Mythen-Check: Veganismus ist wider die Natur, oder?

Wie natürlich ist vegan?

Natürlichkeit kommt immer gut, darum glauben viele auch, ein besonders starkes Argument an der Hand zu haben, wenn sie veganer Ernährung diese absprechen. Und vielleicht ist da ja was dran …? Wir forschen mal nach.

Von: Carmen Schnitzer

Im Bullshit-Bingo „Sprüche, die man als Veganer*in regelmäßig zu hören bekommt“ wäre dieser Satz ganz vorne mit dabei: „Aber das ist doch unnatürlich!“ Durchaus gern mal gesagt von Menschen, die kein Problem damit haben, (selbstverständlich auf Bäumen wachsende) Mini-Salamis, Schokoriegel, Schlumpfeis oder Brüste von überzüchteten Hühnern aus Massentierhaltung zu verzehren, sich im klimatisierten Multiplex-Kino einen Actionkracher mit voll natürlichen Robotern anzugucken und sich die Zeit mit Tetris-Spielen auf dem Smartphone zu vertreiben, aber hey … Dass der olle Veganer da drüben doch tatsächlich ein Zucchini-Risotto bestellt hat? Das ist gegen unsere Natur! Okay, du siehst schon: Ich bin ein bisschen voreingenommen. Mit der Annahme, dass „natürlich“ automatisch immer auch gut und richtig ist, kann ich wenig anfangen, schließlich ist der Mensch nicht nur ein Natur-, sondern auch ein Kulturwesen, und wenn dem nicht so wäre, könntest du dieses Heft gar nicht in der Hand halten, das gäbe es nämlich nicht.
Nichtsdestotrotz kann es natürlich interessant sein, einmal zu beleuchten, welche Nahrung „die Natur“ denn so für uns vorgesehen hat und ich verspreche, im Folgenden sachlich an die Fragestellung heranzugehen. Was sagt unser Körperbau, was die Evolutionsgeschichte? Konnte sich z.B. unser Gehirn wirklich nur so gut entwickeln, weil wir tierische Proteine und Fette zu uns genommen haben? Tatsächlich deutet nach aktuellem Stand der Wissenschaft einiges darauf hin, dass vor etwa drei Millionen Jahren, als mit dem Australopithecus die Entwicklung vom Affen zum Menschen begann, der zunehmende Verzehr von Fleisch und Fisch zumindest mitverantwortlich dafür war, dass sich unser Denkapparat zu seiner heutigen Dimension entwickeln konnte. Dieser ist im Vergleich zur Körpergröße etwa dreimal so groß wie bei unseren engsten Verwandten, den Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans, welche nur in Ausnahmefällen von ihrer pflanzlichen Ernährungsweise abrücken. Nun hat die (relative) Größe des Gehirns aktuelleren Erkenntnissen zufolge zwar nur zum Teil mit Intelligenz zu tun (eine weitere Rolle spielen vermutlich die Anzahl der Neuronen sowie die Qualität der Nervenbahnen-Isolation), sie dürfte aber durchaus eine Rolle dabei spielen, dass wir heute so denken können, wie wir eben denken. Ob wir auch mit rein pflanzlichen Proteinen und Fetten so weit gekommen wären, wären denn davon ausreichend verfügbar gewesen, bleibt Spekulation – ganz ausgeschlossen ist es nicht. Auch gibt es möglicherweise weitere Aspekte, die unsere Gehirnentwicklung begünstigt haben, so etwa klimatische Veränderungen oder Genmutationen, die Forschungslage ist diesbezüglich noch lückenhaft. Doch apropos verfügbar: Das ist im Prinzip das Kernthema, wenn es um die „natürliche“ Nahrung des Menschen geht. Prof. Dr. Claus Leitzmann, emeritierter Professor für Ernährungswissenschaften der Uni Gießen und neben Markus Keller Autor des Standardwerks „Vegetarische Ernährung“, nannte den Menschen in einem DIE-WELT-Interview mal einen „Nahrungsopportunisten“. Er äße eben, „was die Umgebung hergibt.“. Das trifft es sehr gut und das unterscheidet uns (und z.B. Ratten) von den meisten anderen Lebewesen, die sich auf ein oder einige wenige Lebensmittel beschränken.
Wir dagegen sind in Sachen Ernährung extrem anpassungsfähig und konnten daher in den unterschiedlichsten Regionen der Welt überleben. Solange wir mit ausreichend essenziellen Nährstoffen versorgt werden, ist es relativ egal, woher wir diese bekommen. Bei der sehr fleisch- und fischlastigen Nahrung der Inuit kommt etwa Vitamin C u.a. aus der fettigen Unterhaut von Walen, auch scheinen sich die Körper dieser nordamerikanischen Ureinwohner genetisch an die Umstände angepasst zu haben. Nichtsdestotrotz haben heutzutage lebende kanadische Inuit laut der Studie „Life expectancy in the Inuit-inhabited areas of Canada, 1989 to 2003“ (Wilkins, 2008) eine etwa zehn Jahre kürzere Lebenserwartung als die Einwohner im Rest des Landes.
Wie Leitzmann vor einigen Jahren in einem VEGGIE-JOURNAL-Interview erklärte, ist der Mensch ein Allesesser, „mit einer weitaus überwiegenden Prägung seiner Organe und Physiologie durch pflanzliche Kost – darauf weisen die Beschaffenheit und Funktionsweise von z.B. Magen, Darm, Zähnen, Zunge usw. hin.“ Nehmen wir zunächst den Magen: Während nichtmenschliche, fleischfressende Tiere ihre Beute in großen Brocken hinunterschlingen können und diese erst im Magen verdauen, dessen Säuregehalt 20-mal stärker ist als beim Menschen, müssen pflanzenfressende Lebewesen ihre Nahrung erst ordentlich kauen, um sie verwerten zu können. Der menschliche Speichel ist (wie bei pflanzenfressenden Tieren) alkalisch, darin befindet sich ein Enzym, das den Abbau von Stärke schon während des Kauprozesses ermöglicht. Fleischfressende Tiere haben dagegen einen sauren Speichel. Deren Darm hat außerdem eine im Vergleich zur Körpergröße etwa drei- bis sechsmal so großeLänge, während er bei Pflanzenfressern etwa zehn- bis zwölfmal so lang ist – genau wie beim omnivoren Menschen. Auch die Beschaffenheit des menschlichen Darms ist mit seinen Unebenheiten der von Pflanzen- ähnlicher als der von Fleischfressern. Und unser Gebiss mit seinen fehlenden spitzen Eck-, dafür aber flachen, zum Mahlen und Kauen geeigneten Backenzähnen, spricht für eine überwiegend pflanzlich geprägte Ernährungsweise. Doch egal, wie wir uns in der Urzeit nun wirklich ernährt haben und was unser Gehirn womöglich vor Millionen von Jahren gebraucht hat: Entscheidend ist im Grunde eher, was der heutige Mensch benötigt, um gesund zu (über-)leben. Denn, wie es der studierte Ernährungsberater Niko Rittenau so treffend in seinem Buch „Vegan-Klischee ade!“ formuliert: „Diskussionen, ob und wann Menschen vor zehntausenden von Jahren viel, wenig oder gar kein Fleisch gegessen haben“, seien zwar interessant, hätten jedoch „kaum Relevanz für die heutige Zeit.
Keine vergangene Handlung oder Ernährung sollte fortgeführt werden, nur weil es
schon immer so war. Sehr vieles war in der Vergangenheit schon immer so und dennoch haben Menschen an vielen Punkten in der Geschichte erkannt, dass es besser ist, gewisse Dinge sein zu lassen oder anders zu machen. 2050 werden voraussichtlich zehn Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben und die gesamten Rahmenbedingungen der Weltbevölkerung unterscheiden sich in so und so vielen Punkten von denen der Altsteinzeit.“ Welche Ernährungsweise ist also für den heutigen Menschen die gesündeste, die vegane, die vegetarische oder die omnivore? Die Antwort ist ganz klar: keine. Oder jede. Ein*e Veganer*in, der*die sich ausschließlich von fettigen Fertiggerichten und Süßigkeiten ernährt, lebt sicher ungesünder als ein Mischköstler, der viel Obst und Gemüse und ab und zu etwas Fleisch und Fisch konsumiert. Veganer*innen mit Vorliebe für frische Vollwertkost dürften allerdings ihrem Körper mehr Gutes tun als der omivore oder vegetarische Fast-food- und Sahnetortenfan. Kurz: Mit jeder Ernährungsweise lässt es sich gesund oder ungesund leben, entscheidend ist die Ausgewogenheit. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt in etwa eine Mischung aus 50 Prozent (möglichst ballaststoffreichen) Kohlenhydraten, 30 Prozent (möglichst mehrfach ungesättigten) Fetten und 20 Prozent Proteinen. Von ein paar Prozentpunkten hin oder her mal abgesehen gehen die meisten Empfehlungen in eine ähnliche Richtung. Weitgehend Einigkeit herrscht in Expert*innenkreisen mittlerweile darüber, dass sich eine solch ausgewogene Mischkost problemlos auf vegetarische Weise zusammenstellen lässt und dass der derzeitige Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland (ca. 60 Kilo pro Jahr) definitiv zu hoch ist. Eine vegane Ernährungsweise wird bisweilen noch kritisch gesehen, findet aber auch unter Ernährungsexpert*innen immer mehr Befürworter*innen. Allerdings, das gilt es dazu zu sagen, müssen sich Menschen, die sich rein pflanzlich ernähren, etwas besser als andere auskennen, um sich ausgewogen zu ernähren (tun sie ohnehin meist), und außerdem Vitamin B12 supplementieren. Alle anderen Vitamine und Mineralstoffe lassen sich auch aus pflanzlichen Lebensmitteln beziehen (mehr zum Thema z.B. in der VEGAN WORLD 1/20). Und so lässt sich abschließend zusammenfassen: Die „natürliche“ Ernährungsweise des Menschen ist weder vegan, noch vegetarisch noch omnivor, sie existiert schlichtweg nicht, da er sich zu allen Zeiten seiner Umgebung angepasst hat. Es gab nicht irgendwann den Punkt X, an dem der Mensch komplett mit seiner „Natur“ im Einklang gelebt und sich dann davon wegentwickelt hat, stattdessen war und ist er stetem (auch kulturellem) Wandel unterworfen und kann darüber hinaus eigenständige Entscheidungen treffen. Heutzutage, da uns zumindest in den Industrienationen eine unendlich große Bandbreite an Lebensmitteln zur Auswahl steht, ist die Frage, was wir essen, definitiv keine „naturgegebene“, sondern eine kulturelle bzw. intellektuelle. Das betrifft Fleischfans aber ebenso wie Veganer*innen, insofern könnten wir
uns statt der letztlich überflüssigen Diskussion über die Natürlichkeit ja einfach mal (tier-)ethischen Fragestellungen widmen … Wer fängt an?