In der Welt der Mode …

… dominiert die Fast Fashion den Markt. Doch die Entschleunigung der Mode ist auf dem Vormarsch. Ein kleiner Einblick.

Von: Xenia Waporidis

Für erfolgreiche Modedesigner*innen wie z.B. Coco Chanel, Vivienne Westwood oder den im Februar 2019 verstorbenen Karl Lagerfeld war und ist Mode eine ästhetische Art von Kommunikation, durch die wir Menschen einen Teil unseres Wesens nach außen tragen können. Was auf Catwalks in Modemetropolen wie London,Paris oder New York präsentiert wird, landet für Konsument*innen in ähnlichem Stil bezahlbar im Geschäft. Die Mehrheit freut sich über die günstige Mode, denn gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist der erste Eindruck wichtiger denn je. Heute Boho,morgen Business: Die riesige Vielfalt und Dauerverfügbarkeit haben jedoch ihre Schattenseiten, denn die schnelle Mode, auch bekannt unter dem Namen „Fast Fashion“, hat ihren Preis – und den größten Anteil davon zahlen nicht die Konsument*innen, sondern die Umwelt. Laut eines Berichts von Greenpeace landen bis zu 24 Kollektionen der Marktführer jedes Jahr in den Geschäften. Die schnelle Mode ermöglicht es nämlich, Kollektionen losgelöst von Jahreszeiten zu etablieren. So kriegen wir alles Neue, was wir suchen, zu jeder Zeit im Jahr. Doch die Fast-Fashion-Industrie wirft vor allem ökologische Fragen auf, denn mit 1,2 Billionen Tonnen CO 2-Ausstoß pro Jahr, so ein Bericht des FOCUS vom 27. Juli 2019, stößt die Modeindustrie mehr Kohlenstoffdioxid aus, als internationale Flüge und Kreuzfahrten zusammen. Und damit nicht genug: So erzählt der Regisseur Andrew Morgan in seiner für Netflix produzierten Dokumentation „The True Cost“ aus dem Jahr 2016, dass über 40 Millionen Textilarbeiter*innen weltweit unter schwersten Bedingungen in Textilfabriken in Asien arbeiten. Der Filmemacher skizziert eine Seite der Modeindustrie, die Konsument*innen beim Kauf ihrer Kleidung verborgen bleibt. Für seine Recherche reiste er in das Zentrum der Textilbranche: Bangladesch. Ein Land, welches schwer von Armut, mangelhaften Bildungsmöglichkeiten und Unterernährung betroffen, aber für viele Modeketten der Hautproduktionsort ist. Über 85 Prozent der über 40 Millionen Textilarbeit*innen sind laut Andrew Morgan Frauen. So auch die 22-jährige Shima, die der Regisseur für seine Dokumentation begleitete. Im Interview mit ihr und weiteren Textilarbeiter*innen wird erzählt, dass in den Fabriken tägliche Arbeitszeiten von 13-16 Stunden regulär seien. Arbeiter*innen seien während dieser Zeit chemischen Gerüchen ausgesetzt, hinzu komme die ständige Beobachtung durch männliche Aufseher. Im Jahr 2013 gaben ca. 75 Prozent der befragten Textilarbeiter*innen an, von den meisten männlichen Aufsehern und Kollegen belästigt worden zu sein, so eine Studie der Fair Wear Foundation.

Gewissenhaft Shoppen
Als Kontrast zur Fast Fashion steht die Gegenbewegung Slow Fashion. Sie plädiert für die Entschleunigung der Mode und für einen bewussteren sowie verantwortungsvollen Umgang in der Welt des Textilhandels. Nachhaltige Labels setzen hierbei auf faire Arbeitsbedingungen und kurze Produktionsketten. Produktionsorte der neuen Modebewegung befinden sich größtenteils in Europa, z.B. in Portugal oder in der Türkei. Faire Modelabels erkennen Konsument*innen vor allem an ihrer Transparenz, welche sich etwa dadurch äußert, dass auf den Firmenwebseiten klar kommuniziert wird, wo und wie die Produktion stattfindet. Ein Austausch mit Mitarbeiter*innen vor Ort in den Produktionsstätten, um sich face-to-face über neue Kollektionen oder aktuelle Anliegen zu auszutauschen, ist für faire Labels ein unverzichtbarer Schritt. Gerechte Arbeitsbedingungen und angemessene Löhne sind jedoch noch nicht alles, denn auch die Rohstoffverwertung spielt eine wichtige Rolle. Fair produzierte Mode erkennt man auch an einigen Gütesiegeln, wie z.B. dem GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard), welches nur verwendet werden darf, wenn die Kleidung bis zu 95 Prozent aus Naturfasern besteht. Davon müssen ca. 75 Prozent aus biologischem Anbau sein. Zusätzlich müssen soziale Standards erfüllt werden. Diese Standards verbieten Kinderarbeit und fordern einen Mindestlohn für die Arbeiter*innen. Das GOTS-Siegel ist jedoch nicht allein: Auch das Fair-Trade-Siegel oder der Blaue Engel und viele weitere Siegel garantieren einen umweltfreundlichen Umgang mit Rohstoffen und angemessene Arbeitsbedingungen am Produktionsort. Shoppen ohne schlechtes Gewissen ist angesagt, denn nicht nur, was wir essen, wird immer wichtiger, sondern auch, was wir tragen.

Was kann man selbst machen?
Die Slow Fashion macht sich jedoch nicht nur durch ihren innovativen Umgang mit Mode bemerkbar, sondern betreibt auch Aktivismus: In Erinnerung an den Ein-
sturz von Rana Plaza in Bangladesch am 24 April 2013, einem der schlimmsten Unfälle in der Textilbranche, ruft die Fashion Revolution Week jedes Jahr in der letzten Aprilwoche auf, ein Bewusstsein für Fast Fashion zu schaffen, indem Konsument*innen Selfies von sich in ihrer auf links gedrehten Kleidung posten und mit dem Hashtag #whomademyclothes versehen. Andere Slow-Fashion-Aktivist*innen fordern mit dem Hashtag #payup auf, Aufträge aufgrund der Coronakrise nicht zu stornieren. Fabriken werden sonst auf ihrer Ware sitzen bleiben und Textilarbeiter*innen somit nicht entlohnt. Zudem gründen immer mehr fashionbegeisterte Unternehmer*innnen vegane, nachhaltige Online-Shops, die auf Fair Fashion setzen und nur mit Firmen kooperieren, die nachhaltig und sozialverträglich produzieren. Nachhaltig einkaufen oder aber auch nicht regelmäßig Neues zu kaufen und auf langlebige Kleidung zu setzen, lohnt sich in vielerlei Hinsicht. Im Vordergrund steht jedoch die dauerhafte Nutzung der nachhaltigeren Kleidung. Das ist vor allem wichtig, weil in Deutschland jährlich bis zu 1,3 Millionen Tonnen Kleidung entsorgt werden. Diese stapeln sich auf textilverwertenden Mülldeponien in Asien, wo laut Greenpeace nur eine kleine Menge, nämlich ca. ein Viertel der Altkleider, zu Putzlappen verarbeitet werden, die wiederum kurze Zeit später im Müll landen. Sich ausgewählte, nachhaltig produzierte Kleidungsstücke zuzulegen, ist somit längerfristig eine sinnvollere Entscheidung. Auch Secondhand-Plattformen im Netz, z.B. Kleiderkreisel, oder Kleidertauschpartys und Flohmärkten bieten nachhaltige Alternativen für Shopping-Fans an.

Slow Fashion im Überblick

Was ist Slow Fashion?
Motto: Klasse statt Masse! Bewusst nachhaltige Mode aus umweltfreundlichem Material und/oder recycelte Kleidung kaufen. Fokus: die Langlebigkeit. Denn: Im Schnitt kauft jeder Deutsche im Jahr etwa 60 neue Kleidungsstücke, trägt sie aber im Vergleich zu vor 15 Jahren nur noch halb so lang. Ein durchschnittliches Partytop z.B. wurde im Jahr 2015 etwa 1,7 mal getragen. Danach landet es im Kleiderschrank oder wird entsorgt (Quelle: saubere-kleidung.de). Jeder Deutsche wirft jährlich 4,7 Kilogramm Kleidung weg (Quelle: tagesspiegel.de) Die Slow-Fashion-Bewegung spricht sich gegen die Wegwerfkultur aus.

Gründe für Slow Fashion?
Sie ist teurer als die herkömmliche Mode, aber warum greifen doch immer mehr Menschen dazu? Ganz klar: Es geht um die Förderung des biologischen Anbaus, die Herstellung fairer Arbeitsbedingungen, die Reduktion bzw. den Verzicht von giftigen Chemikalien, die vollständige Rückverfolgbarkeit des Produktes sowie den innovativen Umgang mit Ressourcen. Beliebte Stoffe: Bio-Baumwolle, Bio-Hanf, Bio-Leinen oder auch neue Stoffarten wie Ananasleder oder Fasern aus Eukalyptus. Für Slow-Fashion-Vertreter*innen ist klar: Sieh das ganze Bild. Du bist, was du trägst.

Hat Slow Fashion Potenzial?
Nachhaltige Mode ist auf Wachstumskurs: Für die Mehrheit der Deutschen ist Nachhaltigkeit beim Modeeinkauf wichtig. Dennoch gibt es eine Kluft zwischen Einstellung und Verhalten.
Nachhaltigkeitsforscher Jacob Hörisch schätzt den Marktanteil nachhaltiger Mode in Deutschland auf nur 4-5 Prozent. Im Bundesdurchschnitt kauften Deutsche jedes zwanzigste Kleidungsstück aus nachhaltiger Textilherstellung. Verlässliche Zahlen gibt es allerdings nicht. Ein Problem: Man würde gerne nachhaltiger kaufen, es sei aber schwierig, Fair Fashion zu bekommen. Hier können nachhaltige, vegane Online-Shops helfen. Der Nachhaltigkeitsforscher Hörisch empfiehlt daher die Netzrecherche und das Nachfragen bei Herstellern.
(Quelle: deutschlandfunknova.de)

Kleine Slow-Fashion-Anleitung:
• Verschaffe dir einen Überblick, über das, was
du im Kleiderschrank hast und frage dich: Was
brauche ich wirklich?

• Überlege genau, was dir gut gefällt und suche
nach nachhaltigen Alternativen.

• Frage dich: Wo und von wem wurde das
Kleidungsstück hergestellt?

• Frage dich auch: Wie ist die Firmenphilosophie
des Herstellers und möchte ich diesem mein Geld
geben?

• Finde deinen Stil: Vieles bleibt im Schrank, weil
es irgendwie doch nicht gefällt. Magst du es
bunt und verspielt oder lieber schlicht? Wähle
Kleidung, die du gerne trägst.

• Teste nachhaltige Stoffe und fühle, welche
angenehm auf der Haut sind.