Graslutscher-Kolumne: “Die einsame Insel”

Ich tippe den Text just in diesem Moment in einen ausrangierten Desktop-PC der italienischen Marine, eingehüllt in eine Rettungsdecke, während mir ein aufmerksamer Kadett einen heißen Tee reicht. Die fleischessenden Leser werden sich fragen, was zur Hölle mir nur passiert ist, aber die Veggies ahnen schon: Ich wurde mal wieder Opfer des Schiffbruch-auf-einsamer-Insel-auf-der-es-nur-Fleisch-gibt-Infernos! Man glaubt gar nicht, wie oft man als Westeuropäer*in auch ohne direkten Küstenzugang Schiffbruch erleiden kann, aber wenn man nur aufmerksam die Debatten verfolgt, stellt man fest: Das Stranden auf einer abgelegenen Insel scheint speziell für Vegetarier*innen und Veganer*innen ähnlich wahrscheinlich zu sein wie klebrige Finger nach Caipirinha oder dass im ICE das WLAN nicht funktioniert. Es erreichen einen AN-DAU-ERND sorgenvolle Nachfragen, ob diese ganze Fleischverzichtsnummer nicht doch ungemein bedrohlich sei im Hinblick auf die quasi alltägliche Gefahr, morgen auf einem unentdeckten Eiland zu erwachen. Und zwar ist das ein ganz spezielles Eiland: Dort gibt es nicht etwa Obstbäume, Wurzelgewächse oder Beerensträucher, nein, es gibt da nur Fleisch! Oder wie wir Veggie-Freaks das nennen: Tiere. Die wuseln da quasi den lieben langen Tag auf der Insel rum und ernähren sich mutmaßlich ausschließlich von für den Menschen ungenießbarem Lavagestein und Quarzssand, Pech gehabt, Vegetarier*in! Man kann festhalten: Auf diesem ganz speziellen Fleckchen Erde hat die Evolution wahrhaftig Außerordentliches bewirkt, indem sie eine für den Menschen hochgiftige Flora hervorgebracht hat, gleichzeitig aber Tiere, die selbst minder jagdbegabte Leute mit bloßen Händen fangen können. Ich antworte dann mal stellvertretend für alle, die mit dieser Frage gelöchert werden: Ja, gäbe es tatsächlich so eine Insel und würde ich von einem sinistren Metzger-Geheimbund entführt und dort abgesetzt, dann würde ich vor dem Eintreten des Hungertodes vermutlich in eines dieser Tiere beißen, das offenbar dringend mal regelmäßiger Sport hätte machen sollen, wenn es nicht mal vor einem IT-Berater wegrennen kann. Und nun? Kann man daraus irgendeinen Rückschluss ziehen? Womöglich den, dass Tiere essen eine unheimlich dufte Idee ist, weil man im Szenario dieser Giftinsel-Entführung mit der Eintrittswahrscheinlichkeit von dreizehn Lottogewinnen in Folge ja auch welche äße? Wohl kaum. Diese Typen, die 1972 in den Anden abgestürzt sind und nur durch den Verzehr von Pilotensteak überleben konnten, die sind auch nicht in die Zivilisation zurückgekehrt, um fortan weiter Menschen zu essen. Gegenfrage: Was macht ihr eigentlich, wenn ihr nicht auf einer einsamen Insel, aber stattdessen in der westlichen Zivilisation strandet? Und da gibt es nicht nur Fleisch von adipösen Evolutions-Unfällen, sondern alle möglichen Arten von pflanzlichen Lebensmitteln, mit denen viel weniger Leid entsteht, die Klimakatastrophe des Planeten abgewendet werden kann und das Risiko für diverse Zivilisationskrankheiten sinkt. Willkommen in der Realität!