Hand in Hand im Ehrenamt

Ehrenamt: Ehrenamtliches Engagement

Von wegen „Die Gesellschaft wird immer kälter“: Hilfbereitschaft boomt! Rund 31 Millionen Menschen packen hierzulande mit an und engagieren sich unentgeltlich für gute Zwecke. Bist du schon dabei?

„Und welche ehrenamtlichen Tätigkeiten übst du aus?“, wurde eine gute Freundin ganz selbstverständlich im Vorstellungsgespräch gefragt, als sie einst in einem kanadischen Unternehmen anheuerte. Nun mag die Frage darauf abgezielt haben, die Sozialverträglichkeit der Bewerberin zu überprüfen, doch es geht noch um mehr, wie sie in den nächsten Jahren erfuhr: Gesellschaftlichem Engagement wird jenseits des Atlantiks auch im Joballtag eine große Wichtigkeit beigemessen – gemeinsam mit Kolleg*innen beteiligt man sich z.B. an Charityläufen, lässt sich für den guten Zweck die (Gesichts-)Haare wachsen oder veranstaltet Wohltätigkeitsfeste. Von Freund*innen aus den USA hörte ich ähnliche Geschichten. So ausgeprägt ist diese Kultur des sogenannten Corporate Volunteering, der Förderung von Mitarbeiterengagement, hierzulande noch nicht, doch auch in Deutschland achten langsam immer mehr Personaler*innen darauf, Menschen einzustellen, die neben Fachwissen auch mit nachweisbarem Gemeinwohl-Interesse punkten können.

Ehrenamt: Gewinn für alle

Nanu, was machen hier plötzlich Karrieretipps in einem Artikel, in dem es doch eigentlich um die gute Sache gehen soll, weniger um die Hoffnung auf Ruhm oder Geld? Tja. Warum nicht auch diesen Aspekt beleuchten – denn ist Hilfe nur etwas wert, wenn sie altruistisch ist? Und kann sie das überhaupt sein? Auch wenn es uns nicht um berufliche Vorteile geht, so haben wir nämlich in der Regel auch selbst etwas davon, wenn wir andere unterstützen: Wer sich gebraucht fühlt, dessen Selbstwertgefühl steigt, dessen Leben fühlt sich sinnvoll an, die erfahrene Dankbarkeit sorgt für zusätzliche Glücksmomente und nicht zuletzt empfinden wir eine Verbundenheit zu anderen, wenn wir ihnen helfen – oder uns gemeinsam für etwas stark machen, siehe die Wohltätigkeitsveranstaltungen im Kolleg*innenkreis. Verschiedene Studien aus dem Bereich der Glücksforschung belegen, dass Menschen, die sich sozial engagieren, nicht nur zufriedener sind, sondern auch eine höhere Lebenserwartung haben als die egoistischen Stoffel unter uns. Eine Win-Win-Situation also, sozusagen – liebe deinen Nächsten und du fühlst dich geliebt.

So gesehen kein Wunder, dass 43,6 Prozent aller Deutschen über 14 Jahren mindestens ein Ehrenamt ausüben, Tendenz steigend: Vor 15 Jahren waren es noch zehn Prozent weniger, und von den heute noch nicht Engagierten erwägt laut der Befragung des 4. Freiwilligensurveys 2016 rund die Hälfte, demnächst mit anzupacken. Möglichkeiten, sich einzubringen gibt es viele – sei es in Naturschutzprojekten, in der Flüchtlingshilfe, der Drogenprävention, bei der freiwilligen Feuerwehr, der Telefonseelsorge, in Nachbarschaftsinitiativen, Kindergärten, Altenheimen, Sportvereinen, Hospizen, Kirchengemeinden und, und, und. Zunehmend sind es dabei kleine, regionale Projekte, für die sich Menschen einsetzen – womöglich, weil sie sich in Zeiten der Globalisierung nach einem Stück „Zuhause“ sehnen und sich in größeren Organisationen verloren fühlen. Nichtsdestotrotz werden auch dort natürlich stets helfende Hände gebraucht, sei es nun bei Greenpeace, Amnesty International oder UNICEF, um nur einige wenige zu nennen.

Staatsaufgaben für Privatpersonen?

Kritische Stimmen merken gerne an, dass unser Gesundheits- und Sozialsystem längst zusammengebrochen wäre ohne das (meist) unentgeltliche Engagement der vielen Freiwilligen und dass es gefährlich sei, wenn immer mehr Probleme, die eigentlich von Seiten des Staates gelöst werden sollten, von Privatleuten angepackt werden – siehe etwa bei den Tafeln, die zur Existenzsicherung einkommensschwacher Personen beitragen, oder im Bereich der Kindertagesstätten.

Tatsächlich bewegen wir uns hier auf einem schmalen Grat, und im Rahmen dieses kleinen Artikels wird sich die komplexe Situation, mit der wir es zu tun haben, nicht auflösen lassen. Ein erster Schritt könnte jedoch sein, unser häufig binäres Denksystem zu hinterfragen: nicht länger hier der Staat, dort die Gesellschaft, hier die Gesellschaft, dort ich, hier ich, dort meine Arbeit. Stattdessen könnten wir wahrnehmen, dass alles mit allem zusammenhängt. Dass einem Ehrenamt ein „richtiger“ Job werden kann, sich aber dennoch nicht alles professionalisieren lässt. Dass Unternehmen auch vom Freizeit-Engagement profitieren und dass es jedem Menschen guttut, wenn er sich verantwortlich fühlt für die (Um-)Welt, in der er lebt. Dass ein Ich sich nur entfalten kann, wenn es von einem Wir getragen wird.