Es war einmal ein Veggie …

Selbst passionierte Fleischfans dürften mittlerweile mitbekommen haben, was es
mit dem Begriff „vegan“ auf sich hat (na okay, nicht alle), doch bis er sich etabliert
hat, war es ein langer Weg. Seit wann gibt es eigentlich Veganer*innen? Ein kleiner
historischer Abriss.

Autorin: Carmen Schnitzer

„Eier sind dazu gedacht, Hühner zu produzieren, keine Omeletts; und Kuhmilch ist die perfekte Nahrung für ein Kalb, aber mit großer Sicherheit nicht für einen ausgewachsenen Menschen!“ Woher könnte dieses Zitat stammen? Aus einem Zeitschriften-Interview mit einer veganen Köchin von 2015 vielleicht? Aus dem Film „Das System Milch“ von 2018? Aus einer Diskussion, die wir letztes Wochenende mit Verwandten geführt haben? Könnte man sich alles vorstellen, nicht wahr? Tatsächlich aber ist es bereits mehr als 100 Jahre alt und stammt aus einem Artikel des schottischen Tierrechtlers und Autors Dugald Semple (1884-1964), erschienen in The Vegetarian Messenger and Health Review (TVMHR), dem Vereinsorgan der 1847 gegründeten Vegetarian Society. Der zeitweise in einem Zelt oder einem Wohnwagen lebende „Prä-Hippie“ Semple gilt als einer der Mitbegründer des modernen Veganismus – wobei der Begriff „Veganismus“ selbst erst einige Jahrzehnte später erfunden wurde und dann noch mal eine Weile brauchte, um sich im allgemeinen Sprachgebrauch zu etablieren. Unzufrieden mit der mangelnden Anerkennung von Veganer*innen innerhalb der Vegetarian Society gründete der Engländer Donald Watson (1910-2005) 1944 mit einigen Gleichgesinnten die heute noch existierende Vegan Society, deren Logo, die „Veganblume“, du vermutlich kennst: Mit diesem Siegel gekennzeichnete Lebensmittel oder Kosmetika enthalten garantiert keine tierischen Zutaten, die herstellenden Unternehmen dürfen außerdem keine Tierversuche durchführen oder Dritte damit beauftragen. Angeblich war es Watsons Frau Dorothy, die die Idee hatte, aus dem Anfang und dem Ende von „vegetarian“ (dem englischen Wort für „vegetarisch“) das Wort „vegan“ zu kreieren. „Veganismus beginnt mit Vegetarismus und führt ihn zu seinem logischen Ende“, erklärte Donald Watson die Wortneuschöpfung. Im Oxford English Dictionary, dem umfangreichsten Wörterbuch der Englischen Sprache, taucht der Begriff „vegan“ erstmals 1962 auf und wird dort beschrieben als „vegetarian who eats no butter, cheese or milk“ („Vegetarier*in, der*- die weder Butter, Käse noch Milch isst“). Mitte der 1990er Jahre wurde es präzisiert: „a person who does not eat or use animal products“ („eine Person, die keine Tierprodukte isst oder benutzt“). Der Weltvegantag am 1. November geht auf den Gründungstag der Vegan Society zurück (bzw.den Gründungsmonat, da der genaue Tag nicht bekannt ist) und wird seit 1994 von Pflanzenkost-Fans gefeiert.

ANTIKE TIERRECHTLER
Der Begriff ist also noch vergleichsweise jung, die Philosophie einer tierproduktfreien Ernährung und Lebensweise dagegen schon um einiges älter, wobei manche Entwicklungen schwierig festzumachen sind, eben weil die Bezeichnung fehlte und manchmal von Vegetarismus gesprochen wurde, wo eigentlich Veganismus gemeint war. Tatsache ist, dass das Thema Tierrechte bereits in der Antike aufgegriffen wurde. So soll etwa der Philosoph und Mathematiker Pythagoras (ca. 582-496 v. Chr.) unter anderem den Satz gesagt haben: „Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen wieder zurück.“ Das meinte er sehr konkret, da er an Seelenwanderung glaubte, dabei keinen Unterschied zwischen menschlichen und tierischen Seelen machte und das Schützen von Tieren auch als Übung für den respekt- und liebevollen Umgang mit einem menschlichen Gegenüber verstand. Auch der Philosoph Platon (ca. 384-322 v. Chr.) sympathisierte mit dem Vegetarismus, entwarf etwa in seinem Werk „Der Staat“ das Bild einer gesunden Ur-Stadt, in der keine Ärzte nötig waren, weil sich die Bewohner vegetarisch ernährten. Einer seiner Schüler, Xenokrates von Chaldekon (ca. 396/95-324/13 v. Chr.), soll einen – leider verlorengegangenen – Text über die Verwandtschaft von Mensch und Tier verfasst haben, in dem die Unsterblichkeit der Tierseelen betont und daraus gefolgert wurde, dass Fleischkonsum amoralisch sei. Auch in vielen asiatischen Philosophien und Religionen spielt unser Umgang mit Tieren eine große Rolle. Der indische Jainismus etwa, der etwa zeitgleich mit dem Buddhismus entstand (6./5. Jahrhundert v. Chr.), ist geprägt von Gewaltlosigkeit, die Ernährung seiner frommen Anhänger*innen ist fast vegan, mitunter werden noch Milchprodukte konsumiert.
Dafür verzichten viele Jainas auf Wurzelgemüse, da mit der Wurzel die ganze Pflanze stirbt und auch Pflanzen nach der jainistischen Auffassung eine Seele haben.
Ein Hungerstreik gläubiger Jain-Mönche sorgte dafür, dass die Stadt Palitana im Nordwesten Indiens 2014 zur ersten vegetarischen Stadt der Welt ernannt wurde: Weder dürfen hier seitdem Tiere geschlachtet noch Fleisch, Eier oder Fisch verkauft werden. Du siehst, wenn wir von der Geschichte des Veganismus sprechen, haben wir es mit einem schier uferlosen Thema zu tun, bei dem wir durch die Welt und durch die Jahrtausende springen und mit den so gesammelten Erkenntnissen ganze Bücher füllen könnten. Wir könnten uns etwa noch dem Universalgenie Leonardo da Vinci (1452-1519) widmen, der einst prophezeite, es würde „die Zeit kommen, da die Menschen wie ich die Tier-Mörder mit gleichen Augen betrachten werden wie jetzt die Menschen-Mörder.“ Oder mit der Frage, wie die Weltreligionen zum Thema stehen (einen Artikel dazu findest du im Veggie Journal 6/13, erhältlich unter veganworld.de/produkt-kategorie/einzelheft).

DER VEGANISMUS IN DEUTSCHLAND
In diesem Rahmen aber beschränken wir uns auf die oben genannten punktuellen Erwähnungen und konzentrieren uns im Folgenden auf die Entwicklung
in Deutschland seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit war Veganismus hierzulande noch kaum ein Thema, die wenigen Veganer*innen, die es gab, nannten sich „strenge Vegetarier“, fanden aber selbst beim 1892 aus unter anderem dem „Verein für natürliche Lebensweise“ hervorgegangenen Deutschen Vegetarier-Bund (VEBU, heute ProVeg) wenig Gehör. Nichtsdestotrotz ernährte sich ab 1918 eine Weile ein sehr großer Teil der Bevölkerung nahezu vegan, allerdings nicht ganz freiwillig: Der erste Weltkrieg hatte schlicht einen Mangel an Tierprodukten zur Folge gehabt. 1931 schließlich war jedoch der damalige VEBU-Vorsitzende Bruno Wolff eine der ersten pro-veganen Stimmen in Deutschland, wobei er natürlich noch nicht das Wort „vegan“ benutzte, das, wie oben erwähnt, erst ein gutes Jahrzehnt später in England erfunden wurde. Unter Wolff, der einen „neuen, zukunftsweisenden Hochvegetarismus“ postulierte, in dem „überhaupt nichts mehr vom Tier“ konsumiert werden sollte (statt wie zuvor nur „nichts vom toten Tier“), begann sich der VEBU zunehmend auch auf ethische Argumente zu konzentrieren. Das darauffolgende stockdunkle Kapitel der deutschen Geschichte, das Dritte Reich, machte derlei Bestrebungen allerdings zunächst wieder zunichte, auch wenn der Deutsche Vegetarier-Bund anfangs durchaus noch große Hoffnungen in den neuen „Führer“ Adolf Hitler (1889-1945) setzte und glaubte, er könne die gesamte Tierwirtschaft einfach abschaffen. Tatsächlich aber waren den Nationalsozialisten vegetarische Organisationen ein Dorn im Auge, da ihnen deren pazifistische Ausrichtung suspekt erschien. Übrigens war, auch wenn es häufig behauptet wird, Hitler kein Vegetarier, er ernährte sich nur zeitweise fleischlos, um zum Beispiel seine Blähungen in den Griff zu bekommen. Um der Gleichschaltung durch die NSDAP, die eine Zusammenführung aller Vegetarierverbände zur Deutschen Gesellschaft für Lebensreform plante, zuvorzukommen, löste sich der Deutsche Vegetarierbund 1935 auf und fand sich 1946 als Vegetarier-Union Deutschland neu zusammen. Eine Blütezeit des Vegetarismus oder gar Veganismus waren die folgenden 1950er Jahre freilich nicht: Während der sogenannten „Fresswelle“, mit der der rasant steigende Wohlstand gefeiert und sicher so manches Kriegstrauma oder Schuldgefühl verdrängt wurde, gehörte Fettiges und Fleischiges einfach dazu, seien es nun deftige Sonntagsbraten, Buttercremetorte, Eierlikör, Mayonnaise oder Toast Hawaii. Erst in der 1960ern wurde das Interesse für Vegetarismus wieder größer, wenngleich es unter den Vegetarier*innen immer noch recht wenig gab, die sich für eine komplett tierproduktfreie Ernährung aussprachen. Einer dieser wenigen war der Theologe Carl Anders Skriver (1903-83), der als 17-Jähriger nach der Lektüre von Buddhas Schriften Vegetarier geworden war, mittlerweile „aus moralischen, tierfreundlichen Gründen auf Leder“ verzichtete und der, wie es ein Autor der Zeitschrift Der Spiegel damals nannte, es liebte, „über den Buchmarkt Unruhe ins Volk zu tragen.“ Stein des Anstoßes war Skrivers 1968 erschienenes Buch „Der Verrat der Kirchen an den Tieren“. Er und seine spätere Ehefrau Käthe Schüder, die 1962 das Kochbuch „Vegan-Ernährung“ herausbrachte, waren die ersten, die den in England etablierten Begriff „vegan“ nach Deutschland brachten. Bis heute oft zitiert ist Skrivers Bild von der „weißen Milch, an der rotes Blut klebt“. Ohne solche „Unruhestifter“ wäre die vegane Bewegung heute sicher nicht da, wo sie ist, auch wenn es noch einige Jahrzehnte dauern sollte, bis die Deutschen mit dem Begriff „Veganismus“ oder der dahintersteckenden Philosophie etwas anfangen konnten. Aufschwung bekam die Bewegung im neuen Jahrtausend, als sich immer mehr bekannte Gesichter (etwa der Musiker Moby) für eine vegane Lebensweise einsetzten und die US-amerikanische Sozialpsychologin Melanie Joy (verheiratet mit dem deutschen ProVeg-Geschäftsführer Sebastian Joy) den so spannenden wie treffenden Ausdruck des Karnismus prägte: In ihrem Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Karnismus – eine Einführung“ erläutert sie sehr anschaulich, dass hinter dem Konsum tierischer Produkte eine Ideologie steckt, die ihn als „natürlich, normal und notwendig“ erachtet – eine Position, die die wachsende Zahl der Veganer*innen Lügen straft. Die Geschichte des Veganismus schreiben wir nun alle gemeinsam weiter. Wie, dazu findest du unter anderem in diesem Magazin einige Anregungen.