Gluten: Der Feind in meinem Brot

1936

Beim letzten Mal sah sie ihr Hausarzt nur noch resigniert an. „Probieren Sie es mal beim Psychologen“, lautete der abschließende Rat an Patrizia. „Ich fühlte mich dann beinahe schuldig, dass es mir dreckig ging“, erzählt die 29-Jährige. Patrizia litt an Verdauungsbeschwerden, an Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall. „Mein Alltag wurde von dem Gedanken bestimmt ‚Was kann ich noch essen? Und wo habe ich Zugang zu Toiletten?’“ Dazu kamen Müdigkeitsattacken und Konzentrationsschwäche. Ein Verdacht war dabei Patrizias ständiger Begleiter: dass glutenhaltige Getreideprodukte etwas mit ihren Beschwerden zu tun hatten. Wie so viele Menschen verzichtete sie darum auf Weizen & Co. Und siehe da, die Symptome wurden besser. Doch warum? War alles nur ein Nocebo-Effekt?
Denn medizinisch blieb Patrizia über Jahre hinweg ein Rätsel und ohne feste Diagnose. Keine Seltenheit bei dem Symptombild. Bis vor Kurzem galt: Wer mit glutenhaltigen Getreidearten wie Weizen nicht zurechtkommt, leidet an der Glutenunverträglichkeit Zöliakie oder an einer Weizenallergie. Doch nur ein Prozent der Bevölkerung ist in Deutschland von Zöliakie betroffen. Und nur jeder Tausendste hat eine Weizenallergie. Viel mehr Menschen berichten aber, sie fühlten sich besser, wenn sie Getreide von ihrem Ernährungsplan strichen. Auch bei Patrizia ließen sich sowohl Zöliakie als auch Allergie via Biopsie sowie IgE-Antikörper- und Pricktest so gut wie sicher ausschließen. Doch ihrer Symptome wurde sie nicht Herr.
Als „Psychohühnchen“ galten in der Gastroenterologie insbesondere Mädchen und junge Frauen, die etwas häufiger unter solch unklaren Beschwerden litten, erzählt die Kieler Medizinerin Annette Fritscher-Ravens in einem Interview für 3sat. Wenn sich kein definitiver Auslöser der Symptome ermitteln ließ, schien eine gestresste Psyche der einzig ausmachbare Schuldige.

Neue Erkenntnisse

Vor wenigen Jahren aber trat Krankheit Nummer Drei auf den Plan: Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität, kurz NCWS. Der sperrige Name lässt vermuten, wie schwer sich die Forschung noch tut, die mysteriöse Pathologie genauer zu beschreiben. Doch die letzte Zeit lieferte maßgebliche Erkenntnisse. So auch durch das Forschungsteam um Professor Fritscher-Ravens, das sich in der Abteilung für „Experimentelle Endomikroskopie“ an der Kieler Universität auf Spurensuche im Körperinneren macht. Während sich ein Patient in Kurzschlaf befindet, justiert Annette Fritscher-Ravens den langen Schlauch eines Endomikroskops. Jener reicht durch Mund und Speiseröhre über den Magen bis in den Zwölffingerdarm. Dort trägt Fritscher-Ravens auf die Darmwand testweise jene vier typischen Substanzen auf, die so vielen Verdauungssystemen Probleme bereiten, Kuhmilch, Hefe, Soja oder eben Weizen. Das Lasermikroskop auf der Spitze des Schlauchs fängt in 1000-facher Vergrößerung ein, ob etwas passiert, wenn die Testsubstanzen auf die sensiblen Darmzotten treffen. Und falls ja, ist das – mikroskopisch besehen – spektakulär: Bei Kontakt mit der Weizenlösung etwa brechen wolkenartige Gebilde aus der Oberfläche. Es ist ein Kontrastmittel, das dem Patienten vor dem Eingriff injiziert wurde. Nun schießt es winzige, nur mikroskopisch feststellbare Löcher im Gewebe der Darmwand. Noch besser beobachtbar wird der Schaden unter der stärkeren, 10.000-fachen Auflösung eines Elektronenmikroskops: Die Reaktion reißt die Proteinverbindungen in den Zellzwischenräumen geradezu brutal auseinander. Die Folge: Wo eigentlich nur selektierte einzelne Bestandteile hindurch sollten – z.B. bestimmte Inhaltsstoffe der Nahrung – wird die Darmschleimhaut unkontrolliert permeabel, lässt also die falschen Stoffe passieren. Mögliche Folgen: Blähungen und Krämpfe. Auch fürchtet man, dass dieses sogenannte Leaky-Gut-Syndrom noch andere Schäden hinterlässt. Etwa, indem Toxine u.ä. aus der Nahrung durch die nicht-intakte Darmbarriere in den Körper gelangen.
Dank Fritscher-Ravens Methode wird als Akutreaktion am Patienten sichtbar, welche Defekte im Darm entstehen, wenn ein Mensch Weizen nicht verträgt. Noch sind zwar viele Fragen rund um Weizensensitivität offen. Doch Yurdagül Zopf, Ernährungsmedizinerin an der Universität Erlangen, spricht von einer Revolution in der Forschung zu den glutenhaltigen Getreidensorten und den vielen Menschen, die angeben, diese nicht zu vertragen. „Typisch sind Bauchschmerzen, Blähungen, Stuhlentleerungsprobleme, sei es Durchfall oder Verstopfung. Und diese massive Müdigkeit“, beschreibt Zopf Weizensensitivität gegenüber dem Deutschlandfunk. „Einige erzählen von Gliederschmerzen, vor allem an den Händen. Muskelkaterartige Verspannungen am Nacken, Muskelschmerzen.“ Weizenempfindlichkeit mag zunächst wenig bedrohlich klingen, doch angesichts dieser Symptompalette wird deutlich, wie ernst das Phänomen für die Betroffenen ist.

Weizen und Reizdarm

Für Patienten wie Patrizia sind die neuen Forschungsansätze eine große Chance. So gilt Annette Fritscher-Ravens konfokales Endomikroskopie-Verfahren derzeit als einer der vielversprechendsten Wege, um der ebenfalls mysteriösen Krankheit Reizdarm genauer auf die Spur zu kommen. Und dies ist eine der häufigsten gastroenterologischen Erkrankungen! Laut Bundesverband deutscher Internisten e.V. sind in Deutschland bis zu 12 Millionen Menschen davon betroffen. Auch hier gehören all die bereits genannten Verdauungsbeschwerden zum unklaren Symptombild, das viele Betroffene auf eine zermürbende Ärzte-Odyssee schickt. Ein Stoff allerdings stand schon lange im Verdacht, für viele Reizdarm-Fälle zumindest mitverantwortlich zu sein: Weizen. Das Team von Fritscher-Ravens hat diesen Verdacht durch die neue Methode erhärtet: Mindestens ein Drittel jener Patient*innen, die mit der Diagnose Reizdarm zu ihnen kämen, zeigten die spezifischen Reaktionen auf die verdächtigen Nahrungsmittel. Bei einer Testgruppe von 36 Reizdarmpatient*innen etwa reagierten 22 auf mindestens eine der Substanzen, und zwar dreizehnmal auf Weizen, neunmal auf Milch, sechsmal auf Hefe und viermal auf Soja. Auch an der Berliner Charité läuft derzeit eine große Studie, die überprüft, ob nicht mindestens 30 bis 50 Prozent der Reizdarmpatient*innen eigentlich unter einer Weizenempfindlichkeit leiden.

Freispruch für Gluten?

Gluten gilt als der Gesundheitsfeind in unserem Brot. Doch derzeit spricht einiges dafür, dass das berühmt-berüchtigte Klebereiweiß nicht der Schuldige hinter der Weizensensitivität ist. Stattdessen stehen zum Beispiel ATIs im Fokus, Amylase-Trypsin-Inhibitoren. Auch hierbei handelt es sich um eine Proteingruppe, wie sie in Weizen, aber auch in Dinkel vorkommt. Diese Eiweiße sollen eigentlich Fraßfeinde abhalten: Insekten vertragen ATIs nicht. Ähnlich könnte es allerdings auch uns Menschen ergehen. Angestoßen wurde dieser Verdacht erst 2012 von dem Gastroenterologen Detlef Schuppan, als er Mäuse auf Weizendiät setzte. Daraufhin beobachtete er an Darmzellen der Tiere eine Immunreaktion. Und obwohl auch Schuppan die Schuld zunächst auf Gluten schob, hatte er schon bald darauf den eigentlichen Verursacher ausgemacht: die ATIs, die im Dünndarm Entzündungen hervorrufen können. Schuppans Forschung versucht derzeit nachzuweisen, dass so ATIs weitere entzündliche Prozesse im menschlichen Organismus verstärken. In den Darmwindungen der meisten Menschen führt das zu keinem Problem. Anders jedoch dann, wenn bereits Entzündungsherde im Körper vorliegen, zum Beispiel im Falle von Rheuma.