Iss dich wichtig!

294

Lange, bevor es Foodporn-Hashtags gab, war da die Ananas. Die schmackhafte Exotin galt im England und Frankreich des 18. Jahrhunderts als Inbegriff des Luxus sowie der Extravaganz, und wer seine Gäste besonders beeindrucken wollte, der stellte sie zur Zierde aufs festliche Buffet – vorausgesetzt er war wohlhabend genug, denn der Preis für diese Preziose war für Normalbürger geradezu unerschwinglich. So unerschwinglich, dass man die Früchte zeitweise sogar für die Dauer eines Festbanketts mieten konnte, ganz so wie heutzutage Designerkleider oder edle Colliers. Von der seinerzeit großen Bedeutung der Ananas zeugt heute noch der wohl berühmteste Tennispokal, die Wimbledon-Trophäe, deren Deckel eine stilisierte Form des begehrten Früchtchens schmückt.

Nun ist die Ananas ja durchaus sehr schmackhaft – was man z.B. von Pfauen und Schwänen eher nicht behaupten kann, wenn man den Überlieferungen dazu Glauben schenkt. Gekostet haben wir in der Veggie-Journal-Redaktion selbstverständlich nichts dergleichen und verzichten auch in Zukunft sehr gerne drauf. Dennoch ist es interessant zu wissen, dass das Fleisch dieser prächtigen Vögel recht zäh und madig beziehungsweise tranig schmecken soll, die Tiere aber dennoch auf kaum einer mittelalterlichen Festtafel fehlten. Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein galten derartige Braten als Delikatesse der Reichen und Adligen. Grund dafür ist zum einen ihre Schönheit – makabererweise steckte man sie nach dem Braten und Würzen zurück in ihr Federkleid –, zum anderen die Symbolkraft, die man ihnen zuschrieb. Der Pfau stand für das Unsterbliche, der Schwan für Frucht-barkeit. Vor allem aber waren beide nicht an jeder Ecke zu bekommen, womit die Verbindung zur Ananas hergestellt wäre: Was rar ist, ist teuer, ist imagefördernd.

Solch historische Anekdoten erscheinen uns heute recht kurios, doch bergen sie einen Kern, der sich auch auf das Hier und Jetzt übertragen lässt: Lebensmittel waren und sind immer – auch – Statussymbole. Was wir in den Einkaufswagen packen, mit welchen Pülverchen und Kräutern wir unser Gewürzregal bestücken und was wir im Restaurant bestellen, hat Einfluss darauf, wie wir wahrgenommen werden und so wird auch auf diesem Gebiet bisweilen getrickst und gemogelt, was das Zeug hält. Zwar mieten wir heutzutage keine Südfrüchte mehr, um Eindruck zu schinden, stattdessen aber fotografieren wir eifrig unser Mittagessen, jagen die Bilder durch einen Filter, bearbeiten sie sorgfältig und posten die Köstlichkeiten auf den Online-Portalen unseres Miss-, Pardon Vertrauens. Gesund, aber üppig, regional, aber exklusiv, edel, aber bodenständig, soll es wirken, das perfekte Food-Foto, von dem wir uns Likes erhoffen und mit dem wir unser Image vom bewusst konsumierenden Genussmenschen formen und aufrechterhalten wollen. Versuchte man beim mittelalterlichen Schauessen noch, sich gegenseitig mit immer opulenteren Fleisch-, Obst- und Geflügelbergen zu übertrumpfen, konkurrieren wir heute bei Instagram, Pinterest & Co. um die Gunst und den virtuellen Beifall unseres Publikums.

Ich esse, also bin ich

Warum aber ausgerechnet Essen? Womöglich, weil es so viel über unseren Charakter aussagt wie kaum ein anderer Gebrauchsgegenstand und kaum eine andere Tätigkeit. Wir beeinflussen, was wir essen, und was wir essen, beeinflusst, wer wir sind. Und gerade weil jeder Mensch auf irgend eine Weise Nahrung aufnehmen muss, werden die Unterschiede zwischen den einzelnen Personen auf diesem Gebiet so deutlich wie nirgendwo sonst. Unsere Ernährungsweise gibt über viele Fragen Aufschluss und so formt sich daraus ein Gesamtbild der individuellen Persönlichkeit: Wie viel Geld habe ich zur Verfügung? Wie wichtig ist mir Genuss? Wie gut kann ich mich disziplinieren? Wie möchte ich aussehen und was bin ich bereit, dafür zu opfern? Schwimme ich im Mainstream oder habe ich einen außergewöhnlichen Geschmack? Kann ich kochen oder nur Packungen aufreißen? Mit wem setze ich mich an den Tisch, koche ich hauptsächlich mit Freunden oder schnibbele ich auch mal Gemüse für mich allein? Kenne ich die wichtigsten Trends, den Nährwert meiner Pizza und richte ich mich danach? Oder gerade nicht? Hat mir Liebeskummer auf den Magen geschlagen, stopfe ich aus Frust eine Schachtel Pralinen in mich hinein? Und, immer wichtiger heutzutage: Ist mir die Natur und meine Gesundheit wichtig?

Da kommen wir zum nächsten Punkt: Welches Essen als Statussymbol gilt, sagt natürlich immer auch etwas aus über den Zeitgeist – der heute stark geprägt ist von Umweltbewusstsein und Körperkult. Apropos: Die Symbolkraft eines Lebensmittels ist auch eng verknüpft mit dem menschlichen Schönheitsideal der jeweiligen Epoche (einem Aspekt, dem wir uns in unserer Ausgabe 5/14 eingehender gewidmet haben). Außerdem natürlich, wie könnte es anders sein, mit Geld – stand in der Renaissance ein runder Bauch und ein feistes Kinn noch für üppigen Wohlstand, sind es heute schlanke, gestählte Körper, die signalisieren: Ich habe Geld für Fitnessstudio, Ernährungsberatung und Biogemüse. Damals galt es als schick zu schlemmen, was das Zeug hielt, heute gönnt sich die feine Gesellschaft Fastenkuren im Wellnesstempel und nuckelt gepflegt am naturbelassenen Kokoswasser. Stand noch vor wenigen Jahrzehnten der industrielle Fortschritt im Mittelpunkt des Interesses, galt Convenience Food als begrüßenswerte Errungenschaft, so zeichnet sich die gebildete „Oberschicht“ heutzutage dadurch aus, dass sie möglichst „natürlich“ isst, back to the roots, Omas Einweckgläser gelten plötzlich als schick. Paradoxerweise stellen sich die Verhältnisse immer wieder in der Geschichte auf den Kopf. Helles Brot aus fein gemahlenem Weizenmehl etwa war im Mittelalter den Reichen vorbehalten, während die arme Bevölkerung zu billigerem, grobem Roggenbrot griff. Denken wir dagegen heute an „gutes“ Brot, haben die meisten von uns wohl eher schwere, dunkle und körnige Sorten im Kopf. War einst der rotbackig-gewachste, makellose Riesen-Apfel das Maß aller Dinge, wird heute für den leicht angeschrumpelten, kleinen Bio-Bruder teures Geld bezahlt. Und nirgendwo zeigt sich die Umkehrung des Lebensmittel-Images so deutlich wie beim Fleisch. Einst kostbar und das Gegenteil eines „Arme-Leute-Essens“, sind es heute vor allem die bildungsfernen, ärmeren Schichten, bei denen täglich Fleisch und Wurst auf den Tisch kommen, lächerlich niedrigen Discounterpreisen und fragwürdigen Subventionierungen sei Dank.

Chia-Glamour  und goldene Gurken

Um auf die eingangs erwähnten Pfauen und Schwäne zurückzukommen – auffallend ist: Eine Frage des Geschmacks ist es nur bedingt, welches Lebensmittel zum Must-have erkoren wird. Beziehungsweise – auch unser Geschmack wird geschult von unserem Denken, Wissen und unserer Erfahrung. Hätten wir vor zwanzig Jahren auch schon behauptet, dass kaltgepresste Säfte aus Sellerie, Apfel, Gurke und Ingwer uns ganz vorzüglich schmecken oder hätten wir da lieber zum guten, alten Multivitamingetränk gegriffen? Hätten wir Chia-Glibber damals schon so geliebt wie heute oder schmeckt uns der Superfood-Pudding nur deshalb so gut, weil er uns Fitness verspricht und die Körnchen überdies weitaus teurer und exklusiver daherkommen als die ebenfalls nährstoffreichen, aber doch etwas unglamourösen Leinsamen im Hafermüsli? Wir können nur mutmaßen und gespannt sein, wie sich unser Ernährungs- und Trendbewusstsein entwickelt.

Der 2013 erschienenen Studie „Konsumentenfrühling“ des Gottlieb Duttweiler Insitute zufolge wird Essen in den kommenden Jahren mehr denn je zum Statussymbol. Sich kulinarisches Wissen anzueignen – über TV-Kochshows, Bücher und Magazine – sowie gemeinsames Kochen und Essen geradezu schwelgerisch-kultähnlich zu zelebrieren, gewinnt in unserer häufig hektischen und fremdbestimmten Welt immer mehr an Bedeutung. Die Nahrungsaufnahme als ganz persönliche Oase und exklusiver Rückzugsort. Das Interessante und Begrüßenswerte daran: Erstmals wird das Essen als Statussymbol zumindest teilweise abgekoppelt vom Faktor Geld. Vielmehr spielt nun ein anderes Luxusgut eine Rolle, das immer rarer zu werden scheint und das im Grunde eines der kostbarsten ist, das wir haben: die Zeit.