Im Kochen liegt die Kraft – eine Kolumne über Kochen als kleine Therapie

Im Kochen liegt die Kraft. Und gute Laune. Und natürlich herrliches Essen, dessen Etikett man nicht auf mehr oder minder gut versteckten Firlefanz kontrollieren muss.

Von: Jacqueline Flossmann

Eigentlich wäre es ja schick, einen Text übers Kochen mit einem bedeutungsschwangeren Zitat von Albert Schweitzer oder so zu beginnen, aber ich entscheide mich ganz egozentrisch für meine eigene Lebensgeschichte als Einstieg: Während meines Studiums habe ich den Zauber des Kochens erstmals für mich entdeckt. Anfangs vor allem, um meinem doch recht lose um einen entspannten Stundenplan gewickelten Alltag ein wenig Struktur zu verpassen. Wer nur spärlich in die Uni muss, der braucht schließlich eine Beschäftigung und so mauserte ich mich langsam von der Anfängerin zur echten Hobby-Köchin. Nachdem die ersten sozialen Kontakte in Regensburg geknüpft waren, entwarf ich in meiner Student*innenbude feudale Budget-Bankette, unter denen sich meine zusammengeschusterte WG-Küche ächzend bog. Ob Tapas, hausgemachte Pasta und Brot, Fruchtiges aus der Tajine oder bodenständige Knödel an Pilzragout: Ich schnippelte und brutzelte mich durch die schönsten Gerichte, wälzte Bücher, kreierte frei Schnauze, erkundete die Wochenmärkte der Umgebung und entdeckte meine Vorliebe für persönliche Gespräche über einem bunten Gemüseeinkauf. Mehrmals wöchentlich buk ich hübsche Törtchen und verteilte selbige dann an Nachbar*innen, Bekannte, Freund*innen und an das Schmuckgeschäft gegenüber. Zusammenfassend gesprochen kann man sagen: Es war absolut herrlich. Dann trat ein Vollzeit-Job in mein Leben – und alles änderte sich schlagartig. Die ersten zwei Jahre meiner Berufstätigkeit verbrachte ich in einem schäbigen WG-Zimmer in München mit absolut unzumutbarer Küche und schmutzenden Mitbewohnern. Aus Gesundheitsgründen hielt ich mich so wenig wie möglich in diesem Raum auf und lagerte auch nur ungern Lebensmittel im dortigen Kühlschrank. Ich brauche wohl nicht zu erklären, dass in dieser doch langen Zeit nicht viel los war mit lockerem Kochlöffelgeschwinge und rauschenden Festen. Auch, weil eine rechtstraff gewickelte 40-Stunden-Woche mir anfangs ziemlich viel Energie raubte. Die Höhepunkte meiner kulinarischen Ergüsse beliefen sich auf möglichst flugs gebratene Zucchini und eine Art Kartoffelsalat, aus drei Handgriffen herausgeschüttelt. Dann folgte endlich der Umzug in eine hübsche Wohnung, in der ich mich wohl fühlte,mit einer halbwegs annehmbaren Küche, vor der es mir nicht graute und langsam kam die Lust zurück. Ich formte wieder Gnocchi und Ravioli, wirbelte mit dem Nudelholz durch die Wohnung und legte zwischen heißen Pfannen und cremigen Ölen eine flotte Sohle zu den Tönen aus meinem Plattenspieler aufs Parkett, am liebsten zu entspanntem Hippie-Zeug wie Crosby, Stills & Nash oder Fleetwood Mac. Gerade zu Lockdown-Zeiten hievte ich meine vom ständigen Sofa-Aufenthalt schmerzenden Knochen häufig in die Küche, um dort erstens vor mich hin zu werkeln und zweitens den nervenaufreibenden Geräuschen aus der Playstation meines Partners sowie einer damit zusammenhängenden Beziehungskrise zu entgehen. Und auf einmal spürte ich wieder diese heilsame Wirkung des Kochens, die natürlich von diversen äußeren wie inneren Faktoren abhängt. So sehr ein ausgeglichenes Gemüt ganz klar auch in der Küche für schöne Ergebnisse sorgt, so sehr ist doch der eigene Alltag häufig mit seelischen Stolpersteinen gepflastert, die einem den Lebensweg erschweren. Würde ich nur kochen, wenn ich wirklich total bei mir und zufrieden bin, gäbe es wahrscheinlich die meiste Zeit einfach nur Tütensuppe. Da ist es doch gerade recht, dass Kochen auch in Zeiten innerer Aufgewühltheit eine tolle Sache sein kann. Besonders empfiehlt sich dann das Hantieren mit schweren Teigen, die knüppelhart bearbeitet werden müssen. Es ist mir nicht selten passiert, dass ich alle in mir angestauten Aggressionen oder Schmerzen in ein besonders zähes Stück Pastateig eingeprügelt habe und am Ende gerade deshalb ein gar grandioses Ergebnis zelebrieren durfte. Die Kombination aus hinfort geklopfter Wut und einem eigens fabrizierten, dickwandigen Raviolo ist vielleicht eine der wundervollsten Erfahrungen des Menschseins überhaupt. Vielleicht. Egal, ob man schon recht ausgeglichen ist oder sich erst in einen Zen-Zustand kloppen muss, am besten verlegt man sein Vorhaben demnächst auf den verregneten Abend eines kühlen Herbst-Samstages, an dem keinerlei Termine mehr anstehen, denn solche Abende sind absolut prädestiniert für einen längeren Aufenthalt in der eigenen Küche. Für die passenden Vibrations sorgen eine unbedingt sorgfältig zusammengestellte und im Idealfall geschmeidige Playlist (siehe Vorschlag) sowie ein heimlich geändertes WLAN-Passwort, damit der Partner nicht Playstation zocken kann. Für die nötige Lockerheit in Handgelenk und Hüfte darf man gerne jeden gelungenen Schritt beim Kochvorgang mit einem genüsslichen Schlückchen aus der Weinbuddel belohnen – wobei verantwortungsvoller Alkoholkonsum natürlich Geschmackssache ist. Ich habe mir sagen lassen, es geht auch ohne, daran soll es also nicht scheitern. Ein Rezept, das genau richtig herausfordert in Kombination mit ordentlichem Erkundungshunger kann neue Türen innerhalb der eigenen Lebenswelt öffnen. Als ich mich zum Beispiel erstmalig der vegetarischen und veganen Küche widmete, merkte ich schnell, wie wichtig es ist, sich vom negativen Narrativ des „Verzichts“ zu lösen und sich auf eine völlig neue kulinarische Welt einzulassen. Ein gutes Gewissen ist seitdem mein Wunderwürzmittel. Mit Ruhe, Zeit und Respekt zu kochen, zu probieren, zu verwerfen, zu werkeln, zu basteln, zu kneten, zu klopfen, zu backen, zu dämpfen,zu rösten, zu kosten – das ist ein ganzheitlicher Ansatz, der die Gesundheit fördert und manchmal sogar kurze Momente von Seelenfrieden bringen kann. Und das meine ich im unesoterischsten aller Sinne.

Playlist für eine entspannte/entspannende Kochsession:
Fleetwood Mac – I Don’t Want To Know
Crosby, Stills & Nash – Carry On
Traffic – Paper Sun
Toe Fat – Bad Side Of The Moon
Cream – Tales Of Brave Ulysses
Joni Mitchell – Woodstock
The Who – Join Together
Santana – Evil Ways
The Rolling Stones – Happy
Spirit – Fresh Garbage
Aerosmith – No More No More
The Sheepdogs – Nobody
Canned Heat – On The Road Again
Heart – Magic Man
Free – Remember
The Kinks – Sunny Afternoon
Fanny – You’re The One
The Doors – Love Me Two Times