
In Tierheimen warten unzählige Hunde und Katzen darauf, ein neues Zuhause zu finden, in dem sie glücklich werden können. VEGAN WORLD sprach mit Svenja Gruszeczka, der 1. Vorsitzenden von Hunderettung Europa e.V., über das Leben von Straßenhunden, seriöse Tierschutzarbeit und wie man das „Perfect Match” von Hund und Mensch findet.
Fotos: Hunderettung Europa e.V.
Im Vorgespräch sagtest du, dass du nicht nur im Tierschutz aktiv bist, sondern auch vegan lebst. Wie kam es dazu, dass du dich hauptberuflich der Rettung von hilfsbedürftigen Hunden und Katzen widmest?
Ich war schon immer tierlieb und hatte auch schon mit acht Jahren aufgehört, Fleisch zu essen – aus Tierschutzgründen. Damals war das natürlich noch nicht so klar kommuniziert, aber für mich stand fest: Ich möchte keine Tiere essen, weil das ja meine Freunde sind. Zudem hatten wir immer einen Hund aus dem Tierheim. Für meine Familie galt stets: Wenn wir einen Hund aufnehmen, dann aus dem Tierheim. Nach der Schule bzw. während des Studiums fing ich an, in einem städtischen Tierheim in Deutschland zu arbeiten, weil ich etwas Gutes für Tiere tun wollte, was aber auch gleichzeitig zu meinem Studium der Öffentlichkeitsarbeit passte. Ich habe damals fürs Tierheim eine Facebook-Seite aufgebaut und viele Jahre ehrenamtlich betreut. Zu jener Zeit steckte Facebook noch in den Kinderschuhen. Über das Tierheim habe ich dann Carina, die jetzige 2. Vorsitzende unseres Vereins, kennengelernt. Sie war Gassigängerin und hatte auch im Tierheim mitgeholfen. Irgendwann adoptierte sie ein Tier aus dem Ausland und lernte über Facebook eine Tierschützerin aus Rumänien kennen, die uns fragte: „Wollt ihr nicht mal nach Rumänien kommen?“ Dann sind wir beide los – und da haben wir die rumänische Tierschützerin persönlich kennengelernt, die Tierheimleiterin von unserem jetzigen Partnertierheim.
Wie viele Tiere betreut ihr denn im Moment?
Ca. 400 Hunde und 100 Katzen sind derzeit im Tierheim. Bei uns arbeiten über 300 Ehrenamtler und Ehrenamtlerinnen
„Adopt, don’t shop!“ Ihr plädiert dafür, Hunde aus dem Tierschutz zu adoptieren, anstatt Tiere zu kaufen.
Ja, genau. Wenn man möchte, findet man wirklich jedes Tier im Tierheim – ganz gleich, ob man Anfänger oder hundeerfahren ist. Allein bei uns sind schon 400 Hunde und wir sind nur ein Verein von vielen. Es gibt wirklich sowohl in Deutschland als auch im Ausland so viele Tiere, die ein Zuhause suchen, in dem sie sich wohlfühlen können: Welpen, ganz liebe Hunde, souveräne Hunde, Familienhunde – da ist wirklich für jeden etwas dabei. Man kann also beispielsweise erst mal im jeweils örtlichen Tierheim gucken – aber wenn man da nicht fündig wird, dann kann man natürlich auch sehr gerne im Ausland Ausschau halten.
Ihr seid vorwiegend in Rumänien aktiv. Rettet ihr hilfsbedürftige Tiere von der Strauße?
Ja, wir retten sie von der Straße oder aus Tötungsstationen aus Rumänien. Dort ist es so, dass Hundefänger Tiere einfangen und sie in Tötungsstationen bringen, wo sie nach Ablauf einer Frist, meistens 14 Tage, getötet werden dürfen. Immer, wenn wir einen Platz im Tierheim frei haben, nehmen wir Hunde von der Straße auf, wenn wir welche finden, die gerade Hilfe brauchen. Oder wir gehen dann in die Tötungsstationen und holen da die Hunde raus.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Tötungsstationen?
Sie müssen uns akzeptieren und müssen uns erlauben, dass wir Hunde da rausholen. Also: Sie nehmen es hin und lassen uns rein. Unser Ziel ist dennoch, dass die Tötungsstationen schließen müssen – das wissen die natürlich auch. Das heißt: Wenn jemand einen Hund aus unserem Tierheim adoptiert und so ein Platz frei wird, kann direkt ein Hund von der Straße oder der Tötungsstation gerettet werden.
Wenn man sich für einen Hund aus Rumänien entscheidet, wie kommt er nach Deutschland?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Du kannst einen Hund von einer Pflegestelle adoptieren, dann ist der Hund schon in Deutschland. Das ist jemand, der ehrenamtlich den Hund bei sich aufnimmt und die ersten Wochen gemeinsam mit ihm verbringt, bis er adoptiert wird. Oder man kann auch direkt aus Rumänien adoptieren. Wenn man sich für Letzteres entscheidet, wird man erstmal von unserem Team beraten. Wir schauen: Welcher Hund passt zu dir? Nicht nur vom Aussehen! Manchmal denkt man ja: „Boah, den finde ich total süß“ Aber eigentlich passt das Tier gar nicht zu den Lebensumständen.
Nehmen wir mal ein junges, aktives Paar, sportlich, beide sind aber Hundeanfänger…
Die bräuchten dann einen aktiven, souveränen und gleichzeitig anfängerfreundlichen Hund. Wir haben ein Team aus Hundetrainern, das die Hunde einschätzt und das Vermittlungsteam berät die Adoptanten. Wenn alles in trockenen Tüchern ist, also alle Vorgespräche und ein Besuch zu Hause stattgefunden haben, und alle glücklich mit der Adoption sind, dann kommt der Hund mit einem Transporter nach Deutschland. Der Transporter nennt sich „Roadtrip to Happiness“. Der Hund reist mit anderen Hunden zusammen hierher und wird dann an den Adoptanten übergeben.
Also der kommt dann über den Landweg nach Deutschland…
Ja, bei Rumänien ergibt das Sinn. Fliegen dauert genauso lange und ist grundsätzlich sehr stressig für Hunde. Im Flugzeug können Hunde sterben, wenn die Boxen zugestellt werden und die Hunde keine Luft bekommen. Bei den Landtransporten wird ein spezielles Transportunternehmen beauftragt. Das sind Unternehmen, die nur darauf spezialisiert sind, Hunde zu transportieren. Es gibt fest installierte Boxen, eine Klimaanlage und auch eine Heizung. Hinten bei den Hunden sitzt immer eine Tierschützerin, die aufpasst, dass es den Tieren gutgeht. Klar, es bleibt stressig für die Hunde, aber das ist in diesen Fällen der sicherste Weg.
Das heißt, dass man auch an der Transportweise die Seriosität des Anbieters erkennen kann…
Auf jeden Fall. Weniger seriös: ein kleiner Klappertransporter ohne Klimaanlage im Sommer. Da sollte man sich Gedanken machen. Wenn der Hund ankommt, wird bei uns auch noch mal der Pass des Adoptanten kontrolliert. Stimmen die Daten überein? Der Hund wird nicht irgendwem übergeben! Manchmal geht es auch einfach nicht. Dann wünscht man sich so sehr einen Hund, aber er passt aktuell nicht ins Leben und dann dürfen wir auch als Tierschutzverein auch sagen: „Nein, das funktioniert gerade nicht, weil es doch gewisse Punkte gibt, die erfüllt sein müssen.“ Ein Hund sollte beispielsweise nicht acht Stunden täglich alleine sein.

Ihr lehnt also auch Interessenten ab?
Ja, ganz viele. Bestimmt mehr als die Hälfte wird abgelehnt. Bisher findet die Vermittlung rein nach Deutschland statt. Wir würden gerne erweitern, beispielsweise um die Niederlande oder die Schweiz. Das dauert. Man braucht ja ein Netzwerk, das man erst aufbauen muss. Für uns ist es ganz wichtig, dass keiner unserer Hunde nach Deutschland kommt und die Menschen dann unzufrieden mit ihm sind. Wir sind immer für die Adoptanten. Neben der ausführlichen Beratung und einer Direktadoption aus Rumänien, ist es auch möglich, einen Hund vorher erst mal in Ruhe persönlich kennenzulernen. Wir haben Pflegestellen in ganz Deutschland, auf denen Hunde zur Vermittlung sind, und wir arbeiten auch mit deutschen Tierheimen zusammen, die, wann immer Platz ist, Hunde von uns aus dem rumänischen Tierheim aufnehmen und sie dann selbst vermitteln. Das Ziel ist schon, das „Perfect Match“ von Hund und Mensch zu finden. Das ist für mich Tierschutz und das unterscheidet ja einen Tierschutzverein von einem Tierhändler, denn der möchte seine Tiere loswerden und damit Geld verdienen. Ein Tierschutzverein möchte, dass es dem Tier ein Leben lang gutgeht. Daher warten wir auch zuweilen mal lieber ein paar Monate, bis sich das ideale Team von Hund und Mensch findet.
Es gibt ja das Vorurteil, dass Tiere aus dem Tierschutz oft verhaltensgestört sind. Was sagst du dazu?
Nein, das ist nicht so. Man kann den Hund ja auf der Pflegestelle kennenlernen und sich selbst davon ein Bild machen. Und: Wir beraten auch. Der Hund soll glücklich werden und nicht bei Menschen sein, die mit einer Auffälligkeit nicht umgehen können.
Gibt es eigentlich noch etwas, das dich schockiert?
Ich lese immer wieder, dass Menschen schreiben: „Ich könnte das nicht. Ich könnte nicht in Tötungsstationen gehen.“ Das ist wirklich hart, dort hinzugehen und zu wissen: Du kannst da hingehen und ein paar Hunde rausholen, aber ein Großteil der Hunde, die du jetzt siehst, wird sterben. Wenn ich hilfesuchende Hunde auf den Straßen sehe, das ist wirklich schlimm für mich. Das macht mich auch jedes Mal emotional, aber man lernt mit der Zeit, damit besser umzugehen. Ich würde trotzdem nicht sagen, dass man abstumpft. Ich finde es wichtig, dass man es nach wie vor fühlt. Es ist schrecklich und natürlich ist es auch der Motor, der mich antreibt, weil ich das Leiden für die Tiere beenden möchte. Nur für die eigene seelische Gesundheit ist notwendig, eine Balance für sich zu finden. Den Tipp gebe auch unserem Team: Man sollte sich auf die Erfolge konzentrieren. Wenn wir in eine Tötungsstation gehen, ist es immer emotional für mich. Bei mir fließen jedes Mal die Tränen. Aber danach konzentriere ich mich einfach auf die Hunde, die wir retten konnten.
Gehst du mit deiner Alltagskleidung in die Stationen?
Nein, wir ziehen Schutzanzüge an und danach desinfizieren wir uns bis Kopf bis Fuß, weil erfahrungsgemäß viele potenzielle Krankheitserreger dort sein können – und wir wollen ja nicht nur uns schützen, sondern auch die Tiere bei uns im Tierheim. Dementsprechend setzen wir auf Schutzkleidung.

Hattest du mal das Gefühl, dass etwas nicht nur traurig, sondern auch gefährlich war?
Ja, ganz oft sogar. Wir machen vor Ort in Rumänien auch Aufklärungsarbeit und setzen auf Kastrationen. Eigentlich ist das einer der wichtigsten Bestandteile – weil das nachhaltiger Tierschutz ist. Das schaffen wir aber nur, wenn wir mit den Menschen vor Ort zusammenarbeiten. Wir gehen von Tür zu Tür, klären die Menschen auf, wie wichtig es ist, die Tiere zu kastrieren und sprechen über Tierschutz. Wenn man zum ersten Mal in Regionen unterwegs ist, in denen das Bildungsniveau eher niedrig ist, und die Menschen in ökonomisch schwierigen Umständen leben, dann empfangen sie uns natürlich nicht mit offenen Armen. Wir wurden auch schon mit Steinen beworfen. Wir sind regelmäßig mit Polizeischutz unterwegs und mussten uns schon häufiger zurückziehen. Aber: Wenn wir einmal sozusagen den Fuß in der Tür haben und die Menschen uns kennenlernen und merken, dass wir nicht gegen sie sind, sondern ihnen die Hand reichen und sie unterstützen möchten, dann werden wir mit offenen Armen empfangen.
Warum bedeutet Kastration Tierschutz?
Das Hauptproblem sind die Höfe. Die dort lebenden Menschen haben vier bis sechs Hunde und 15-30 Katzen. Die Hunde dienen dazu, den Hof vor Bären und Wölfen zu schützen und die Katzen, Mäuse zu fangen. Hunde und Katzen sind dort Nutztiere. Wie bei uns andere Tiere, die als Nutztiere gelten. Deswegen werden sie auch anders behandelt, als wir jetzt ein Haustier behandeln würden. Die Höfe sind tagsüber offen, d.h. die Hunde treffen sich wiederum mit den anderen Hunden aus der Nachbarschaft und daher entstehen ganz viele Hunde- und Katzenbabys. Diese landen dann meistens auf der Straße, denn wer soll sie alle beherbergen? Geld für den Tierarzt ist oftmals nicht da. So entsteht eigentlich das Straßenhundeproblem. Die Tötungsstationen fangen die Straßenhunde ein und töten sie. Das löst aber aus unserer Sicht nicht das Problem. Wenn wir kastrieren, dann reduziert sich die Anzahl der Straßenhunde. Wenn wir längere Zeit in einem Viertel aktiv sind, gibt es deutlich weniger Straßenhunde.
Welche Art der Unterstützung benötigt ihr?
Natürlich sind wir auf Spenden angewiesen. Man kann auch monatliche Patenschaften im Tierheim für die Tiere übernehmen. Oder man kann ehrenamtlich vom Home Office aus aktiv sein, in einem Bereich, der einem Spaß macht. Das kann z.B. in dem Bereich sein, in dem man gerade studiert und Berufserfahrungen sammeln möchte. Alternativ kann das Ehrenamt auch ein Ausgleich zur Arbeit sein. Wir benötigen grundsätzlich Unterstützung für Social Media, Back Office, Grafik, Webseite oder die Vermittlung von Tieren – die Jobs sind so vielfältig. Man muss nicht aus dem Tierschutz kommen – das sind die wenigsten.
Was plant ihr zukünftig?
Wir möchten gerne hier in NRW ein Tierschutzheim eröffnen, in dem wir auch Tiere aus dem Ausland direkt bei uns aufgenommen können und hier weitervermittelt werden können. Dann soll es auch eine Station für Wildtiere geben, z.B. wenn ein Igel oder ein Vogel Hilfe braucht. Es soll einen Bereich für gerettete Nutztiere wie Ziegen, Schweine und Schafe geschaffen werden – ich mag den Begriff nicht, aber er ist ja gängig. Außerdem soll es einen Bereich geben, in dem wir Schulungen für andere Tierschutzorganisationen geben. Das machen wir jetzt schon online, um auch Organisationen, die kleiner sind, zu helfen. Am Ende des Tages gibt es im Tierschutz so viel zu tun und wenn wir uns gegenseitig unterstützen, kommen wir weiter. Der Hof soll eine Art Begegnungsstätte für Erwachsene, Jugendliche und Kinder sein. Toll wäre eine Tierschutzjugend und ein Seniorennachmittag. Wir würden gerne nicht nur über Tierschutz von Hunden sprechen, sondern auch über Tierschutz im Allgemeinen. Wir möchten gerne mit positivem Beispiel vorangehen: Auf all unseren Festen und Veranstaltungen gibt es nur veganes Essen. Und nehmen wir das rumänische Team: Wenn man in unserem Partnertierheim hilft, kann man kostenlos in einer Tierheim-Wohnung wohnen und die kostenlose Verpflegung ist auch immer komplett vegan. Natürlich ist nicht jeder vegan, aber wir würden gerne kleine Denkanstöße geben.

INFO: Die Mission von Hunderettung Europa e.V. hat die dauerhafte Veränderung und Verbesserung der Lebensbedingungen von Tieren zum Ziel. Dabei setzt sie auf vier Säulen: Retten, Vermitteln, Kastrieren und Aufklärung.
Gegründet wurde der Tierschutzverein Hunderettung Europa e.V. im Jahr 2019 von Svenja Gruszeczka und Carina Gohmann. Sie plädieren für: „Adopt, don’t shop“. Mehr unter hunderettung-europa.de
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