Kolumne: Seitan aus der Hölle

Der Graslutscher: Seitan aus der Hölle

Von: Jan Hegenberg „Der Graslutscher“

Na, hat diese Woche schon jemand mit angewidertem Blick dein veganes Essen kommentiert? Das passiert zumindest mir besonders dann, wenn vorher irgendwer darauf hinweist, wie weit ich ernährungstechnisch von der Norm abweiche. „Jan isst gar kein Fleisch!“ Ungläubiges Staunen, weinende Kinder und in Ohnmacht fallende Frauen sind nicht selten die Folge. Ist ja auch offenbar vollkommen verrückt, so ein Verzicht, angesichts der großartigen Konsequenzen von billigen Würsten für ca. 80 Millionen Menschen in Deutschland.

Wenn ich aber einfach still und leise Pasta all’arrabbiata ohne Live-Kommentar in mich reinschlinge, dann bin ich so eine Art Inkognito-Veganer. Das kann man schön systemkonform beim Kellner bestellen, ohne sich durch umständliche „Bitte ohne Sahne!“-Zusätze zu verraten und deswegen kommt da auch niemand auf die Idee, vom 0%-Tieranteil auf den Geschmack zu schließen. Aber wehe, man lebt seine Veganer-Existenz offen aus und befindet sich gerade nicht in Berlin-Mitte. Am besten, indem man ein Fleischersatz-Produkt verspeist. Auch im Jahr 2016 brennen einigen Leuten bei diesem Anblick sämtliche Sicherungen durch. „Igitt, ist das so ‘ne Sojawurst? Ich dachte, Veganer seien so gesund und jetzt isst Du so einen Chemiefraß!“

So wenige Worte und doch sind sie auf gleich mehreren Ebenen ziemlich verstörend. Punkt 1: In die neueste Auflage der Benimmregeln im Knigge sollte unbedingt mit aufgenommen werden, dass grundlegende Regeln der Höflichkeit auch dann gelten, wenn die andere Person kein Fleisch isst. Ich weiß nicht, wie meine Mitmenschen reagierten, würde ich ihnen während der Mittagspause erklären, wie unfassbar ekelhaft ich ihr Essen finde. Und ich bin auch nicht scharf darauf, es herauszufinden. Das sind nämlich irgendwie so Basics, dass man nicht einfach ungefragt eine vernichtende Live-Rezension über des anderen Mittagessen in den Raum stellt.

Aber woher kommt diese instinktive Ablehnung von pflanzlichen Schnitzeln und Würsten? Was soll daran besonders eklig oder ungesund sein? Die meisten dieser Produkte bestehen aus Soja oder Seitan, beides jetzt nicht gerade Zutaten, die man nur mit Nasenklammer und Gummihandschuh anfassen würde. Zumindest springen beim Asiaten erstaunlich wenig Gäste vom Tisch auf, wenn ihre 5,90-€-Ente in Sojasauce an den Tisch gebracht wird. Und Seitan besteht einfach aus Weizeneiweiß. Man könnte auch sagen: aus Getreide. Bah, wie ekelerregend, Getreide! Stellt euch mal vor, Menschen nähmen das Getreide, würden das im Ofen backen und unter dem Namen „Brot“ verzehren!

Nee, tut mir leid, Seitan mag ja vielleicht für einige gewöhnungsbedürftig sein, weil es in Europa was Neues ist. Aber solche Dinge wie Zahnbürsten oder Wasser-Toiletten haben wir ja dann doch lieben gelernt, obwohl das mal neumodisches Zeug war. Das Ganze mutet aber doppelt absurd an, wenn man sich mal überlegt, was der durchschnittliche Fleischesser so bereitwillig in den eigenen Mund steckt: Pizzen belegt man gerne mal mit Schinkenimitat, also mit Separatorenfleisch, das man mit Bindemitteln zu einer Wurstmasse verarbeitet und dann in kleine Stücke schneidet. Und als „Sülze“ kennt man unter anderem das Fleisch aus Schweineköpfen, das in Geleeblöcken vor sich hin wabbelt.

Ferner gefällt mir der Gedanke recht gut, dass meine Veggie-Würste nicht aus Tierdarm bestehen. Du weißt schon, wozu so ein Darm im noch lebenden Tier gut ist? Ich meine, anderer Leute Essen blöd finden, während man Fleisch aus ehemaligen Tierkot-Transportröhren isst, das hat schon was von der vielzitierten schlechten Idee, mit einem Messer zu einer Schießerei zu erscheinen.

Der Vorwurf mit dem Chemiefraß ist dann auch nicht mehr ganz so stichhaltig, wenn man sich einfach mal die Zutatenliste von abgepacktem Grillgut anschaut und sich fragt, auf welchen Bäumen Nitritpökelsalz, Stabilisatoren und Antioxidationsmittel wachsen. Aber egal, Hauptsache ist doch, dass die böse Fake-Wurst vom Veganer ganz widerlich ist, weil aus Getreide und mit Zusatzstoffen anstatt aus Darm und mit Zusatzstoffen. Voll eklig. Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen!