Naturkosmetik – umweltbewusst & tierfreundlich

Umweltbewusste Körperpflege liegt im Trend. Und die Branche boomt! Grund genug, ihn uns mal genauer anzugucken: den Markt der duftenden Cremes, Öle, Lotions etc., mit denen wir unsere Haut am liebsten verwöhnen.

Autorin: Carmen Schnitzer

Rote Lippen unter der FFP2-Maske, Business-Make-up im Homeffice? Och nö, wozu? Auch tägliches Duschen haben sich während der Corona-Lockdowns einige abgewöhnt, so eine natürlich nicht repräsentative Umfrage im Bekanntenkreis. Immerhin Hände wurden mehr gewaschen, doch insgesamt war das Jahr 2020 für die Kosmetikindustrie kein gutes. Vor allem im dekorativen Bereich sackten die Umsätze ein, internationale Branchenriesen wie L‘Oréal, Beiersdorf oder Estée Lauder verbuchten Einbrüche zwischen 18 und dramatischen 60 Prozent. Selbst der sonst in der Regel so krisenfeste Lippenstift verlor nachvollziehbarerweise an Beliebtheit. Sah ja schließlich kaum noch jemand, unsere schönen Schmoll- und Kussmünder. Ein Teilbereich der Branche trotzt allerdings dem Abwärtstrend und wächst selbst in der Krise stetig: Naturkosmetik wird immer gefragter – besonders bei uns in Deutschland, dem Nummer-Eins Naturkosmetikabnehmer in Europa und nach den USA zweitgrößten weltweit. 1,3 Millionen neue Kund*innen gewann die Naturkosmetikindustrie im vergangenen Jahr hierzulande hinzu, ermittelte der Naturkosmetik Branchenmonitor 2020, insgesamt verzeichneten Naturkosmetik-Marken ein Umsatzplus von 5,7 Prozent,naturnahe Kosmetik immerhin noch 0,4 Prozent. Zusammen beträgt ihr Marktanteil mit 19 Prozent (10,3 bzw. 8,7 Prozent) mittlerweile immerhin fast ein Fünftel der 14 Milliarden Euro, die 2020 in Deutschland mit Körperpflegemitteln erwirtschaftet wurden. Tendenz steigend.
Dabei ist Nachhaltigkeit bei Pflegeprodukten vor allem für Frauen ein Thema, wie aus einer diesjährigen Umfrage des Statista Global Consumer Survey unter 1032 Deutschen ab 16 hervorgeht. Dieser zufolge achten z.B. 41 Prozent von ihnen (Männer: 25) darauf, Produkte ohne Mikroplastik zu kaufen, 32 Prozent (Männer: 24) möchten, dass kein Mineralöl enthalten ist, und 21 Prozent (Männer: 12) greifen zu veganen Produkten. Nur in einem Punkt sind Männer präsenter: Aus Nachhaltigkeitsgründen benutzen 27 Prozent (Frauen: 15) von ihnen 2-in-1-Produkte. Und das ist – ob nun Naturkosmetik oder nicht – durchaus clever, wenn man mal über die Unmengen an Verpackungsmüll nachdenkt, die wir allein im Badezimmer produzieren. (Insgesamt fallen in Deutschland jährlich
ca. 18,9 Millionen Tonnen davon an, ein Großteil davon Kunststoff. Quelle: Umweltbundesamt.) Doch zu diesem Thema später mehr. Erst einmal gucken wir
uns mal an, was genau eigentlich was ist im Pflege-Dschungel aus bio, naturnah
und konventionell.

Ein kleiner Überblick:
Überwiegend findest du in einem durchschnittlichen Drogeriemarkt nach wie vor
konventionelle Kosmetik, die immerhin den Anforderungen der EU-Kosmetikverordnung von 2009 entsprechen muss, was zum Beispiel besagt, dass alle Inhaltsstoffe deklariert werden müssen, und zwar in absteigender Reihenfolge, je nach ihrem Gewichtsanteil im Endprodukt. Zu finden sind darunter allerdings gerne mal synthetische Fette, Öle und Duftstoffe, Rohstoffe auf Erdölbasis, gentechnisch veränderte Organismen und andere wenig verlockend klingende Zutaten. Immerhin: Tierversuche dürfen in der EU seit 2013 weder für kosmetische Produkte noch deren Inhaltsstoffe durchgeführt und Kosmetika, die in Drittländern im Tierversuch getestet wurden, in der EU nicht verkauft werden.Allerdings gilt das nur für Inhaltsstoffe, die ausschließlich in Kosmetika stecken. Kommt ein Bestandteil auch in anderen Produkten vor (etwa Wandfarben, Medikamenten oder Reinigungsmitteln), fällt er z.B. auch unter das Arzneimittel- oder Chemikaliengesetz und darf (oder muss gar) im Tierversuch getestet werden. Hier gibt es also noch einiges zu tun.

Naturnahe Kosmetik setzt vermehrt auf pflanzliche Inhaltsstoffe, hat allerdings immer noch einen so hohen Anteil an synthetischen Bestandteilen, dass sie den Richtlinien gängiger Gütesiegel wie z.B. BDIH/Cosmos, Natrue oder Ecocert nicht genügt. Oft geben sich diese Produkte einen sehr „grünen“ Anstrich und sind von echter Naturkosmetik für den Laien oder die Laiin nur schwer zu unterscheiden. In zertifizierter Naturkosmetik dagegen kommen bis auf sehr wenige streng geregelte Ausnahmen ausschließlich Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs zum Einsatz. Verzichtet wird auf synthetische Farb-, Duftstoff- und Konservierungsstoffe (z.B. Parabene), erdöl basierte Inhaltsstoffe (z.B. Paraffine) sowie gentechnisch veränderte Organismen. Je nach Zertifikat ist überdies ein Mindest anteil an Rohstoffen aus Bio-Anbau vorgeschrieben Außerdem sollte die Verpackung aus möglichst ressourcenschonenden und/oder recylbaren Materialien bestehen und auch bei der Herstellung des Produktes auf Umweltkriterien geachtet werden. Häufig muss überdies nicht nur das Produkt selbst, sondern ein bestimmter Prozentsatz des Sortiments einer Marke die Kriterien erfüllen. Neben den oben bereits genannten Siegeln gibt es z.B. noch (zumindest auf Kosmetikprodukten) seltenere Siegel wie demeter, für die noch etwas strengere Kriterien erfüllt sein müssen. Ähnliches gilt etwa für NCS, das die Zertifikate zusätzlich in „vegan“, „bio“ und „vegan + bio“ unterteilt. Denn weder Natur- noch Biokosmetik ist zwingend vegan (wenn auch zum Glück immer häufiger), man denke nur an „Milch und Honig“-Produkte, bei denen der tierische Ursprung offensichtlich ist. Aber auch weniger bekannte Stoffe wie Lanolin (Wollwachs, ein Nebenprodukt der Wollindustrie) können enthalten sein.
Auf Seiten wie codecheck.info oder haut.de kannst du nachgucken, hinter welchem INCI-Wort sich was genau verbirgt (INCI = International Nomenclature Cosmetic Ingredients; Kosmetik-Inhaltsstoffe). Da Begriffe wie Natur-, Bio- oder Pflanzenkosmetik nicht geschützt sind, sind Siegel als Orientierungshilfe grundsätzlich eine gute Sache, allerdings muss auch gesagt werden, dass Zertifikate Geld kosten. Von daher gibt es teilweise auch Firmen, insbesondere kleinere, die mitunter sogar strengere Ansprüche an ihre Produkte haben als Hersteller zertifizierter Produkte und dennoch nicht zertifiziert sind. Hier ist dann etwas Eigenrecherche – und im Zweifel direktes Nachhaken – gefragt.Meint es ein Unternehmen ernst, ist es in der Regel offen für Fragen und transparent,was Informationen angeht.

Grünes Drumherum: Die Verpackung
Du siehst schon, da durchzublicken ist ganz schön kompliziert. Bleibt zu hoffen,dass die immer stärker werdende Nachfrage nach umwelt- und tierfreundlichen Kosmetika sich nicht nur in immer mehr Greenwashing, also einem demonstrativen Pseudo-Umweltbewusstsein mancher Firmen, niederschlägt, sondern auch in einem wirklichen Umdenken, zu dem eine klarere Gesetzgebung sicher beitragen könnte.Doch bevor wir hier ins Jammern geraten, blicken wir lieber noch mal auf die positiven Entwicklungen in der Branche. Abgesehen von den steigenden Absatzzahlen sind hier z.B. die Verpackungen zu erwähnen, bei denen sich immer mehr tut. Laut der oben bereits genannten Umfrage des Statista Global Consumer Survey nutzen 17 Prozent sowohl der Männer als auch der Frauen in Deutschland bereits nachfüllbare Produkte. Neben sich immer mehr durchsetzenden Refill-Systemen, wie sie übrigens in Japan schon lange etabliert sind, gibt es auch immer häufiger Kosmetikfirmen, die leere Verpackungen ihrer Produkte zurücknehmen, um diese zu recyceln. Und auch feste Duschseifen, Shampoos, Kuren etc. werden immer beliebter, wie man bei einem Gang durch die Drogerie unschwer erkennen kann. Was die Inhaltsstoffe angeht, unterscheiden sie sich kaum von ihren flüssigen Brüdern und Schwestern – den festen Produkten wurde lediglich die Flüssigkeit entzogen (die du ihnen beim Aufschäumen quasi wieder hinzufügst). Sie sind in der Regel langlebiger als flüssige Produkte, brauchen sehr viel weniger Verpackungsmaterial, und hier wiederum lässt sich einfacher auf umweltfreundliche Materialien wie Recyclingfasern setzen. Überhaupt sind Verpackungen in der Naturkosmetik-Industrie ein großes Thema, an dem heftig getüftelt wird. Denn neben der Umweltfreundlichkeit muss das „Drumrum“ natürlich auch noch weitere Kriterien erfüllen, etwa das Produkt vor schädlichen Außeneinflüssen oder dem Auslaufen schützen. Immer häufiger wird auf Glas statt Plastik gesetzt, im Kommen sind außerdem z.B. transparente Zellulosefolien aus kompostierbarem Holzzellstoff,Lidschattenboxen und Deckel aus Bambus oder Schachteln und Etiketten aus Graspapier, für das der Rohstoff naturgemäß sehr viel schneller nachwächst als für gewöhnliches Papier. Ein Baum braucht eben etwas länger zum Wachsen als eine Wiese. Auch mit Verpackungen auf Algenbasis wird experimentiert, bislang allerdings eher in der Lebensmittel- als in der Kosmetikbranche. Du siehst: Es tut sich was. Langsam zwar, aber doch beständig setzt sich die Erkenntnis durch, welch Paradox es eigentlich war, dass wir in den letzten Jahrzehnten bei der Körperpflege auf immer mehr (vermeintlich nötige) Sauberkeit geachtet haben, die gleichzeitig für eine immer verdrecktere Umwelt gesorgt hat. Und damit kommen wir noch mal kurz zurück zum Beginn dieses Artikels: Weniger ist auch bei der Körperpflege oft mehr. Nicht nur aus Umweltschutzgründen, sondern auch deiner Haut zuliebe: Wenn du nicht gerade sehr verschwitzt oder verdreckt bist, ist eine tägliche Dusche aus hygienischer Sicht nicht nur unnötig, zu viel Duschen zerstört überdies den Säureschutzmantel der Haut und trocknet sie aus (woraufhin du sie wieder eincremst). Und: Ist die Haut durch übertriebenes Duschen angegriffen, mehren sich darauf ungesunde Bakterien, die unangenehmen Geruch sogar verschlimmern können!Alle drei Tage reicht in der Regel aus, an den Nicht- Dusch-Tagen genügt eine „Katzenwäsche“ im Intimbereich und unter den Achseln. So viel zur Vernunft. Aber natürlich können wir nachvollziehen, wenn du die vielen schönen Naturkosmetik- Produkte, die der Markt bereithält, am liebsten immerzu ausprobieren und genießen möchtest. Denn so ein bisschen Wellness zu Hause macht schließlich auch einfach Spaß!

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