„Der Graslutscher“-Kolumne: „Veganer sind ja so naiv“

Kolumne:

Einer meiner Lieblingsvorwürfe ist ja, Veganer seien naiv. Wir würden uns das alles ganz einfach vorstellen in unserer knuddeligen Regenbogenwelt, wird mir gerne vorgeworfen. Und Ahnung von den Tieren und insbesondere von deren Bedürfnissen hätten wir schon mal gar nicht. Das höre ich vornehmlich von Menschen, die Hackfleisch für 1,99 Euro das Pfund und artgerechte Tierhaltung ohne Widerspruch für machbar halten. Süß.

Außerdem seien wir verwöhnte Großstadtkinder, die sich zu fein sind für das Leben auf dem Land und deshalb die harte Arbeit der Landwirte nicht nur nicht schätzen, sondern auch boykottieren würden. Da muss ich dann mal einhaken: Was glauben diese Leute eigentlich, von wem wir die vielen Tonnen Kartoffeln, Spinat und Grünkohl kaufen, die wir pro Jahr so verschlingen? Vielleicht von Landwirten? Wie man weiter vorne in dieser Ausgabe erfahren kann, gibt es ja außerdem jetzt schon Landwirte, die ihre Ernte biovegan produzieren, also ganz ohne Kuhscheiße oder andere tierische Ausscheidungen (den Schweiß auf der Stirn der Erntehelfer mal ausgenommen). Es versteht sich von selbst, dass ich diesen Landwirten jeden Euro Umsatz gönne.

Aber zurück zu den Bedürfnissen: Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Bedürfnisse bestimmter Tiere für die meisten Menschen doch gar keine Rolle spielen. Wie absurd ist es da, ausgerechnet Veganern vorzuwerfen, diese Bedürfnisse nicht zu kennen? Wer diese Darstellung für zu einseitig hält, der schaue mal, wie in Kinderbüchern erklärt wird, was eine Kuh ist: Großes Tier, oft schwarz-weiß, frisst Gras, gibt Milch.

Ach nee, schau mal an, die Kuh gibt Milch? Na potztausend, wer hätte das gedacht, ist ja auch ein Säugetier, überrascht das wirklich irgendwen? Nein, das überrascht niemanden, weil uns schon als Kind eingetrichtert wurde, dass eine Kuh eigentlich so was wie ein biologischer Milchautomat ist, nur leider mit allerlei nutzlosem Gewebe um Euter und Verdauungstrakt, den eigentlich niemand braucht. Zumindest behandeln Menschen Kühe, als wäre das so. Was macht die Kuh? Alle Finger der Klasse gehen nach oben „Sie gibt Milch!“. Na prima, damit wäre die biologische Klasse schon mal korrekt bestimmt. Hey, ihr Genies, das machen Spitzmäuse, Biber und Schweine auch.

Auf die Frage des Biologielehrers, was die Besonderheit von Wanderfalken ist, käme man mit der Antwort „die legen Eier“ hingegen nicht wirklich weit (hoffe ich), ist ja ähnlich offensichtlich wie „die atmen Luft“ oder „sie können Steine vollkacken“. Dass Kühe neben ihrer Fähigkeit, den eigenen Nachwuchs zu füttern, auch über ein komplexes Sozialverhalten und die Emotionen Angst, Schmerz und Trauer verfügen, fällt irgendwie immer hinten runter. Dass auch diese Tiere nur dann Milch geben, wenn sie Nachwuchs bekommen haben, und deswegen praktisch dauerschwanger gehalten werden und selbiger Nachwuchs getrennt von der Mutter gehalten wird, wissen erschreckend wenig Menschen.

Stattdessen bestellen sie einen Latte macchiato, schauen abschätzig auf meine Hafermilch und sagen, ich sei naiv, weil ich keine Ahnung von Tieren habe.