„Darfst du das noch?“

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Cashewmus statt Käse, Reisdrink statt Milch, Gummi statt Leder. So weit, so gut. Doch ein veganer Alltag birgt zahlreiche Tücken. Im Zweifel auch mal ein Auge zudrücken oder hart bleiben – wie viel Konsequenz ist wichtig?

„Die Lederschuhe, die du noch besitzt – musst du die jetzt alle wegwerfen?“ „Wenn du krank wirst, kannst du dann diese Tabletten überhaupt nehmen? Die sind schließlich mit Gelatine ummantelt …“ „Darfst du denn die Jacke mit den Hornknöpfen, die dir deine Oma vererbt hat, überhaupt noch tragen?“

Veganer kennen solche und ähnliche Fragen zur Genüge. Hin und wieder stellen sie sie sich sogar selbst. Fragen, die letztlich alle um das eine Grundsatzproblem kreisen: Wie konsequent sollte man seine Entscheidung für den Veganismus durchziehen? Wenn man genau hinguckt, beinhalten die eingangs genannten Beispiele allerdings von vornherein einen kleinen Denkfehler, dessen Auflösung zwar noch nicht direkt zur Antwort führt, aber doch einen entscheidenden Schritt weiter. Müssen, können, dürfen – darum geht es nicht. Denn sieh mal einer an: Für Veganer gelten keine anderen Gesetze als für Omnivoren, und sie büßen auch keine ihrer Fähigkeiten ein. Sie wollen schlichtweg manche Dinge nicht mehr zu sich nehmen, und das aus guten Gründen. Ob diese nun ethischer, gesundheitlicher oder ökologischer Natur sind – wie weit man seinen Entschluss fassen möchte und kann, bleibt zunächst einmal eine individuelle Entscheidung. Es gibt Menschen, die sich „nur“ vegan ernähren und solche, die vegan leben, also auch auf Kleidung, Möbel, Kosmetik und Weiteres verzichten, das Tierprodukte enthält.

Individuelle Entscheidung hin oder her – Diskussionsstoff bleibt natürlich dennoch, das weiß jeder, der sich schon mal längere Zeit auf der Facebook-Seite von Attila Hildmann getummelt hat – seines Zeichens veganer Vorzeige-Promi-Koch, der vorübergehend einen Porsche mit Ledersitzen fuhr und dafür bis heute heftig kritisiert wird. Oder jeder, der sich mit einem schlechten Gewissen herumquält, weil er hin und wieder doch noch mal in ein Käsebrötchen beißt. Es gibt sie alle in der Szene: die Hardcore-Fraktion, die jeden noch so kleinen „Regelverstoß“ mit Vorwürfen ahndet. Die Fun-Veggies, die pflanzliches Essen hip und lecker finden, es im Einzelfall aber nicht so genau nehmen mit der Wahl ihrer Mahlzeit. Die Entspannten, die ihr Bestes versuchen, ohne dabei zu verkrampfen. Und die Verzweifelten, die sich bemühen, nichts Tierisches zu sich zu nehmen oder zu nutzen und dabei immer wieder an ihre Grenzen stoßen: Muss ich mich schämen, wenn ich einen Allesesser küsse? Darf ich ein Haustier halten, und wenn ja – welches Futter gebe ich ihm? Ist es okay, in das Taxi mit Ledersitzen zu steigen? Ist der Bildschirm meines Handys vegan, der Klebstoff am Etikett meiner Wasserflasche, der Aufnäher meiner Jeans, die Farbe meines Tattoos und der Wein im Restaurant? Sollte ich meine veganen Mahlzeiten im Allesesser-Restaurant bestellen, um die Nachfrage deutlich zu machen, oder ist es verwerflich, weil ich damit ein Lokal unterstütze, das Gerichte anbietet, die mir wegen ihres Fleischgehalts zuwider sind?

Tierprodukte, wohin man sieht

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Ein komplett veganes Leben ist heutzutage leider noch nahezu unmöglich. Tierische Stoffe verstecken sich beinahe überall: in Streichhölzern, Kerzen, Porzellan, Büchern, Kartoffelchips, Marmelade und und und. Wer einmal anfängt, das Thema zu recherchieren, kann schier durchdrehen angesichts der Tatsache, wie „normal“ es in unserer Gesellschaft ist, Tiere als Grundstoff für alle möglichen Produkte zu verwerten. Und selbst wem es trotzdem gelingt, sich nahezu perfekt zu informieren, sein Wissen regelmäßig aufzufrischen und tierische Produkte so gut wie komplett aus seinem Leben zu streichen, der wird dennoch hin und wieder Verwandte und Freunde besuchen, die Käse essen, im Daunenbett schlafen oder Ledergürtel tragen.
100-prozentiges Vegansein anzustreben und 99 Prozent zu schaffen, ist vorbildlich und begrüßenswert, doch 80 Prozent zu geben, ist besser als nichts. Ob es alltägliche Schwierigkeiten sind oder auch eigene Schwäche – etwa, wenn alle paar Wochen doch mal noch eine konventionelle Pizza auf dem Teller landet: Jeder Schritt zählt. Denn wenn wir Perfektionismus zum Maß aller Dinge erheben und jeden verteufeln, der dem Ideal nicht komplett entspricht, dann entmutigen wir jene, die ihre ersten Gehversuche im veganen Schlaraffenland wagen, bevor sie darin laufen lernen. Wer nur die Wahl zwischen ganz oder gar nicht hat, entscheidet sich womöglich für letzteres, weil ihm „ganz“ zu schwierig erscheint oder zu extrem. „Quatsch, ist es doch gar nicht“, werden einige rufen, und tatsächlich wundern sich viele Neu-Veggies, dass die Umstellung unkomplizierter ist als gedacht. Doch Empfindungen, Erfahrungen und Lebenswelten sind eben individuell, und was dem einen leicht fällt, stellt für den anderen eine riesige Hürde dar. Das gilt schließlich auch in anderen Situationen: „Was ist schon dabei, vor Hunderten von Leuten eine Rede zu halten?“, könnte der Extrovertierte dem Schüchternen vorhalten. Oder die Liberale der Verletzten: „Warum bist du eifersüchtig, ist doch nur Knutschen!“ Wer andere mit seinen Überzeugungen nicht überrumpelt und ihnen und ihrem Anderssein offen und respektvoll entgegentritt, erreicht in der Regel deutlich mehr als durch wüste Beschimpfungen und vorwurfsvolle Tiraden. Auch Selbstgeißelungen können kontraproduktiv sein, führen sie doch allzu schnell zu einer „Ich schaffe es ja doch nicht“-Haltung, die uns Gefahr laufen lässt, gleich sämtliche Vorsätze über Bord zu werfen, anstatt an jenen festzuhalten, die einzuhalten uns bereits gelingt.

Auch wenn einen angesichts der Zustände manchmal Wut und Hilflosigkeit ergreifen – wir können kein isoliertes Einsiedlerdasein führen und sollten es auch nicht, denn die Welt kann nur ändern, wer Teil von ihr ist. Und auch dann funktioniert es nicht von heute auf morgen, sondern nur in kleinen Schritten. Die aber sollten wir gehen. Ganz konsequent.