Porträt: Gerlinde Kaltenbrunner

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Schnee, Eis, Sturm, kein Komfort. Von der Höhe ganz zu schweigen. Unter diesen Bedingungen fühlt sich Bergsteigprofi Gerlinde Kaltenbrunner besonders wohl. Erst recht vegan.

23. August 2011, Gipfel des K2: vier Expeditionen und sieben Versuche in vier Jahren. Endlich klappt es und Gerlinde Kaltenbrunner steht auf 8611 Metern. Dieser Berg war ihre größte Herausforderung und damit ein gebührender Abschluss. Es ist der letzte der 14 Achttausender der Erde, den sie ohne zusätzlichen Sauerstoff und ohne Hilfe von Hochträgern besteigt. Sie ist die einzige Frau, der das bisher gelungen ist. „Einen leichten Achttausender gibt es nicht“, beschreibt sie die Berge. „Auch die Höhe hat man immer. Aber der K2 hat von allen Seiten schwierige Aufstiege.“ Hinzu kommen der lange Anmarsch zum Basislager, eine hohe Gefahr für Eisschlag und Lawinen sowie ein „ganz spezielles Wetter“, wie sie ergänzt. Gerade letzteres sorgte dafür, dass vor ihr drei Jahre lang niemand mehr auf dem Gipfel stand.

Den Grundstein, solche Unternehmungen überhaupt auf sich zu nehmen, legte der Gemeindepfarrer von Spital am Pyhrn, Oberösterreich, in ihrer Jugend, als er sie mit zum Wandern nahm. Es folgten das Bergsteigen, das Felsklettern, Skitouren im Winter und das Eisklettern. Für das Unterfangen „Profi-Bergsteigerin“ gab sie ihre Festanstellung als Krankenschwester auf, doch dieser Job kommt ihr heute noch zugute: „Auch dahingehend, auf den eigenen Körper zu hören und dessen Warnsignale zu achten. Ich habe zudem gelernt, in schwierigen Situationen, Ruhe zu bewahren.“ Die Gelegenheit, das Bergsteigen zum Beruf zu machen, kam 2003: „Das war nach dem Nanga Parbat, meinem fünften Achttausender, ziemlich genau 50 Jahre nach der Erstbesteigung durch Hermann Buhl, ebenfalls Österreicher.“ Es folgten Anfragen zu Interviews sowie Vorträgen, Sponsorenangebote und die Entscheidung, hauptberuflich Berge zu erklimmen.

Ein besonders risikoreicher Job, mag man meinen, aber sie sieht das nicht ganz so: „Das ging ja nicht von null auf 8000. Mit steigender Erfahrung habe ich mir größere und schwierigere Ziele gesetzt. Ich habe mir nach meinem ersten Achttausender also nicht gedacht, dass ich alle 14 besteigen will.“ Neben Erfahrung helfen eine akribische Vorbereitung, Geduld, Disziplin, Willensstärke, Selbstreflexion, Vertrauen in die eigene Intuition und körperliche Fitness – die ihr auch mental „eine enorme Sicherheit“ gibt – das Risiko zu minimieren. „Allerdings können wir noch so gut vorbereitet und technisch bestmöglich ausgestattet sein, in letzter Konsequenz hat immer die Natur das Sagen.“ Jedoch macht das für sie den Reiz aus: sich der Natur anzupassen, ihr mit Respekt zu begegnen und mit den Gegebenheiten klar zu kommen.

Als erste Frau auf allen Achttausendern gestanden zu haben, war dahingegen nie ihr Ziel. „Aber es war mir vom ersten Moment an sehr wichtig, die Berge ohne Flaschensauerstoff und ohne die Hilfe von Hochträgern zu besteigen.“ Für all das wird sie aber ausreichend entlohnt mit fremden Ländern und Kulturen sowie den höchsten Bergen. „Es ist auch faszinierend, so völlig abgeschieden und reduziert auf das Minimum zu sein. Nur das Nötigste dabei zu haben, ist total bereichernd und schön.“ Das Nötigste beinhaltet für Gerlinde Kaltenbrunner auch ein bisschen Zusatzverpflegung, etwa Samen, Hirse oder Buchweizenflocken fürs Frühstück. „Aber die Hauptmahlzeiten sind überhaupt kein Problem, da wird man bestens vegan versorgt. In Nepal oder Pakistan gibt es diese vielen verschiedenen Linsenvariationen, Kartoffelgerichte und Gemüse.“ Zur pflanzlichen Ernährung kam sie zum einen, weil sie sich als Krankenschwester viel mit Ernährung beschäftigt hatte. „Ich habe mich auch mit der Hühner- und Rinderhaltung auseinandergesetzt. So ist mir klar geworden, dass ich tierische Produkte allein aus ethischen Gründen gar nicht mehr zu mir nehmen kann.“

Sie ernährte sich eineinhalb Jahre lang rohköstlich-vegan und hat auch heute noch einen Rohanteil von tageweise 100 Prozent. Gerlinde Kaltenbrunner merkt, wie gut ihr das tut. „Ich schlafe besser – auch am Berg – mein Hautbild hat sich verbessert und ich habe insgesamt ein viel besseres Lebensgefühl.“ Außerdem erholt sie sich wesentlich schneller als ihre Trainings- oder Teamkollegen. Denn verbreitet ist die pflanzliche Ernährung unter Bergsteigern nicht gerade. „Obwohl ich wirklich auch schon einige habe inspirieren können.“, ergänzt sie. Andere inspirieren ist ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Denn der K2 war nicht nur der letzte der 14 Achttausender, den sie bestiegen hat, es soll auch ihr eigener letzter Achttausender sein. „Neben dem Können, den Erfahrungen, alles, was man eben dafür braucht, habe ich immer wieder sehr viel Glück und Beistand gehabt und bin gesund zurückgekommen“, erklärt sie ihre Entscheidung.

Die Berge gibt sie natürlich nicht auf – „Es gibt ja auch viele schöne andere, niedrigere“ – außerdem bekommt sie sehr viele Anfragen für geführte Trekkingtouren mit einer pflanzlichen Verpflegung. In Zukunft möchte sie außerdem Hilfsprojekte in Nepal und Pakistan weiter vorantreiben, die ihr sehr am Herzen liegen. Dafür und zu vielen anderen Themen hält sie Vorträge, für die sie viel positive Resonanz erhält. „Ich möchte vermitteln, dass es durchaus möglich ist, seine Ziele zu erreichen, wenn man etwas wirklich mit Begeisterung will. Es gibt immer irgendeinen Weg.“ Sie selbst ist dafür vielleicht das beste Beispiel.

Weitere Infos unter:
www.gerlinde-kaltenbrunner.at