Back to the Roots: Welches Potenzial hat die Hanfpflanze?

Hanf - Potenzial oder Reinfall?

Einst als Heil- und Nutzpflanze hoch geschätzt, verlor Hanf im Industriezeitalter seinen Wert. Heute erinnern wir uns wieder an sein enormes Potenzial.

Von: Kim Löwer

Cannabis, Marihuana oder einfach nur Hanf – eine Pflanze, die Verwendung in der Medizin, als Baustoff, als Papierlieferant, in der Ernährung, in Beautyprodukten, als Textillieferant und sogar als Ersatz für Erdöl findet. Ihre Aufgaben in diesen Gebieten löst sie zuverlässig. Ist diese Pflanze also viel mehr als „guter Shit“? Tauchen wir doch ein in die Welt des Hanfs, in die Welt einer Pflanze, die mit all ihren Bestandteilen dem Menschen von Nutzen ist. Blüten, Blätter, Stängel, ja sogar Wurzeln können zu Produkten verarbeitet werden. Sie ist als älteste Kulturpflanze dem Menschen zu Diensten, vor mehr als 2.700 Jahren fand sie ihre erste schriftliche Erwähnung, eine Grabung in Thüringen belegte den frühesten Fund von Hanfsamen und beziffert ihn auf 5.500 v. Chr. (Quelle: hanfkultur.com) Apropos Hanfsamen: Was heute wieder als Superfood gilt, war schon vor Tausenden von Jahren lebensnotwendig: essenzielle Aminosäuren, Spurenelemente wie Kalzium, Magnesium, Eisen und Kalium sowie Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren. Eine Handvoll Samen decken den Tagesbedarf eines Erwachsenen. Ein vergleichbar ergiebiges Nahrungsmittel gibt es bis heute nicht. Von der Heilkraft der Hanfpflanze zeugen Schriften der Buddhisten, der Römer, der Griechen und Chinesen (Traditionelle Chinesische Medizin) und auch Hildegard von Bingen lobte sie. Mythisch betrachtet gilt der Hanf als Portal zu Götterwelt. So soll die Blütenessenz eine Verbindung vom Verstand zum Unterbewusstsein herstellen und wurde zur Stärkung der Intuition eingesetzt.

BLÜTEZEIT UND FALL
Im 17. Jahrhundert erlebte Hanf seine Blütezeit in Europa und Nordamerika, besonders in der Schifffahrt als Segel, Schiffstuch und Leinen und in der Textilund Bekleidungsindustrie, dank seiner wasserabweisenden Eigenschaften und der Reißfestigkeit seiner langen Fasern.
Die erste Blue Jeans? Aus Hanf! Die erste Gutenberg-Bibel? Aus Hanf! Die erste, noch heute gültige, amerikanische Verfassung? Gedruckt auf Hanfpapier! Und Henry Ford? Der baute ein Auto mit einer Karosserie aus Hanf, das mit Hanfbenzin fahren konnte. Die Pflanze, ein Tausendsassa, ein ökologischer Engel, denn Abfallprodukte gibt es keine. Cradleto-Cradle sozusagen. Doch, wie kam es dazu, dass eine Pflanze so in Verruf kam? Es begann mit dem Boom und der Macht der Erdölindustrie Mitte des 20. Jahrhunderts, durch die Baumwolle wurde Hanf aus der Textilindustrie vertrieben, Nylon und Holz ersetzten Hanf in der Papier- und Kunststoffgewinnung. Mit der Reduzierung auf die Droge Marihuana wurde die Blütezeit des Hanfs nun endgültig beendet. „Der Genuss des Rauschmittels mache schwachsinnig und sei gefährlicher als Kokain und Opium“ hieß es in dem US-Aufklärungsfilm „Reefer Madness“ und erreichte so, dass die Pflanze bald auf der ganzen Welt verschrien war. Bis heute ist der Konsum, Besitz und Verkauf von Cannabis in Deutschland verboten, bis auf die Ausnahme von medizinisch verordneten Hanfblüten-und Blättern, die Cannabis-Patient*innen über Apotheken beziehen können. Eine Pflanze, zwei Gesichter, denn der Konsum der THC-haltigen Bestandteile der Pflanze kann abhängig machen. Laut Hochrechnungen des Epidemiologischen Suchtsurveys sollen etwa 268.000 Menschen in Deutschland cannabisabhängig sein. Der Deutsche Hanfverband hingegen betont, dass nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip geforscht werden müsse. Was war zuerst da, die Sucht oder die psychisch, emotionale Krankheit? Der THC-Wirkstoff kann Menschen, die ohnehin mit Depressionen, Burnout, Traurigkeit und Destruktivität zu kämpfen haben, noch tiefer hinabführen. Vor allem bei Jugendlichen ist das Gehirn noch nicht vollständig entwickelt: Dort,wo das THC (Tetrahydrocannabinol) andockt, nämlich am Hippocampus, jener Hirnregion die für die Verarbeitung von Emotionen und Lernprozessen zuständig ist, kann es Schäden anrichten.

SORTEN, AUFBAU,WIRKSTOFFE
Doch jeder Mensch reagiert anders auf bestimmte Substanzen. Des einen Freud‘ ist des anderen Leid. Um dies besser zu veranschaulichen, muss sowohl die Einzigartigkeit eines jeden Menschen als auch die Hanfpflanze in ihren Wirkstoffen und Bestandteilen verstanden werden. Zunächst wird Hanf in seinen Sorten unterschieden: Cannabis Sativa, Cannabis Indica und Cannabis Ruderalis. Diese Sorten unterscheiden sich in ihren Wirkstoffen, im Geruch und in Eigenschaften beim Wuchs. Die Sorte Sativa stammt ursprünglich aus äquatornahen Gebieten wie Mexico, Thailand oder dem südlichen Indien. Cannabis Sativa hat einen hohen, fedrigen Wuchs, was sie zur idealen Nutzpflanze z.B. für die Textilindustrie macht. Der Genuss der Blüten dieser Gattung ist verantwortlich für das typische „High“, wirkt motivierend und führt schließlich zum Heißhunger, was sich medizinisch angewendet bei Krankheiten die mit Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
einhergehen, wie z.B. Aids oder Krebs, positiv auf die Heilung auszuwirken scheint. Die Sorte Cannabis Indica stammt wohl ursprünglich vom asiatischen Subkontinent Indien oder auch aus Afghanistan. Die Wuchsform der Indicas ist sowohl buschiger als auch kleiner als die der Sativas. Die Blätter der Indicas sind von einem dunklerem Grün und insgesamt wirkt sie gedrungener. Die meisten Indicas weisen einen etwa gleich großen Anteil an allen Cannabinoiden (CBD, CND und THC) auf, während die Sativas einen höheren THC-Gehalt produzieren. Die Wirkung von Indicas führt, konträr zur Wirkung der Sativas, zum „Stoned -Sein“, diese Sorte wirkt sich also eher auf den Körper aus. Ihr schreibt man u.a. Eigenschaften wie schmerzlindernd, beruhigend bei Stress und Angst und entzündungshemmend zu. Die letzte im Bunde ist die Cannabis Ruderalis – die einerseits die nordische Abwandlung der Indica oder aber auch die Urform aller Cannabis-Sorten darstellen könnte, hier sind sich Forschung und Wissenschaft uneins. Cannabis Ruderalis ist eine, im Vergleich zu den anderen Gattungen, anspruchslose Sorte, die nahezu überall wächst und zur Entwicklung ihrer Blüten nicht unbedingt auf eine gewisse Anzahl von Sonnenstunden angewiesen ist, sondern nach etwa vier Wochen wie von selbst blüht. Die Ruderalis ist extrem robust, von kleinem Wuchs und weist einen geringen THC-Gehalt (unter drei Prozent) aber einen hohen CBD-Gehalt auf, was sie besonders für die medizinische Verwendung interessant macht.

LINDERUNG DURCH HIGH
Die Forschung ist dazu übergegangen, Hybride aus den verschiedenen Sorten zu züchten, um aus all ihren Vorteilen zu schöpfen, mit dem Ziel, hochwirksame, widerstandsfähige Pflanzen zu bekommen. Hierfür gibt es z.B. in Holland hochtechnisierte Gewächshäuser, in denen unter strenger Aufsicht und Kontrolle Abertausende von Pflanzen wachsen. Seit dem 10. März 2017 dürfen nun Ärzte Cannabis als Blüten und Extrakt auf Rezept verschreiben.
Mit etwa 60 Euro pro fünf Gramm müssen die Patienten rechnen, und derer gibt es viele in Deutschland. Alleine im Jahr 2018, also ein Jahr nach der Gesetzesänderung, erreichten die großen Krankenversicherungen 18.400 Anträge auf Kostenübernahme von CannabisMedizin. Schätzungen zufolge dürften es deutschlandweit etwa 40.000 Patienten geben. Es sind Patienten mit Krankheiten wie Multipler Sklerose, Epilepsie, Krebs oder Autoimmunerkrankungen sowie weitere. Noch sieht die deutsche Gesetzgebung eine Legalisierung des Eigenanbaus nicht vor, weswegen deutsche Patienten auf Auslandsimporte hoffen müssen. Nach Berechnungen der Import-Länder wie Holland, Kanada oder Israel gibt es in Deutschland derzeit einen Bedarf an medizinischem Cannabis bei 80.000 bis 1,6 Millionen Deutschen. (Quelle: www.alternativerdrogenbericht.de) Auf Basis dieser Informationen besteht bei den deutschen Cannabis-Patienten eine Unterversorgung.

HANF MACHT SCHÖNER
Wo es der Hanfpflanze leichter gemacht wird, Wurzeln zu schlagen, ist im Beauty- und Ernährungsbereich. Hanfsamen oder auch Hanfnüsse genannt, gelten als Superfood und finden sich in Smoothies, Riegeln, Hanfdrink oder als Gemüse-Hanf-Puffer wieder. Hier werden Samen des Nutzhanfs, also Sorten mit weniger als 0,2 Prozent THC-Gehalt verwendet. Hanf, das nicht berauscht, aber lecker und nahrhaft ist. Nahrhaft sind auch die Beautyprodukte aus der Wunderpflanze und wieder ist es der Entzündungshemmer Cannabidiol (CBD), der Haut und Haare schützt und pflegt. CBD bremst eine Überproduktion von Talg, wirkt gegen unreine Haut und Rötungen und kommt mit einem Extra Feuchtigkeitsbooster daher. Zu guter Letzt bleibt noch zu erwähnen, dass CBD-Öl dank seiner entkrampfenden Wirkung Frauen mit Menstruationsbeschwerden helfen kann. Und heißt es nicht, dass gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist? Nun, Hanf scheint wohl ein Kraut gegen viele Krankheiten zu sein und fast hört man die uralte Pflanze flüstern: „Menschen, kehrt um, kehrt um zur Natur und bedient euch an ihr, werdet heil durch sie.“ Ist es also vielleicht an der Zeit, die Schatzkiste der Heilpflanzenwelt zu öffnen und sie achtsam und weise zu verwenden …?