Atemberaubend

Die Hiobsbotschaften überfluten uns, die Prognosen werden trüber: Im Nachrichtenstrudel zum Klimawandel drohen wir oft schier zu ersticken – und dabei den Blick zu verlieren für die unbegreifliche Schönheit all der Dinge, die wir möglicherweise doch noch irgendwie retten wollen. Wagen wir eine ästhetische Annäherung an einen Ort, der es in mehr als nur einer Hinsicht vermag, uns den Atem zu stehlen.

Autor und Fotograf: Alexander Springborn

Wer damit geschlagen ist, seinen Sauerstoff aus schnöder Luft gewinnen zu müssen, bekommt leider nur seltenst die Möglichkeit, sich auf eine der außergewöhnlichsten Sinnesreisen zu begeben, die unser blauer Planet zu bieten hat. Einer der Erfinder der Maschine, die es uns heute ermöglicht, hin und wieder einen Blick unter die Wellen zu werfen, nannte den Ozean einen Ort der Stille. Den größten, benannten Teil unserer Erdoberfläche bezeichnen wir voller Ehrfurcht als den stillen Ozean. Vermutlich war Herr Cousteau zu beschäftigt damit, in klassischer Entdeckerpose diese neue Welt zu „erobern“, um sich einmal die Zeit zu nehmen, genau hinzuhören. Wer sich die Mühe macht, findet sich wieder in einer unendlichen Symphonie, die im Rauschen der Wellen ihren Anfang nimmt, sich über die rhythmischen Surr- und Klicklaute der stetig kommunizierenden Riffbewohner in einen Rausch steigert, um schließlich im majestätischen Gesang der Wale zu münden. Wo Leben ist, da ist Musik und da stehen unsere Weltmeere ihren trockeneren Geschwistern in nichts nach.

Unser Wahrnehmungstrip steht aber noch ganz am Anfang. Öffnen wir nun die Augen, kann die optische Fülle schlicht überwältigend sein. Selbst im Blauwasser, einem „leeren“ Teil des Meeres, ist schon so manchem die Fassung verlorengegangen. Vertigo setzt ein, wenn der Mensch nicht mehr weiß wo oben oder unten ist und sich immer schneller rotierend der Panik hingibt. Das allumfassende, lichtdurchflutete Blau bietet uns keinen Halt außer uns selbst. Bewahren wir jedoch die Ruhe, eröffnet sich plötzlich die unfassbare Möglichkeit, sich auf eine deutlich schönere Art zu verlieren. Richten wir den Blick wieder nach außen, denn vor uns erstreckt sich nun die ganze barocke Opulenz des Korallenriffs. Eine unmögliche Explosion an Farbe und Leben, auf ewig im Tanz umeinander verharrend. Millionen kleinster und großer Lebewesen bilden einen wabernden Metaorganismus, den sich kein SciFi-Autor auf LSD erdenken könnte.

Unsere restlichen Sinne bleiben dabei keineswegs auf der Strecke. Zugegeben, die Sache mit dem Riechen läuft eher mäßig unter Wasser. Dafür bilden Innenohr, Haut und Atem einen ganz neuen Sinn. Plötzlich spüren wir unseren Platz im Raum. Beim Einatmen geht es nach oben, beim Ausatmen nach unten. Unser Gleichgewicht und das die Haut umspielende Wasser liefern die restlichen Informationen für den frisch gebackenen Tauchsinn. Nirgends sonst ist die Vorstellung, Teil eines großen Ganzen zu sein so nah an der Realität wie beim Tauchen. Man kann seine Umgebung tatsächlich spüren und muss es auch.

Wer jetzt Übertreibung um der Ästhetik willen wittert, sollte sich daran erinnern, dass so ziemlich all unsere Vorstellungen von Schönheit ihren Ursprung in der Natur haben. All die Formen, Muster und Farben, die Künstler über Jahrtausende raffiniert haben, um sie dann in der Postmoderne wieder zu dekonstruieren, waren schon lange vor uns da. Kompositionsregeln wie der goldene Schnitt oder das Kombinieren von Mustern, unsere Farb- und Kontrastlehre, sie alle finden sich auch im Riff. Verlieren wir diese natürlichen Kunstwerke, so fehlen uns eben nicht nur ein paar Kalksteine und Zellhaufen. Es droht uns der kulturell verheerende Verlust der Schönheit an sich. Ich persönlich lasse mich da lieber meines Atems berauben.

Mehr Bilder von unserem Art Director Alex findet Ihr auf Instagram: @alexanderspringborn

 

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