schwierig, dazu ist das Thema zu komplex und vielschichtig. Wir müssen zwischen verschiedenen Arten von Stress unterscheiden. Dass jemand, der permanent Lärm ausgesetzt ist, faktisch eine massive Belastung erfährt, dass der Körper darauf reagiert, lässt sich objektiv belegen. Es gibt aber keinen objektiven Maßstab, der unseren subjektiven Stresspegel feststellen kann. Das Kind, das eine schlechte Note bekommt, hat vielleicht von außen betrachtet erst mal ein kleineres Problem als der Vater oder die Mutter, die arbeitslos wird. Trotzdem ist auch der Stress des Kindes real. Natürlich leben wir hier, verglichen mit anderen Ländern, relativ sicher. Wir müssen nicht flüchten und haben solide politische Verhältnisse. Dennoch leidet natürlich auch die deutsche Bevölkerung unter Stress.

Allerdings nicht mehr unter einem Stress wie etwa in den Nachkriegsjahren …



Richtig, das hat sich gewandelt. Es geht in der Regel nicht mehr darum, ein Dach über dem Kopf oder etwas zu essen zu bekommen. Heute gibt es andere Stressoren. Etwa die Sorge, keinen Job zu bekommen – oder den seinen wieder zu verlieren. Zudem hat sich das Tempo unserer Arbeitsprozesse gewandelt. Aufgrund immer häufigerer, schnellerer Veränderungen erwartet man deutlich mehr Flexibilität. Es gibt immer weniger Kontinuität, dafür eine Diskontinuität, die einhergeht mit einer Abnahme von Loyalität zum Arbeitgeber. Früher konnte man sich relativ sicher sein, einen Job bis zur Altersgrenze behalten zu können. Heute ist weder die Rente noch die Altersgrenze mehr sicher, geschweige denn der Job. Und auch nicht die Ehe … Wir können uns auf nichts hundertprozentig verlassen.

Und diese Unsicherheit stresst uns?

Ja, natürlich. Multitasking ist so ein Schlagwort unserer Zeit, wir müssen quasi viele Bälle gleichzeitig balancieren. Das führt aber auf Dauer zu einer Überforderung …

… mit der Menschen allerdings sehr unterschiedlich umgehen.

Das stimmt. Hier sind verschiedene Dimensionen zu beachten. Zum einen die organisatorische, dann natürlich die individuelle, die sich speist aus Faktoren wie der Persönlichkeitsstruktur – wie robust jemand ist z.B. Zum anderen aus seinem Wissen, Können und seinen Erfahrungen. Wenn etwa ein Psychologe mit Ende 20 eine dysfunktionale Familie behandeln soll, ihm aber die eigene Erfahrung als Ehemann und Vater fehlt, kann ihn das verunsichern. Oder wenn Sie als Frau in einer Führungsposition in einem Hightech-Unternehmen mit vielen Männern managen, kann die Minderheitenposition – da können Sie noch so gut sein – zum Belastungsfaktor werden. Dennoch können Sie lernen, mit Ihrem Stress besser umzugehen.

Nämlich wie?

Indem Sie lernen mehr Selbstsicherheit zu erlangen, sich gegenüber der Konkurrenz zu behaupten und Konflikte anzupacken. Und indem sie mehr innehalten und reflektieren. Wir neigen dazu, permanent zu machen, anstatt uns zwischendurch mal zu fragen, welchen Sinn unser Tun eigentlich hat. Ohne regelmäßige Selbstreflexion laufen wir Gefahr, in einer Sackgasse zu landen, die immer enger wird.

Was gehört zu dieser Selbstreflexion?

Zu begreifen, wo die eigenen Grenzen sind, ob der Reservetank zur Neige geht und eingefahrene Denkmuster hinterfragen und lernen die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Wenn Sie das können, gehen Sie keine unkalkulierbaren Risiken ein. Eine reflektierte Selbstwahrnehmung bewahrt vor Frustrationen.

Auch wenn ich realistisch bleibe, werde ich aber Fehler machen und Niederlagen erleben …

Natürlich, das sollen Sie auch. Perfektionistisch veranlagte Menschen oder auch solche, die das Bedürfnis haben, alles zu kontrollieren, sind sehr gefährdet, was negativen Stress angeht. Weil sie Fehler als persönliche Kränkung erleben und sehr hart mit sich ins Gericht gehen.

Welche Persönlichkeiten haben es noch schwer?

Solche, die sich stets in Konkurrenz zu anderen sehen und überdies ihre Grenzen nicht respektieren. Denken Sie an den Manager, der vielleicht zum Ausgleich im Wald joggen geht, die Natur nur als „Tapete“ wahrnimmt und meint, sich komplett verausgaben zu müssen. Oder an Leute, die voller Enthusiasmus einen helfenden Beruf ergriffen haben und glauben, rund um die Uhr für alle erreichbar sein zu müssen. Bei denen sind die Batterien irgendwann leer und die Frustration riesig. Diese Menschen müssen begreifen, dass sie anderen nur helfen können, wenn sie auch gut für sich selbst sorgen können. Das hat etwas mit Selbstwertschätzung und positiven Egoismus zu tun.

Dass ich mir erlaube, es mir auch einfach mal gutgehen zu lassen?

Das ist so unglaublich wichtig! Wer sich selbst nicht zum Freund hat, führt einen ewigen Kampf mit sich selbst, das laugt aus. Viele begreifen z.B. nicht, dass auch Pausen zur Arbeit gehören. Weil das Gehirn stimuliert werden will durch einen regelmäßigen Wechsel von Anspannung und Entspannung.

Anspannung und Entspannung – das kenne ich vom Yoga.

Richtig – und es betrifft das ganze Leben. Wir meinen, dass wir Ebbe und Flut außer Kraft setzen können, indem wir einen Swimmingpool haben. Aber so funktioniert das nicht. Wer die Nacht ständig zum Tag macht, den Körper permanent künstlichem Licht aussetzt, der hemmt z.B. seine Melatonin-Produktion – das stresst. Wie soll da der moderne Mensch ungestört schlafen und sich entspannen?

Also geht es letztlich um Balance?

Nein, um den Wechsel. Work-Life-Balance, das ist so ein modernes Schlagwort. Aber das gibt es letztlich nicht. Möglich, dass gerade vieles im Lot ist – aber eben nur bis zum nächsten Problem. Das Leben ist im Fluss. Wer ständig verkrampft Ausgeglichenheit anstrebt, wird scheitern.


Und wem gelingt das Gegenteil, wer ist besonders stressresistent?

Menschen mit einem starken Selbstwertgefühl, die sich nicht ausschließlich über die Arbeit definieren. Die sich Fehler verzeihen und Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen. Wer die Schuld immer nur extern sucht – bei den Umständen, dem Chef, dem Partner usw. – tut sich nichts Gutes. Sie sollten mit Humor hinterfragen, warum Sie wie handeln, was Ihre Werte sind und warum Sie in manchen Punkten so streng mit sich ins Gericht gehen. Die Antworten auf diese Fragen können der Schlüssel zu einem stressfreieren Leben sein.

 

Louis Lewitan
Die Kunst, gelassen zu bleiben. Stress meistern – Erkundigungen bei den Besten.
Ludwig
304 Seiten, 19,95 €

 

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