Rituale – Brückengeländer des Lebens

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Aus dem Archiv – dieser Artikel erschien erstmals in unserer Dezember/Januar-Ausgabe 2015/16:

Ob Kugeln am Baum oder Wunderkerzen in der Hand – gerade jetzt zum Jahresende haben Rituale wieder Hochkonjunktur. Doch auch in der übrigen Zeit sind sie unsere ständigen Begleiter. Warum eigentlich?

Von: Carmen Schnitzer

Im März 2013 verlor ich den Halt. Dabei war nichts Schlimmes passiert, im Gegenteil. Zwar hatte ich kurz zuvor nach acht Jahren im selben Betrieb meinen Job verloren, jedoch auf Anhieb einen neuen gefunden – bei einer vegetarischen Lifestyle-Zeitschrift, die sich damals noch in der Entwicklung befand … Die Kolleg*innen waren nett, die Arbeit machte Spaß, und mein Arbeitsweg hatte sich um zwei Drittel verkürzt, sodass ich morgens später aus dem Haus musste, was mir als Nachteule sehr entgegenkam. Und trotzdem – irgend etwas passte nicht. Ich fühlte mich schutzlos, taumelnd, unsicher. Und begann zu begreifen, was mir – unter anderem natürlich – in den vergangenen Jahren Halt gegeben hatte: der frisch gepresste Saft am Hauptbahnhof. Der Schwatz mit der Obstverkäuferin auf dem Erdinger Wochenmarkt. Ja sogar die letzten drei Züge im Münchner Dantebad, die ich nach dem Bahnenschwimmen im großen Becken im entspannten Massagepool stets auf eine bestimmte Weise zurücklegte.

Kleine Alltagsrituale. Die Wiederkehr des Immergleichen. Plötzlich waren sie weg, plötzlich war alles anders. Weder der Hauptbahnhof noch der Markt lagen noch auf meinem Arbeitsweg und weil ich morgens später im Dantebad weilte, störte der zeitgetaktete Strömungskanal, an dem ich vorbeischwamm, meine meditative Ruhe. Winzige Nebensächlichkeiten, möchte man meinen. Und doch hatten Sie die Macht, mein inneres Gleichgewicht deutlich zu irritieren. Obwohl ich eine Chaotin mit Freiheitsdrang bin, also niemand, der normalerweise darauf beharrt, dass „alles seine Ordnung“ haben müsse und sich niemals verändern dürfe.

Ich bin sicher, dass auch Sie solche liebgewonnenen Gewohnheiten haben, deren Bedeutung Ihnen vielleicht gar nicht so stark bewusst ist. Daneben werden sich in Ihrem Freundes- oder Familienkreis vermutlich kleine und große Rituale eingebürgert haben, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar oder verständlich sind. Und schließlich gibt es das Ganze natürlich auch im Großen – Tätigkeiten, die sich in unserer Gesellschaft eingebürgert haben, Feste, die wir alle auf ähnliche Weise begehen, Abschiede und Neuanfänge, die wir auf eine bestimmte Art zelebrieren, Fußballclubs, die wir mit Fangesängen und Torjubel bedenken, Liebe, die wir durch öffentlichen Ringtausch besiegeln …

Jede uns bekannte Kultur hat ihre Rituale. Sie scheinen also ein menschliches Grundbedürfnis zu befriedigen, das sich – anders als etwa Essen, Trinken oder Schlafen – nicht in erster Linie logisch erfassen lässt. Ein geschmückter Nadelbaum oder beringter Finger, ein Ball im Netz oder ein paar Wasserspritzer auf dem Sarg haben zunächst mal keinen ersichtlichen „Sinn“. Und dennoch halten wir daran fest, dennoch können wir uns der symbolischen Kraft eines Rituals nur schwer entziehen.
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