Kolumne: Die Seele lüften

Die Zeit zwischen den Jahren nötigt einen dazu, Innenschau zu betreiben. Man
denkt darüber nach, sich selbst etwas Gutes zu tun, Vorsätze im Rahmen der
sogenannten „Selfcare“ zu formulieren und dann auch umzusetzen. Wie gelingt das?

Autorin: Jacqueline Flossmann

Erstens habe ich mir über die letzten Dekaden in liebevoller Kleinstarbeit einen Panzer aus Ironie und Zynismus gezimmert, der Annäherungsversuche von Tipps á la „rein in die Kuschelsocken, Ingwerteechen genießen und alles wird gut“ zu Staub zerlasert, zweitens ergreift gen Jahresende eine gewisse Tristesse von mir Besitz, man könnte neumodisch auch sagen: I don’t feel very good. Das liegt am grauen Himmel, der Kälte und an der Dunkelheit, die meinem Körper ab 16:45 Uhr signalisiert: Hopp, hopp, ab in die Heia!Obendrauf dann noch diese von überall her schallmeyende Symbolkraft des neuen Jahres, dieser omnipräsente Imperativ: Mach was aus deinem Leben! Änder dich! Wenn nicht jetzt, wann dann? All diese Faktoren spinnen ein Netz aus Druck, das sich bleiern auf meine Schultern legt, ja manchmal machen sie mich gar so wütend, dass ich meinen angestauten Unmut zuweilen an einem unschuldigen Duschgel auslasse, auf dessen Verpackung so peppige Aufforderungen wie „Sei frech, frei und fröhlich“ prangen. Nur wenig macht mich so aggressiv wie triviale Lebensweisheiten auf Hygieneartikeln. Wie soll ich also guten Gewissens den Leuten etwas von Wohlfühlkram in die Kniekehle reiben? Es ist schwierig. Vielleicht bin ich aber auch gerade deswegen besonders geeignet für diese Rubrik, weil meine Strategien wenigstens ehrlich und auf dem Schlachtfeld namens Alltag erprobt sind. Ich werde es also einmal versuchen mit den Floßmann’schen Feelgood-Tipps direkt vom Rande emotionaler schwarzer Löcher.

Wenn die Tage kürzer werden, neigt man (ich besonders) zum Grübeln. Meiner Therapeutin zufolge solle ich zielloses Grübeln ohne Problemlösung tunlichst vermeiden, weil das in den abenteuerlichsten Gedankenspiralen endet. Es braucht also einen Grübelstopp. Bei mir hat sich hier das Gitarrespielen als sehr sinnvoll erwiesen und ich ermutige jede*n dazu, sich ein Instrument nachhause zu schaffen und selbiges stressfrei auszuprobieren. Würden alle Menschen musizieren, ihre Wut, Enttäuschung,Trauer, aber auch die Sonnenseiten des Lebens in Töne bündeln, gäbe es keinen Krieg mehr. Da bin ich mir sicher. Außer jemand entscheidet sich für eine Geige, dann ist Schluss mit lustig.

Es mag etwas seltsam klingen, aber wem etwas auf dem Herzen lastet, der muss laut und gerne mit den seltsamsten Geräuschen verbunden ausschnaufen. Mehrmals. Ich nenne das liebevoll „die Seele lüften“.

Geht immer: ein Tänzchen im Wohnzimmer. Einfach den Lieblingssong auflegen, die Vorhänge zuziehen (oder die Nachbarn zuschauen lassen, als Entschädigung für das ständige Gedudel auf der neuen Geige), die Scham ablegen und ab geht die flotte Sohle aufs Parkett. Man muss tanzen, als würde niemand oder jede*r zusehen – das darf man selbst entscheiden. Auch diese Praktik lüftet die Seele ungemein, man fühlt danach leicht wie ein Wölkchen.

Frieden in der eigenen Küche finden und zwar mit hochwertigem pflanzlichen Soulfood, das alle Sinne anspricht und dabei noch das Gewissen zwecks Umweltfreundlichkeit umgarnt. Am besten entfaltet dieser Tipp seine Wirkung, wenn man sich richtig viel Zeit nimmt, nach Lust und Laune schmökert, ausprobiert, schnippelt, brät, bäckt, gart, knetet, rührt und schäumt. Funktioniert garantiert immer!

Gerade beim Tippen dieser Zeilen merke ich, dass ich jetzt eigentlich richtig in Fahrt
wäre mit meinen Ratschlägen. Scheinbar bin ich doch eine Feelgood-Reporterin, die
schneller schießt als ihr eigener Schatten. Deshalb hier ein abschließender, gerade
eben erlernter Tipp: Sich ab und zu aus der eigenen Komfortzone hinauswagen und
etwas Neues versuchen. Wer nichts wagt, der/die nichts gewinnt. Mir rollen sich die
Zehennägel auf bei diesem Spruch, aber er stimmt leider wirklich.

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