Dr. Mark Benecke: »Menschen und Maden – ich mag beide gerne«

Findet sich deswegen unter deinen vielen Tattoos auch ein Oktopus?
Ich habe sogar drei, ganz fett auf den Rippen (aua!), darunter den „Traum der Fischersfrau“ von Hokusai. Ja, ich denke, es hängt mit den damaligen, mega-eindrucksvollen Erfahrungen mit den Tieren zusammen. Wenn sich sogar Tintenfische und Menschen nahezu anfreunden können – was ist dann noch alles möglich? Die Tiere sind sogar zu uns auf die Hand gekommen und haben sich aus dem Wasser nehmen lassen! Das ist so, als würde ich einer Krake vertrauen, die mich ohne Sauerstoffflasche mit ihren acht Armen mal kurz mit unter Wasser nimmt und mir ihre Höhle zeigen will. Ich vertraue ihr dabei, dass sie einschätzen kann, wann ich wieder Luft brauche.

Zugegeben bin ich erleichtert, dass ihr die Kraken wieder freigelassen habt. Tierversuche sind ja ein enormer Streitpunkt: notwendig oder nicht? Was sagst du als Naturwissenschaftler dazu?
Wir haben mit den Kraken gespielt, das heißt: Lernexperimente gemacht. Das war manchmal für die Tiere langweilig, aber es ging um eine Frage, die ich auch heute noch mit „Tierversuchen“ unterstützen würde, nämlich die Frage, ab welcher Evolutionsstufe
Vermeidungslernen funktioniert und wie lange es abgespeichert bleibt. Wir Menschen können schon ein bisschen gestaltend in die Umwelt eingreifen … Immerhin schreibe ich
auf einem Laptop und fahre gleich mit der Straßenbahn zu einem Vortrag, der über einen Beamer mit Strom an die Wand gestrahlt wird. Ich möchte auch gerne geheilt werden, wenn ich eine bescheuerte Krankheit habe. Was hieltest du denn in Zukunft für ein vertretbares Vorgehen hinsichtlich Tierversuchen? Eine mögliche Leitlinie wäre vielleicht diese: Keine Tierversuche für Kosmetik, es reicht jetzt ein für alle Mal. Tierversuche in der Medizin endlich mit riesigen Geldsummen umstellen auf Versuche an gezüchteten Zellen – richtig Geld reinpumpen, weltweit. Zeitlich begrenzte, artgerechte Lernversuche in Kooperation mit Tieren, die nicht „gezähmt“ oder vorgeführt werden: kein Problem. Ich musste als Kind auch langweilige Sachen machen. Solange ich dabei artgerecht behandelt werde, passt das schon mal.

Als Tierschützer hat man dich ja auch schon bei Kampagnen von PETA gesehen: „Niemand stirbt gern. Rette Leben. Go Veggie“ lautet da ein Slogan auf einem Poster mit dir – immerhin Fachmann für Verstorbene. Nun hast du sogar Ingrid Newkirk, der Mitbegründerin von PETA, versprochen, ihren letzten Willen auszuführen: Nach ihrem Tod sollen Newkirks einzelne Körperteile wie Delikatessen in verschiedene Länder versandt werden, die Leber z.B. nach Frankreich. Damit engagierst du dich für einen Tierschutz, der auf Schock und Protest setzt.
Ja, denn ich verstehe einfach nicht, warum das Umdenken länger dauert. Wirklich jeder halbwegs gesunde Mensch weiß und sieht ganz genau, mit welch speziesistischem Faschismus wir liebe, coole Tiere wie beispielsweise Kühe zu mit Kot verdreckten Sklaven machen. Auch, dass fast das gesamte Fleisch aus Massentierhaltung kommt, weiß jeder in Zentraleuropa, und wie es im Tierknast aussieht, hat auch jeder schon gesehen. Warum sich also daran nichts ändert, ist mir schleierhaft. Aber es gibt ja auch immer wieder Genozide, insofern ist es vielleicht einfach dasselbe – das meine ich todernst. Dass aber gerade Deutsche nicht kotzen, wenn schon wieder Tötung durch Arbeit und Ausbeutung im Megastil bei uns stattfindet, ist schon bizarr. Man muss aber auch das Gute sehen: Dass Angela Merkel die Energiewende angeschoben hat, hat auch kein Mensch geahnt. Einfach am Ball bleiben … Mehr geht nicht.

Bist du, um solche verkrusteten Denkweisen und Strukturen aufzubröckeln, auch selbst politisch aktiv – wenn auch komödiantisch-subversiv? Schließlich bist du Vorsitzender des Landesverbands Nordrhein-Westfalen von Die PARTEI, hast 2015 für das Amt des Oberbürgermeisters von Köln kandidiert und den dritten Platz hinter Henriette Reker und Jochen Ott (SPD) erreicht.
Genau: einfach mal was machen. Wir lernen von den Wähler*innen sehr viel. Die haben uns nicht aus Quatsch ins Europaparlament, in Lübeck und Krefeld ins Stadtparlament und in vielen Städten auffallend nah an die Oberbürgermeister*innen Ämter gewählt. Ich bin erstaunt, wie vielfältig Menschen denken und bin auch zu Pegida in Dresden und Berlin gelatscht – es war grauenhaft, meine Videos davon sind bei YouTube zu finden. Die Welt ist nun mal auch ziemlich vielschichtig und verwoben, da sollte man schon mal mitweben.

Wie meinst du das?
Wir haben Wähler*innen, die einfach irgendwas anderes als das Bestehende wollen, andere vertrauen mir so wie die Tintenfische im Wissen, dass ich wirklich Gutes will, andere hoffen auf Macht – jeder will was anderes. Es ist darum gut, einfach mal den Finger in die Masse zu stecken, so wie wir es auch machen, wenn wir die Temperatur-Unterschiede in sogenannten Madenteppichen gegenüber der Außentemperatur auf Leichen prüfen: Notfalls einfach mal mit einem Handschuh reinfassen. Man merkt dann schon, was Sache ist. Die „Mitarbeiter“ – ob Menschen oder Maden, ich mag beide gerne – sind meist schon viel länger am Werk als man dachte.

 

Das Interview erschien urspünglich in der August/September-Ausgabe 2016, die Sie hier bestellen können. Alle Hefte schicken wir Ihnen portofrei zu.

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